Freunde machen uns stark

Rainer Seehase und Gerhard Niemeier haben einander schon oft geholfen. Der eine konnte Mathe besser und ließ abschreiben, der andere wusste besser Bescheid über Mädchen und gab Tipps. Aber die wahren Freundschaftsdienste erforderten manchmal Mut. Wie damals, als Gerhard Niemeier die Härte einer strengen Lehrerin zu spüren bekam. "Das war so ein Drache aus dem ›Dritten Reich‹", erinnert er sich. Und der Drache schlug kräftig zu, als der Junge wieder einmal zu spät zum Unterricht kam. "Bums! Da war dein Kopf ganz rot", erzählt Rainer Seehase. Zuerst habe er grinsen müssen, gesteht er. Aber dann organisierte er mit anderen Schulkameraden aus Solidarität einen Protest. Die halbe Klasse marschierte zum Haus der Lehrerin, um ihr zu sagen, dass die Schüler nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten. "Das fand ich toll", sagt Niemeier.

Besonders in schwierigen Situationen zeigt sich der wahre Wert von Freunden: Sie machen uns stark und schützen vor Stress. Um das zu messen, bringen Wissenschaftler Menschen in die unangenehmsten Situationen. Der Freiburger Psychologieprofessor Markus Heinrichs etwa ließ Probanden Präsentationen vor einem Publikum samt Kamera halten. Anschließend mussten sie ohne Vorwarnung auch noch Kopfrechenaufgaben lösen. Ein Albtraum für viele. Manche kamen mit der Situation aber besser zurecht als andere: Das waren diejenigen, die ihren besten Freund oder ihre beste Freundin hatten mitbringen dürfen. "Sie waren erheblich weniger gestresst als die Personen, die allein kommen mussten", sagt Heinrichs. Die Forscher maßen in ihrem Speichel eine niedrigere Konzentration des Stresshormons Cortisol, und die Probanden selbst berichteten über weniger Angst und Unruhe. Dabei durften die Freunde nur während der Vorbereitungsphase anwesend sein, nicht beim Test selbst. Heinrichs bringt seine Ergebnisse auf eine Faustformel: "Zehn Minuten an meiner Seite, schützt ein Freund mich über eine Stunde lang wirksam vor Stress."

Der Psychologe glaubt, dass dafür das Hormon Oxytocin verantwortlich ist. Es baut Vertrauen auf und reduziert Angst. Wissenschaftler nehmen an, dass der Körper das Hormon in Gegenwart von vertrauten Personen vermehrt ausschüttet. Direkt nachweisen konnten sie das bisher aber nicht. Blut- und Speicheltests spiegeln nur bedingt wider, was im Gehirn passiert. Deshalb hat Heinrichs die Wirkung des Hormons mithilfe eines Nasensprays getestet. Bei seiner Stressstudie ließ er die Hälfte der Probanden das Oxytocinspray einatmen, den anderen verabreichte er ein Placebo, ein Scheinpräparat. Tatsächlich waren die Probanden, die sowohl ihren Freund dabeihatten als auch das Hormonspray inhalierten, am besten gegen den Stress gefeit. Diejenigen, die allein kamen und nur das Placebo erhielten, reagierten am empfindlichsten auf Stress.

Forscher haben diese Experimente (ohne Spray) auch mit Paaren gemacht – mit einem erstaunlichen Ergebnis. Zwar hilft es Männern, wenn ihre Partnerin ihnen gut zuredet. Umgekehrt gilt das aber nicht immer. Bei manchen Frauen war die Stressreaktion sogar stärker, wenn ihr Partner mitkam. "Für Frauen kann es unter Umständen besser sein, bei einer Herausforderung die beste Freundin und nicht den Mann mitzubringen", sagt Heinrichs.

