Die Wiese, das Rasenmähergeräusch. Schnitt. Der Vater in der Latzhose, das rote Fahrrad. Schnitt. Das Propellerflugzeug, lautes Lachen der Nachbarskinder. Schnitt. Plötzlich ist die Vergangenheit Gegenwart. Entgegen jeder Absicht sehe ich mich ausgerechnet in diesem unpassenden Moment wieder auf der Wiese vor dem Haus meiner Eltern, als wären 25 Lebensjahre einfach getilgt. Ich höre ein zweimotoriges Propellerflugzeug, obwohl gerade keine Maschine am Himmel ist; ich sehe mich mit meinem ersten Fahrrad an den nahe gelegenen Badesee fahren, obwohl ich das Fahrrad nicht mehr habe und weit und breit kein See ist. Und etwas Wohliges durchflutet mich. Schnitt.

Dann sehe ich plötzlich das lockige Mädchen, wie es am Geländer einer Terrasse lehnt und über einen großen Garten blickt. Ich sehe ihr Lächeln vor mir und das geblümte Kleid. Dann höre ich das Schmatzen vom Kies der geschwungenen Einfahrt, auf der ein schwarzer Golf Cabrio sich nähert. Schnitt. Obwohl ich mich jetzt hier auf dem Fußgängerweg einer stark befahrenen Straße mitten in der Großstadt befinde, faltet sich die ganze landschaftliche Schönheit des Gartens von damals auf, in dem die Eltern der ersten Freundin Kaffee tranken. Das Blumenbeet. Die Schaukel. Das Fachwerkhaus dahinter. Es ist, als reagierte der Körper auf direkte Sinnesreize – doch es gibt keine.

Es gibt weder den Kies noch ein Cabrio, noch eine Auffahrt. Es gibt nur das Rattern eines Rasenmähermotors und den süßlichen Duft geschnittenen Grases, als ich an einem Freitagnachmittag kurz vor Ladenschluss mit zwei Tüten vom Supermarkt nach Hause gehe, dem Hausmeister in Latzhose einen Gruß zunicke und mich plötzlich so schwach und traurig fühle wie damals, als mich meine erste Freundin verließ.

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Der Geruch von gemähtem Gras ist jedem vertraut. Jeder assoziiert damit eine Wiese und vielleicht einen Sonnentag im Sommer. Mein Leben aber ist anscheinend deutlich geprägt durch zwei existenzielle Erfahrungen mit gemähtem Gras. Die eine Erinnerung versorgte mich mit dem Gefühl von Sicherheit und Heimat: das Glück in der Kindheit, wenn der Vater im Garten mähte und sich beim Riechen des Grases ein wohliges Urvertrauen in die Welt einstellte. Die andere verband sich mit Hoch, Tief und Ende der ersten Liebe.

Beide Szenen sind Schlüssel zu meiner subjektiven Biografie, obwohl sie längst in den Tiefen meines Gedächtnispalasts verschwunden gewesen zu sein schienen. Jeder hat einige, vielleicht viele solcher Schlüssel, die in die vielen Schlösser dieses Palasts passen und die Türen zur eigenen Identität öffnen.

Manchmal reicht schon ein Wort, ein Stadtname, ein Timbre, der Duft eines Parfüms, der Fetzen einer Melodie oder eben der Geruch gemähten Grases aus, um in die Fantasieströme des eigenen Märchenreichs einzutauchen. Auf einmal steigen aus den Tiefen mirakulöse Details auf – weder weiß man, von wem, noch, aus welchem Teil sie kommen. Es ist einer der rätselhaftesten und magischsten Momente, wenn den Menschen eine affektiv besetzte Sinnesempfindung erneut überwältigt. Plötzlich verlässt er Raum und Zeit und reist zurück in die Vergangenheit. Er macht sich das Verinnerlichte selbst zugänglich. Er erinnert.

