ZEIT Wissen: Professor Hood, stimmt es, dass Sie in Ihren Vorlesungen die Jacke eines Massenmörders herumreichen?

Bruce Hood : Ja, aber das ist nur ein dramaturgischer Kniff. Wenn die Zuhörer die Jacke berührt haben und anschließend erfahren, dass sie einst einem Massenmörder gehörte, sind sie angewidert und fühlen sich kontaminiert.

ZEIT: Und was bezwecken Sie damit?

Hood : Mit der Jacke verbinden viele eine Art negative Energie, die durch direkten Kontakt auf sie übertragen werden kann – sie glauben an etwas Übernatürliches, und dieser Glaube entspringt der Intuition. Mit dem Glauben an Geister, Glücksbringer oder an ein Leben nach dem Tod verhält es sich ähnlich.

ZEIT : In Ihrem Buch behaupten Sie, dass selbst aufgeklärte und skeptische Menschen an übernatürliche Phänomene glauben. Wie kommen Sie darauf?

Hood : Skeptiker halten Telepathie und Geister für Unsinn, aber die Strickjacke zu berühren finden auch sie unbehaglich. Und wenn man in 10.000 Meter Höhe in einem Flugzeug sitzt und irgendetwas schiefgeht, fangen auch Atheisten plötzlich an zu beten.

ZEIT: Woran liegt das?

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Hood : An der Funktionsweise unseres Gehirns. Die Evolution hat es darauf getrimmt, die Welt zu interpretieren und Struk- turen zu erkennen. Wenn wir etwa bei Vollmond nicht gut schlafen, halten wir das für ungewöhnlich und verdrängen die vielen Male, in denen das bei Vollmond nicht passiert ist. Es ist schwer, diese tief sitzenden Mechanismen zu überlisten. Besonders in Stresssituationen fällt rationales Denken schwer.

ZEIT : Sie führen biologische Ursachen an, aber Religion und Aberglaube verbreiten sich doch auch durch die Kultur.

Hood : Das erklärt jedoch nicht die Unterschiede zwischen Menschen, die in derselben Familie aufgewachsen sind. Die Religion ist nur deshalb so erfolgreich, weil sie auf den Ideen aufbaut, die wir von Natur aus für plausibel halten. Wenn Kinder allein auf einer einsamen Insel aufwachsen würden, hätten sie bald ihre eigenen Dämonen und Götter erfunden.

ZEIT : Können wir die Irrationalität nie hinter uns lassen?

Hood : Aberglaube verschwindet – niemand glaubt heute noch an Hexen. Dafür gibt es heute New Age. Diese Leute akzeptieren Errungenschaften der Wissenschaft wie Handy und Internet, halten aber zugleich an ihren esoterischen Vorstellungen fest.

ZEIT : Eine Gefahr für die Zivilisation?

Hood: Mancher Aberglaube ist gefährlich. In Afrika werden Albinos von vermeintlichen Magiern getötet. Wir müssen verstehen lernen, warum Menschen solchen Glaubenssystemen anhängen.

Das Gespräch führte Max Rauner