Die Welt liegt im Keller, ordentlich sortiert, wie es sich für eine deutsche Behörde gehört, die Metallschränke sind olivgrün, an der Decke Neonlampen. Volker Steinbach hastet vorbei an Afghanistan, Australien, Chile, vor dem China-Schrank bleibt er stehen und zieht eine Schublade mit Steinen heraus. Zinkerz mit Germanium, »hochbegehrt«, sagt Steinbach. Weiter nach Südafrika, hier liegen Glasröhrchen mit Platinpulver im Schrank, »braucht man für Herzschrittmacher«. In Kanada Kobalterz, in Brasilien Niob, und dann ist da noch Schrank Nummer 489, er trägt die Aufschrift Coltan, so heißt das Erz, das Tantal enthält – ohne das es kein Handy gäbe. »Wir haben hier die weltgrößte Coltansammlung«, sagt Steinbach, »und dieses hier«, graue Körner in Röhrchen 47, »wird auch Blutcoltan genannt«. Es stammt aus einer von Rebellen kontrollierten Mine in der Demokratischen Republik Kongo. Mit dem Verkauf finanzieren die Krieger Waffen.

Die ungewöhnliche Mineraliensammlung gehört der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover-Lahe. Staatsgeologen wie Volker Steinbach archivieren hier Gesteinsproben aus Bergwerken, Lagerstätten, Museen und Erkundungsbohrungen in der ganzen Welt. Nur wenige Wissenschaftler kennen sich in der Erdkruste so gut aus wie sie. Und ihr Wissen ist gerade ziemlich gefragt.

Denn deutsche Unternehmen und Wirtschaftspolitiker schlagen Alarm: Der Industrie gehen die Rohstoffe aus. Es geht um Kupfer, Nickel, Zinn, um Elektronikmetalle wie Indium, Tantal, Platin, um Seltenerdmetalle wie Neodym und Ytterbium mit magischen Eigenschaften. Ohne sie könnte man weder Computer bauen noch iPads , keine Hybridautos, keine Laser, keine Windräder. Leider werden sie aber auch immer knapper und teurer. Das ist das Problem.

Die chinesische Industrie kauft die Weltmärkte leer und verarbeitet mittlerweile zwischen 35 und 45 Prozent der Weltproduktion, zum Beispiel von Kupfer oder Aluminium. Und auch die begehrten Seltenerdmetalle, die derzeit zu 97 Prozent aus China stammen, verbraucht die dort ansässige Industrie zunehmend selbst, die Regierung hat Exportquoten verhängt. Zudem hat sich China Anteile am Bergbau in Afrika gesichert, wo ebenfalls sehr viele Hightechmetalle im Boden liegen.

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Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags hat bereits jeder zweite Betrieb große Schwierigkeiten, an die benötigten Rohstoffe zu gelangen . Deutsche Unternehmen gehören weltweit zu den größten Verbrauchern von Industriemetallen, sind aber zu 100 Prozent auf Importe und Recycling angewiesen. Im Jahr 2009 haben sie Metallrohstoffe im Wert von 22 Milliarden Euro importiert. »Wenn wir nichts tun«, warnte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) , Hans-Peter Keitel, werden unsere Wertschöpfungsketten brechen.« Hightech-Deutschland, der Motor des europäischen Wirtschaftsaufschwungs, könnte ins Stottern kommen, weil ihm der Sprit ausgeht.

Das zu verhindern ist der neue Job von Volker Steinbach. Seit Oktober leitet der Geologe die neu gegründete Deutsche Rohstoffagentur . Sie soll der Industrie helfen, an begehrte Stoffe heranzukommen. Für den Aufbau der Agentur bekommt Steinbach zehn Millionen Euro, verteilt auf vier Jahre, damit werden Beratungsdienste und ein Kontaktbüro für die Wirtschaft finanziert, außerdem Studien, in denen die BGR-Geologen die Bodenschätze anderer Länder bewerten. Auch das Mineralienarchiv im Keller soll weiter wachsen, wenn Mitarbeiter von neuen Erkundungsexpeditionen zurückkehren.

Und nebenher will Steinbach noch die Bevölkerung missionieren. In seinen öffentlichen Vorträgen zählt er auf, aus welchen Rohstoffen Brillen, Hörgeräte, Messer und andere Alltagsgegenstände bestehen, schon ein Handy, sagt er, enthalte 50 chemische Elemente. Viele assoziierten Rohstoffe zwar mit Raubbau an der Natur, auf ein Handy wollten sie aber trotzdem nicht verzichten. Steinbach sagt: »Da fehlt ein Rohstoffbewusstsein.«