Die psychische Mechanik des Erinnerns ist derart komplex, dass darin so gut wie alles spezifisch Menschliche involviert und aneinandergekoppelt ist: Emotion, Bewusstsein, Geist, Verstand, Poesie. Erinnerung ist nicht einfach gleichzusetzen mit Gedächtnis, obwohl Erinnerung und Gedächtnis sich nicht trennen lassen. Erinnern ist vielmehr das Plündern des Gedächtnisses als Tätigkeit des Geistes mithilfe des Gehirns . Man könnte sagen: Das ganze Leben besteht aus Erinnern. Ohne Erinnerung ist eine persönliche Identität nicht möglich. Oder wie der Gedächtnisforscher und Psychologe Daniel Schacter von der Harvard University schlicht resümiert: "Wir sind Erinnerung."

Jener kurze Moment am Freitagnachmittag hatte für mich persönlich einige Konsequenzen. Die Frage, ob ich meine Erinnerung beherrsche oder die Erinnerung mich beherrscht, ließ mich zu einer doppelten Reise aufbrechen: der Reise durch mein Leben, zurück zu den Momenten, in denen die Ereignisse geschahen; und der Reise zu Forschern und Wissenschaftlern, die sich federführend mit den Mechanismen des Erinnerns beschäftigen.

Je länger ich in doppelter Hinsicht reiste, desto klarer wurde, dass Erinnern kein Buch mit sieben Siegeln, in meinem Fall aber eines mit sieben Kapiteln ist: vom unmittelbaren Auslöser über die Theorie des Bewusstseins und den neurophysiologischen Vorgang des Speicherns von Informationen bis hin zur Frage, inwieweit Erinnerungen überhaupt wahr sein können und warum das Erinnern nach Ansicht von Psychologen und Hirnforschern der einzige Mechanismus ist, mit dem die Gesetze der Natur überlistet werden können. Die Reise sollte mich schließlich zu einer verblüffenden Erkenntnis führen.

1. Kapitel: Die Erinnerungsblüte

1. Kapitel: Die Erinnerungsblüte

Sonntagmorgen, Anfang des 20. Jahrhunderts, ein kalter Wintertag in Frankreich. Ein junger Mann führt einen Löffel Tee mit einem aufgeweichten Stück Gebäck darin an die Lippen. Dann passiert es: "In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog." Der Mann weiß nicht, wie ihm geschieht. Unwillkürlich muss er an das Dorf seiner Kindheit denken – Combray, die Tanten, der ungeliebte Herr Swann, der die Familie besucht. Woher kommt all das auf einmal?

Am Beginn seines 1927 erschienenen Monumentalromans Auf der Suche nach der verlorenen Zeit hat der Schriftsteller Marcel Proust das vielleicht wirkmächtigste und folgenschwerste Erinnerungserlebnis der an Erinnerungen reichen Literaturgeschichte beschrieben. Die Gedächtniswissenschaft nennt jene unwillkürlich aufspringende Erinnerung, die urplötzliche Reise zurück in Kindheit und Jugend seither "Proust-Phänomen".

Scheinbar banale, alltägliche Geschmäcke und Gerüche wie das Aroma einer in Tee aufgeweichten Madeleine – oder der Geruch von gemähtem Gras – vermögen den Menschen in unfreiwillige Erregungszustände zu versetzen. Gerüche sind die häufigsten und hartnäckigsten Auslösereize für unwillkürliche Erinnerungen, weil der Sinn, der sie empfängt, im entwicklungsgeschichtlich ältesten Teil des Gehirns lokalisiert ist. Kein anderes Sinnesorgan hat einen so kurzen Abstand zu dem Ort im Gehirn, an dem seine sensorischen Informationen analysiert werden, wie die Nase.

Der Geruchssinn ging aus dem olfaktorischen Gedächtnis unterhalb der Bewusstseinsschwelle hervor, das für das Überleben eines Menschen seit je unentbehrlich war: Das archaische Individuum musste toxische von schmackhafter Nahrung unterscheiden, es musste Freund und Feind erriechen.

So gut wie unversehrt, das haben Studien ergeben, liegt vor allem die Zeitspanne zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr im Erinnerungsspeicher; da der Mensch in diesem Alter die meisten intensiven Erfahrungen seines Lebens macht, bezeichnen Psychologen jenen Lebensabschnitt als Reminiszenzhöcker.

