Vor 15 Jahren machte das Navigationsgerät im Auto noch richtig Spaß. Damals fingen Navis an, nicht mehr nur Wege, sondern auch Umwege zu zeigen. Hinweise zur Stauumfahrung erfreuten aber nur die wenigen Betuchten, die so ein tolles Ding an Bord hatten. Sie wurden frühzeitig vor dem Problem gewarnt, das sich auf der Route vor ihnen aufbaute, fuhren runter von der Autobahn und ließen sich um den Stau herumlotsen. Das gemeine Autofahrervolk steckte derweil blind und unwissend fest.

Vorbei. Heute haben Krethi und Plethi ein Navi im Auto. Fest eingebaut vom Fahrzeughersteller oder "mobil" – mit Saugnapf an die Scheibe geklebt. Vom Discounterteil bis zum Hochpreismodell. Neuerdings sind Navis auch schon im Smartphone integriert und werden unter Umständen sogar gratis mit frischen Verkehrsmeldungen beliefert. Der Wissensvorsprung ist dahin, Navigation ist zum erschwinglichen Volksvergnügen geworden, das Wissen über die Verkehrslage ist sozialisiert. Die Vorteile sind gerecht verteilt. Leider mit der Folge, dass sie oft kaum noch wahrzunehmen sind.

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Denn kommt eine Staumeldung mit Umleitungsempfehlung, stürzen sich die Massen wie Lemminge von der Autobahn in den absehbaren Stau auf der Bundesstraße, spätestens an der nächsten Ampel. Der Erfolg der Navigationsgeräte wird ihnen zum Verhängnis. Und Praktiker, Verkehrsexperten und Automobilklubs geben in seltener Einstimmigkeit den Rat: Bleibt bloß auf der Autobahn! Jedenfalls, solange es sich nicht um eine Vollsperrung oder einen großen Stau von über zehn Kilometer Länge handelt. "Das Beste ist, einfach in den Stau reinzufahren", empfiehlt auf der Grundlage eigener Erlebnisse und einschlägiger Studien auch der Stauforscher Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen. Ein ernüchternder Rat, denn wozu braucht man dann noch ein interaktives, mit Echtzeitdaten zur Verkehrslage gefüttertes Navigationsgerät? Ein Einwand, den die Gerätehersteller und Verkehrsinfo-Lieferanten natürlich nicht hören wollen. Sie haben es schwer genug. Marktsättigung droht – 20 Millionen Navigationsgeräte hat der ADAC Anfang 2010 in Deutschland gezählt.

Zudem bedroht die Handynavigation das Geschäft mit mobilen Navis . Deshalb wird derzeit mit erheblichem Aufwand versucht, den Kunden mit noch aktuelleren Daten zur Straßenlage zu locken. Das fängt beim guten alten TMC an. Der Traffic Message Channel, über den die Rundfunkanstalten Verkehrsdaten ans Navigationsgerät schicken, wird soeben generalüberholt. Im Laufe des kommenden Jahres startet "TMC 2.0".

TMC ist, weil gratis, in Deutschland der am weitesten verbreitete Verkehrsdienst. Doch wegen der beschränkten Übertragungsrate des analogen Funkkanals erfährt der Autofahrer nur einen Bruchteil dessen, was die Verkehrszentrale alles weiß. Kaninchen oder Pferd auf der Fahrbahn? Baut sich ein Stau auf oder ab? Der TMC-Kunde bekommt es nicht mit, weil die Bandbreite von 60 Bit pro Sekunde nur für ein paar deutschlandweit relevante Meldungen pro Minute reicht.

Der TMC-Verkehrsfunk könnte viel besser sein. Ihm zugrunde liegen nicht nur die Unfall-, Stau- und Baustelleninfos von Polizei und Verkehrsbehörden, die Daten von Überwachungskameras und den Induktionsschleifen an Autobahnauffahrten – auch der ADAC unterstützt die Volksnavigation hingebungsvoll. Entwicklungsleiter Markus Bachleitner verweist stolz auf "unsere 100.000 registrierten Staumelder", die ihre Beobachtungen von unterwegs telefonisch durchgeben. Besitzen die Helfer auch noch ortungsfähige GPS-Smartphones , melden diese sich automatisch, wenn das Fahrzeug auffallend langsam wird. Auf Knopfdruck sendet das Gerät dann Live-Staumeldungen an die ADAC-Verkehrszentrale.

TMC 2.0, verspricht Bachleitner, wird die Anzahl der Meldungen verdoppeln, indem sie nach Bedeutung sortiert und verschickt werden: Weniger Wichtiges wird seltener gemeldet. Dafür soll endlich eine Vollsperrung von einer dichten Spur zu unterscheiden sein.