EU-Gesundheitskommissar John Dalli hat das Problem nicht nur auf den Punkt gebracht: »In der Europäischen Union entsteht bei jeder zehnten medizinischen Behandlung im Krankenhaus ein Schaden für die Patienten. Viele dieser medizinischen Behandlungsfehler sind vermeidbar.« Die Aussage, kürzlich in der Welt erschienen, entfachte auch eine öffentliche Diskussion um Patientensicherheit.

Und das ist gut so: Ob das falsche operierte Bein, die Ansteckung mit gefährlichen Keimen oder vertauschte Medikamente – im Krankenhaus passieren immer wieder schlimme Fehler. Das weiß man zwar nicht erst seit Dallis Mahnung, und es gibt in Deutschland auch schon viele Bemühungen, die Fehlerquote zu verringern. So soll noch im Sommer ein Krankenhaus-Hygiene-Gesetz in Kraft treten. Auch ein Qualitätssiegel ist angedacht für Krankenhäuser, die eine geringe Rate an Infektionen und einen hohen Hygiene-Standard haben. Zahlreiche Institutionen haben sich zudem der Patientensicherheit verschrieben, etwa das Aktionsbündnis Patientensicherheit. Und viele Krankenhäuser haben Fehlerberichtssysteme eingeführt, es gibt ein umfassendes Behandlungsfehlerregister mit einheitlicher Bundesstatistik, diverse Checklisten und Handlungsempfehlungen oder etwa das Fortbildungskonzept Patientensicherheit der Bundesärztekammer.

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Der Effekt des lobenswerten Engagements ist bislang aber gering – die Zahl der nachgewiesenen Behandlungsfehler hat sich über Jahre kaum verändert. Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern weisen Jahr für Jahr mehr als 2000 Behandlungsfehler nach, weitaus mehr tauchen in der Statistik gar nicht erst auf.

Es reicht jetzt nicht mehr, dass sich nur die Ärzteschaft bemüht, die Fehler zu vermeiden – die Patienten müssen die Sache selbst mit in die Hand nehmen, wollen sie nicht Opfer einer falschen Behandlung werden. Die Schweizer Stiftung für Patientensicherheit hat nun eine Aktion gestartet, die genau das zum Ziel hat. In zwölf Schweizer Krankenhäusern testet sie eine Broschüre mit Handlungsempfehlungen für Patienten. Beim Aufnahmegespräch händigt das Klinikpersonal sie aus und ermuntert die Patienten dabei, schon den Verdacht auf einen Fehler zu melden. In der Broschüre wird ihnen empfohlen, zum Beispiel nachzufragen, ob sich Ärzte und Pfleger die Hände desinfiziert haben, wie die geplante Operation genau ablaufen oder was die neue Tablette auf dem Nachtschrank bewirken soll. Die Patienten sollen achtgeben, dass Mediziner und Pfleger sie mit richtigem Namen ansprechen oder das richtige Bein vor der Operation markieren. Ganz nach dem Motto: Lieber nerven als blind vertrauen.

Das ist der richtige Ansatz, aus zwei Gründen. Zum einen ist es gut gegen Ängste der Patienten. Eine Forsa-Umfrage zeigte Ende 2009, dass sich mehr als die Hälfte aller Deutschen vor einem Klinikaufenthalt fürchtet, an oberster Stelle steht mit 65 Prozent die Angst vor Behandlungsfehlern. Sind die Patienten aktiv eingebunden, fühlen sie sich nicht mehr schutzlos ausgeliefert. Zum anderen werden Ärzte und Pfleger achtsamer. Wenn das die Sicherheit in Krankenhäusern verbessert, ist allen geholfen.