Diese Erkenntnis ist für den niederländischen Psychologiehistoriker Douwe Draaisma, der an der Universität Groningen seit Jahren dem Rätsel des Erinnerns nachforscht, das größte Faszinosum der menschlichen Psyche. Entscheidend sind seiner Ansicht nach die sogenannten Pioniererfahrungen: das erste Verliebtsein, der erste Liebeskummer, das Abitur, der erste Arbeitstag.

70 Prozent der stärksten Erinnerungen im Leben eines Menschen beziehen sich nach Draaismas Erkenntnissen auf das erste Lebensdrittel. In den restlichen zwei Dritteln sind nur noch 30 Prozent der Erinnerungen verortet. Daher scheint das Leben mit zunehmendem Alter schneller zu vergehen. Je mehr Erinnerungen in einem bestimmten Zeitintervall lagern, desto länger scheint im Rückblick dieses Intervall gedauert zu haben. Je länger dagegen das Leben dauert, desto mehr mangelt es ihm gewöhnlich an Überraschungen und Pioniererfahrungen. Es rauscht dahin.

Um zwischen Magie und Verstand klar zu trennen, unterscheidet die Erinnerungsforschung zwischen dem nichtdeklarativen und dem deklarativen Gedächtnis. Das nichtdeklarative ist das unbewusste, unwillkürliche Gedächtnis: der Zauber einer unerwarteten Rückkehr in die eigene Vergangenheit, dem man machtlos ausgeliefert ist. Das deklarative ist das bewusste, willkürliche Gedächtnis: die Arbeit des Verstandes, der über gewollte Vorstellungen gezielt auf die Suche nach Erinnerungen geht.

Das Proust-Phänomen ist eine Mischung aus beiden Formen: Erst springt im nichtdeklarativen Gedächtnis die Erinnerungsblüte auf, dann wird sie durch die Arbeit des deklarativen Gedächtnisses gewässert und mit all den anderen Blüten zu einem poetischen Strauß gebunden. Der Auslösereiz für die jeweilige Gedächtnisform ist verschieden, die Psychologie des Erinnerns immer dieselbe. Wo und wie aber sind welche Informationen aufbewahrt?

2. Kapitel: Die mentale Zeitreise

2. Kapitel: Die mentale Zeitreise

In jedem Handbuch zur Gedächtnisforschung werden Dutzende Arten von Erinnerungsarchiven unterschieden. Unstrittig ist, dass das Erlebte permanent abgespeichert wird, ohne dass der Einzelne es merkt. Es geschieht hinter seinem Rücken, im Zusammenspiel von fünf voneinander verschiedenen, aber gleichzeitig aktiven Gedächtnissystemen.

Das sogenannte Priming ist die erste und unterste Gedächtniskategorie, die man mit dem Fräsen einer Spur vergleichen könnte. Selbst während des Schlafs nimmt der Mensch seine Umwelt unterhalb der Bewusstseinsschwelle sensorisch wahr; als lägen Vokabelhefte unter seinem Kopfkissen, nimmt er alle Informationen auf und besitzt diese Daten, ohne es zu wissen. Eine Studie des amerikanischen Neurologen David Drachman legt nahe, dass 95 Prozent aller Informationen unbewusst gespeichert werden und dennoch abrufbar sind.

Auf das Priming-Gedächtnis folgt das prozedurale, das den Alltag organisiert, ohne sich zu vergegenwärtigen, dass dem so ist. Es ist ein automatisiertes System und umfasst Fähigkeiten, die unbewusst in den reibungslosen Vollzug körperlicher Routinen übersetzt sind: Klavierspielen, Fahrradfahren, Zähneputzen, Schreiben, Stuhlgangbeherrschung. Man weiß, dass man diese Informationen besitzt, erinnert sich aber nicht daran, wie genau man sie erworben hat.