In Gegenwart von Freunden erscheinen Probleme kleiner – und Berge buchstäblich flacher: In Experimenten schätzen Menschen die Steigung eines Hügels tatsächlich geringer ein, wenn ein Freund neben ihnen steht. Je länger sie ihn kennen, desto stärker ist der Effekt. Oft reicht sogar der Gedanke an ihn, damit der Berg schrumpft. "Wir verbuchen unsere Freunde als potenzielle Unterstützung", sagt Psychologieprofessor Denissen. "Wer solche Ressourcen hat, stuft ein Problem als weniger bedrohlich ein." Denissen hat festgestellt, dass Menschen an Tagen, an denen sie ihre Freunde treffen, ein höheres Selbstwertgefühl haben. Er sieht sogar einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Freundeskontakte in einem Land und der Stimmung der Bevölkerung. Ein Vergleich der OECD-Länder ergab: In den USA oder Griechenland, wo die Menschen oft in Kontakt zu ihren Freunden stehen, ist das Selbstwertgefühl der Bürger höher als in Ländern wie Ungarn oder Japan, in denen die Menschen weniger Zeit mit ihren Freunden verbringen. "Das war ein sehr starker Effekt", sagt Denissen. "Man kann die Länder in einem Diagramm wirklich auf einer Linie platzieren." Deutschland liegt darauf im Mittelfeld.

Seehase und Niemeier treffen sich zweimal in der Woche, nicht nur für Segelgespräche, auch zur "Gefühlsausschüttung". Niemeier erzählt dann von seiner Mutter, die gerade hundert geworden ist und Pflege benötigt, Seehase muss manchmal etwas über seine "vertrackten Kinder" loswerden. Die großen Themen des Lebens besprechen sie auf ihrem Segelschiff, nachts, wenn die See ruhig ist und die Verano geschmeidig durch das Wasser gleitet. Vor ein paar Jahren, als die Frau von Gerhard Niemeier gestorben war, saßen sie viele Nächte oben an Deck und redeten. "Das hat mir geholfen."

Die Menschen dagegen, die in die Sprechstunde von Wolfgang Krüger kommen, haben oft keine Freunde zum Reden. Der Berliner Psychotherapeut hat einen "eklatanten Freundschaftsmangel" bei vielen seiner Patienten festgestellt. Vor allem Männer hätten häufig kaum Vertraute und machten sich zu sehr von ihrer Frau abhängig. Krüger hat ein Buch über die Bedeutung der Freundschaft geschrieben und bietet sogar Beratungskurse an. "Ich bin sicher, dass manche Menschen gar keine Therapie bräuchten, wenn sie mehr Freunde hätten", sagt er.

Eines zeigen Studien deutlich: Wer gute soziale Beziehungen hat, ist zufriedener, körperlich gesünder und lebt sogar länger. Letzteres offenbarte erst vor Kurzem eine Metaanalyse von Psychologen der Brigham Young University in Utah. Die Forscher werteten Studien mit insgesamt mehr als 300.000 Personen aus, deren Gesundheitszustand im Schnitt über acht Jahre dokumentiert worden war. Menschen mit engen Bindungen hatten eine 50 Prozent höhere Chance, diesen Zeitraum zu überleben. Fehlender sozialer Rückhalt erwies sich dagegen als ebenso schädlich wie der tägliche Konsum von 15 Zigaretten oder Alkoholmissbrauch und schädlicher als Sportverweigerung oder Übergewicht.

Positive Beziehungen wiederum stärken das Immunsystem, verbessern die Wundheilung, senken das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depression. Sie wirken wie ein Puffer, vermuten Forscher: Die Unterstützung der Mitmenschen dämpfe die Wirkung von akutem Stress und dauerhaften Belastungen. Zudem achten Menschen nach Ansicht der Wissenschaftler mehr auf ihre Gesundheit, wenn sie enge Bindungen haben.

Dass es vor allem die Freunde sind, die die Lebenserwartung erhöhen, zeigte eine australische Langzeitstudie mit 1500 über 70-Jährigen. Der Kontakt zu den eigenen Kindern oder anderen Verwandten hatte demnach deutlich weniger positiven Einfluss. "Freunde können wir uns aussuchen. Wir schätzen die Beziehung zu ihnen tendenziell mehr als familiäre Bindungen. Das könnte dazu führen, dass sie uns emotional mehr nutzen", sagt Carlos Mendes de Leon vom Rush Institute for Healthy Aging in Chicago.