Als drittes System hat die Wissenschaft das perzeptuelle Gedächtnis ausgemacht, das die Fähigkeit beschreibt, einen wahrgenommenen Apfel vor jeder sprachlichen Vergegenwärtigung bereits eindeutig als Apfel identifizieren zu können. Mit der vierten Form, dem semantischen Gedächtnis, beginnen die beiden höheren Gedächtnissysteme. Das semantische Gedächtnis ist wie ein großer, das reine Faktenwissen über die Welt verwahrender Speicher; unwichtig ist, wann und wie eine Information erworben wurde – sie ist schlichtweg da, zeitlos, stets abrufbar, emotional neutral. Wer gemähtes Gras riecht, weiß, dass es zuvor geschnitten worden ist, Punkt.

Als höchste Stufe der Entwicklung schließlich wird das episodische oder autobiografische Gedächtnis veranschlagt, welches, als edle Ausschmückung aller vorherigen Systeme, die Fähigkeit ausbildet, lebensgeschichtliche Erfahrungen als eigene Vergangenheit rekonstruieren zu können: der Geruch des gemähten Grases als Szene meiner Jugend, die, vor 25 Jahren erlebt, für meine Biografie bis heute eine große Bedeutung hat. Der Kontext, in dem eine bestimmte Erfahrung gemacht wurde, wird mit erinnert: die Straßen, die an der Wiese lagen, die Nachbarn, die auf der gegenüberliegenden Terrasse saßen, als der Vater das Gras mähte.

Im episodischen Erinnern ist sich der Mensch bewusst, dass er sich erinnert, und kann das Nacherleben des Films als Fiktion von der Realität unterscheiden. Und allein in der episodischen Erinnerung wird man sich subjektiver Zeit bewusst. Ohnehin wird Zeit als objektive Kategorie nur durch Erinnerung sinnvoll: Könnten wir nicht erinnern, gäbe es keinen Sinn für Vergangenheit, wäre alles Gegenwart, hätte der Mensch kein Gefühl für Zukunft.

Geprägt hat den Begriff "episodisches Gedächtnis" der Psychologe Endel Tulving. Seit 1956 ist der heute 84-Jährige dem Geheimnis dessen auf der Spur, was er "mentale Zeitreise" nennt und auf die denkbar simple Gleichung bringt: die Fähigkeit, ein Ereignis des Zeitpunkts A zum Zeitpunkt B wiederzuerleben.

Tulving taufte diese Fähigkeit, die nur dem Menschen eigen zu sein scheint, "Chronästhesie" und nannte sie einen von der Natur erfundenen Trick, um ihr eigenes Gesetz von der Unumkehrbarkeit der Zeit zu hintergehen. Zeit verlaufe immer nur in eine Richtung, schreibt er, mit einer Ausnahme: "der menschlichen Fähigkeit, sich an Ereignisse der Vergangenheit zu erinnern".

Dazu bedarf es eines Bewusstseins von sich, mehr noch: eines Bewusstseinskontinuums. Ist ein Kind in der Lage, die Quelle seines Wissens als etwas zu verstehen, das aus der eigenen Wahrnehmung stammt, nennt man dies "autonoetisches Bewusstsein": Das Kind kann sich zeitlich verorten und sein Selbst in zeitlicher Kontinuität einordnen. Die Bewusstseinsforschung kann anhand von Experimenten mit drei- bis sechsjährigen Kindern zeigen, dass die Entwicklung des Bewusstseinskontinuums mit der Ausbildung des episodischen Gedächtnisses verzahnt ist.

Nichts anderes als ein chronästhetisches Erlebnis in der episodischen Erinnerung ist es also, beim Geruch von gemähtem Gras und beim Geräusch eines Rasenmähermotors den linearen Pfeil der Zeit zur Umkehr zu zwingen, um 25 Jahre zurückkatapultiert zu werden. Aber wer hat darüber entschieden?

3. Kapitel: Das Seepferdchen

3. Kapitel: Das Seepferdchen

Wer wen in mir auf welcher Grundlage autorisiert, eine mentale Rückreise anzutreten, soll ein Ausflug in die wissenschaftlich zunehmend belichtete Tiefe des Stammhirns klären. Die erste heute unumstößliche Überzeugung von Hirnforschern lautet: Ohne Gedächtnis gibt es keine Persönlichkeit. Ohne Gedächtnis zerfiele unser Bewusstsein in so viele Splitter, wie es Augenblicke zählt. Das Gedächtnis, legen Psychologen nahe, verbindet die zahllosen Einzelphänomene unseres Bewusstseins zu einem Ganzen.

Unter Forschern ist es mittlerweile Konsens, dass alles Erinnern im sogenannten Hippocampus beginnt – und endet. Dieser nach der Figur eines fischschwänzigen Seepferds aus der antiken Mythologie benannte Bereich liegt tief unten im Schläfenlappen des Gehirns und verbindet wie ein Horn beide Hirnhälften. Beim Speichern ist der Hippocampus die maßgebliche Instanz.

Deutlich wurde das, als man 1953 in Hartford, Connecticut, dem 27-jährigen Amerikaner Henry Gustav Molaison große Teile des Hippocampus hirnchirurgisch entfernte, um seine Epilepsie zu heilen. Der Eingriff glückte. Statt an Epilepsie litt "H.M." jetzt aber an Amnesie und kannte bis zu seinem Tod 2008 weder sein Alter noch das aktuelle Datum, noch seine eigene Geschichte.

Nichts geht ohne Emotion. Das ist die zweite grundlegende Erkenntnis der Neurophysiologen. Erlittene Bestrafungen oder Demütigungen hinterlassen ebenso tiefe Spuren auf der Matrix des autobiografischen Gedächtnisses wie sportliche Erfolge oder erotische Erweckungserlebnisse. Das heißt: Jede bewusste Erinnerung ist notwendig mit Emotionen verschmolzen.

Je stärker die emotionale Komponente während eines Ereignisses ist, desto besser ist die Erinnerung daran. Während der Vater den Rasen mähte und die Mutter zusah, stellte sich für das Kind die überwältigende Erfahrung von Wärme und Vertrautheit ein, das lebensprägende Gefühl von Harmonie und Zuhause – genauso intensiv eben auch wie der Schmerz des Verlustes, der entstand, als das schwarze Cabrio auf dem Kies die Auffahrt zum großen Haus hinauffuhr und die erste Liebe im geblümten Kleid glücklich lachend ihrem neuen Partner zuwinkte, während man all das hinter einem Baum kauernd beobachtete.

Nach Überzeugung des Neurologen Antonio Damasio von der University of Iowa gibt es für jede Erfahrung einen "somatischen Marker", der die emotionale Codierung dieser Erfahrung als "gut" oder "schlecht" festschreibt. Ort und Quelle der emotionalen Bewertung ist der Mandelkern, die Amygdala, die einmal auf jeder Seite des Gehirns vorhanden ist. Sie wird vor dem Hippocampus funktionsreif, ist der Sitz des unbewussten Lern- und Gedächtnissystems für Traumata und liegt ebenfalls im Schläfenlappen.

Damit das autobiografische Abspeichern Bestand hat und es zu einer Erinnerung kommt, müssen emotionale und kognitive Anteile synchronisiert sein. Hippocampus und Amygdala sind daher miteinander kurzgeschaltet. Ist ihr intimer, exklusiver Schaltkreis an irgendeiner Stelle durch den kleinsten Hirnschaden unterbrochen, werden alle Erinnerungen gelöscht.

Die Wiese, der Rasenmäher, der Vater in Latzhose, die Propellermaschine – bevor ein Ereignis ins aktuelle Bewusstsein gelangt, werden dieselben Areale der Hirnrinde aktiviert wie zum Zeitpunkt der ersten Einspeicherung vor 25 Jahren. Die Wissenschaft nennt dies "Zustandsabhängigkeit" der Erinnerung – je mehr aktuelle Informationen mit den alten, archivierten Mustern übereinstimmen, desto eher springt eine Erinnerungsblüte auf. Aber wie funktioniert das?

4. Kapitel: Die Suchaktion

4. Kapitel: Die Suchaktion

Neurophysiologen stellen sich den Vorgang einer getriggerten Erinnerung wie folgt vor: Flitzt ein Reiz – zum Beispiel der Geruch von gemähtem Gras – über den Riechkolben der Nase in die Schädelhöhle, wird das entsprechende Informationsmuster ins Kurzzeitgedächtnis geleitet, in Regionen, die zum Teil im Stirnhirn, zum Teil im Scheitellappen liegen. Doch dieser Kurzzeitspeicher ist begrenzt und kann die Information "Geruch von gemähtem Gras" nur eine halbe Sekunde lang halten.

Ein ausgewählter Teil der Elemente kommt dann ins Arbeitsgedächtnis, eine besondere Form des Kurzzeitgedächtnisses. Dort bleiben die Informationen bis zu eine halbe Minute "online", bis sie über neuronale Kupplungen in die Region des limbischen Systems geleitet werden, wo emotionale wie kognitive Anteile überprüft und den Inhalten dann die Speicherplätze zugewiesen werden. Nach Prüfung der Information auf emotionale Anteile in der Amygdala und auf kognitive im Hippocampus, so die Hypothese, streuen große Zellverbände in die Assoziationsregionen der Hirnrinde. Vielleicht lagert dort seit Jahren das Synapsen-Netzwerk "gemähtes Gras" als Muster von ein paar Tausend Zellen. Kommt jetzt die Information "gemähtes Gras" oder "süßlich riechendes Gras" herein, wird in der Hirnrinde eine Suchaktion in Gang gesetzt.

Wenn es stimmt, was Neurophysiologen mit einiger Plausibilität behaupten, dann feuern jene Nervenzellen, die sich zum Beispiel vor 25 Jahren zum Verband "gemähtes Gras" formiert haben, in einer mittleren Frequenz von beispielsweise 11,5 Hertz – das heißt mit 11,5 Aktionspotenzialen pro Sekunde. Feuert nun die neue Information ebenso wie der abgespeicherte Verband mit 11,5 Hertz, ergibt sich eine Synchronizität – die Aktivierungen passen zueinander, was die Wissenschaftler dann matching nennen.

Ist diese Deckungsgleichheit von neuem Reiz und altem Muster erkannt, wird, vereinfacht gesagt, die neue Information aus dem Schaltkreis zwischen Amygdala und Hippocampus herausgeleitet und in Assoziationsfeldern auf der Hirnrinde in der Nähe der alten abgespeichert, wo sie mit den gleichzeitig eintreffenden Informationen aus den Systemen des Hör, Tast- und Geschmackssinns vermischt werden. Je mehr Verbände aus anderen Sinnessystemen und Nachbarnetzwerken um das Ereignis "gemähtes Gras" dazufeuern, desto größer ist die spezifische Übereinstimmung aller neuen mit den bereits abgelegten Informationen, desto schärfer ist die Erinnerung.

Ist die synaptische Suchaktion vollzogen, kommt es zur vollen Aktivierung weiterer Assoziationsfelder aus der Hirnrinde, und dann läuft der Film an: Ich rieche das Gras, sehe mich auf der Wiese vor dem Haus meiner Eltern, höre ein Propellerflugzeug. Schnitt.Aber hat sich das wirklich alles so zugetragen?

5. Kapitel: Die Erfindung

5. Kapitel: Die Erfindung

Gemähtes Gras, schmatzender Kies, das schwarze Cabrio – wie kann ich sicher sein, dass ich all das als Jugendlicher tatsächlich erlebt habe? Stammt es nicht vielleicht aus einem Spielfilm? Einem Film womöglich, den ich mit der ersten großen Liebe einst gemeinsam gesehen hatte – aus dem ersten Lieblingsfilm vielleicht: Eine schöne Frau steht am Geländer und sieht auf den Park und so weiter? Oder stammen die Bilder aus einem Buch? Bin ich es, der diese Szene schon einmal gesehen hat, oder hat man mir davon erzählt? Woher weiß man, dass diese Momente selbst erlebt sind? Wie wahr ist die Erinnerung? Wie belastbar? Wie wahr und belastbar kann Erinnerung überhaupt sein?

Mit dem kleinen, aber überaus feinen Unterschied zwischen Erinnern und Wissen beschäftigt sich seit vielen Jahren Josef Perner, Leiter des Zentrums für Neurokognitive Forschung zu Geist und Gehirn an der Universität Salzburg . "Es gibt", sagt der Psychologe, "einen grundlegenden Unterschied zwischen dem, was tatsächlich stattgefunden hat, und dem Resultat, das man als Erinnerung im Kopf herumträgt." Um seine These zu belegen, hat er mit seinem Team mehr als 20 Studien aufgelegt. Ergebnis: "Damit ich erinnern kann", sagt Perner, "muss ich nicht nur wissen, dass ein Ereignis stattgefunden hat, sondern ich muss mir zugleich auch bewusst sein, dass es stattgefunden hat."

Falsche Erinnerungen sind keine episodischen, sie sind semantische, weil sie zwar das Wissen über ein Ereignis reproduzieren, nicht aber das Ereignis als Erlebnis wiedererleben lassen. Es gibt für sie viele Gründe. Den bedeutsamsten sieht der New Yorker Neurowissenschaftler Joseph LeDoux in der Stimmungsabhängigkeit von Erinnerungen. "Der Zustand des Gehirns zum Zeitpunkt des Erinnerns kann Einfluss darauf haben, wie die entlegene Erinnerung heraufbeschworen wird." Der Zugang zu Erinnerungen ist bedingt durch die molekulare Struktur des Gehirns, die sich während der Kindheit ausbildet.

Jeder erinnert also anders, weil die Strukturen eines einzelnen Gehirns von früher Kindheit an individuell geprägt sind. Erleben zwei Menschen dasselbe Ereignis, einen Autounfall etwa, können sie völlig unterschiedliche Erinnerungen daran haben: Jemand, der kindlichen Gewalterfahrungen ausgesetzt war, mag sich an ganz andere Details erinnern als sein Mitfahrer, der von jeher stressresistent ist – als hätten die beiden niemals nebeneinandergesessen.

In einem aufsehenerregenden Experiment hat die Psychologin und Gerichtsgutachterin Elizabeth Loftus von der University of Washington in Seattle Erwachsenen manipulierte Fotos gezeigt, auf denen sie als Kinder mit ihren Vätern bei einer Ballonfahrt zu sehen waren. Die Hälfte der Probanden wollte sich en détail an die angeblich aufregende Reise in den Himmel erinnern. Das war ein verblüffendes Ergebnis , denn es hatte sie nie gegeben – in das Bild von der Ballonfahrt waren Kinderfotos der Versuchsteilnehmer hineinmontiert worden.

Die meisten Wissenschaftler folgern daraus, dass objektives Erinnern nicht möglich ist. Das Gedächtnis lässt sich zwar von niemand anderem kontrollieren, es ist aber auch extrem opportunistisch und behält nur, was es gebrauchen kann. Nichts darin ist neutral; was erinnert wird, ist zugleich immer schon emotional bewertet. Wolf Singer, Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung , bezeichnet Erinnerungen prinzipiell als "datengestützte Erfindungen". Das menschliche Gedächtnis, sagt Singer, sei von Natur aus auf Anpassung an eine veränderte Umwelt und nicht auf exakte Speicherung ausgerichtet.

6. Kapitel: Die eigene Freiheit

6. Kapitel: Die eigene Freiheit

Der Anblick des lockigen Mädchens, ihr Winken, das heranfahrende Cabrio, schmatzender Kies – was habe ich nun von alldem 25 Jahre später? Warum muss ich gegen meinen Willen Schmerz und Leid der ersten Zurückweisung nochmals erleben?

Es gäbe die mentale Zeitreise nicht, böte sie nicht mindestens einen evolutionären Vorteil – darin sind sich Psychologen, Neurophysiologen und Kultursoziologen einig. Dass der Mensch seine in sprachliche Symbole übersetzten Erinnerungen in seinem Gedächtnispalast aufzubewahren, dass er sie bewusst auszusuchen, in sozialer Kommunikation mit anderen verbal auszutauschen oder über die Schrift weiterzugeben vermag – diese Fähigkeit erhebt das Kulturwesen Mensch über alle anderen Lebewesen. Es ist seine einzigartige Fähigkeit, dem biologischen Grundgesetz zu entkommen.

"Nur dem Menschen ist es möglich, aus dem Reiz-Reaktions-Schema herauszuspringen", befindet der Gedächtnissoziologe Harald Welzer. Die Reaktion sei nicht unmittelbar an den Reiz gebunden, man müsse sich nicht sofort entscheiden, man könne etwas zurückhalten und so den Raum des Verfügbaren unendlich erweitern. Kurz gesagt: Die Natur zwingt das episodisch erinnernde Individuum zu keinem festgelegten Verhalten. Wir bewerten aus der Erinnerung heraus; über die Fähigkeit zur autobiografischen Erinnerung kann der Mensch Lehren aus der Vergangenheit ziehen und sich zu jedem Zeitpunkt willentlich auch anders entscheiden.

In der Verwaltung meines autobiografischen Gedächtnisses bin ich der alleinige Choreograf eines von mir gewählten Lebens. Über Erinnerungen schaffe ich mir meine eigene Welt in höchstmöglicher Freiheit. Über meine Erinnerungen konstruiere ich mir mein Leben.

Das autobiografische Gedächtnissystem hat nach Welzers Ansicht vor allem eine soziale Funktion. "In kooperativen Überlebensgemeinschaften, die Menschen ja dauernd bilden, brauchen wir das Kriterium der Adressierbarkeit." Kurzum: Der Mensch, der in einer sich permanent wandelnden Umwelt lebt, muss sich als jemand wahrnehmen können, der heute derselbe ist wie gestern. Er braucht eine zuschreibbare Identität, die ihm den Bezug zu seinem Selbst ermöglicht. Nur so kann eine auf Kooperation ausgerichtete Gemeinschaft dauerhaft überleben. Als einziges Lebewesen ist der Mensch also in der Lage, sein Handeln an seinen Erinnerungen auszurichten.

7. Kapitel: Die Erkenntnis

7. Kapitel: Die Erkenntnis

Die Wiese, das Rasenmähergeräusch, das rote Fahrrad, das Propellerflugzeug, der Vater in Latzhose, als ich am Boden zerstört aus dem Garten der gerade Verflossenen nach Hause zurückkehrte – all das entfaltete sich in mir an einem Freitagnachmittag nach dem Einkaufen, als der Hausmeister einer Wohnanlage neben dem Supermarkt gerade das Gras einer gemähten Wiese zusammenrechte. Ich entschied mich, für die Wärme, die Geborgenheit, das Glück meiner Kindheit dankbar zu sein, lächelte vor mich hin, kramte eine alte Nummer heraus und rief an, um die Frau am anderen Ende zu fragen, ob sie sich an folgende Szene erinnere: ein lockiges Mädchen, am Geländer der Terrasse lehnend, während die Eltern im Garten Kaffee trinken; sie trägt ein geblümtes Kleid, da fährt der neue Liebhaber mit dem Cabrio die geschwungene Auffahrt hinauf, Kies schmatzt ...

Natürlich erinnerte sie sich. Vor allem an mein rotes Fahrrad. Wie ich hinter dem Baum gestanden hätte, als sie ihren neuen Schwarm in dessen Cabrio begrüßte, das habe sie bis heute nicht vergessen. Nach drei Wochen habe sie sich von dem Cabriofahrer wieder getrennt und seither unserer verlorenen Liebe nachgetrauert. Wir lachten über alles, und am Ende meiner doppelten Reise, ausgelöst durch einen scheinbaren Zufall, kam ich zu der verblüffenden Erkenntnis, dass ich selbst der Schöpfer meiner eigenen Freiheit bin.

Das gemähte Gras hat es vermocht, mich wieder mit dem Menschen in Verbindung zu bringen, der mein Leben geprägt hat. Solcherlei Magie besitzen nur Erinnerungen. Schließlich wurde mir klar, dass die mit Schmerz codierte Erinnerung, die jahrelang unbewusst im Archiv lagerte, bis heute mein Verhalten anderen Menschen gegenüber steuert. Trotz der Angst vor der Zurückweisung entscheide ich mich jedes Mal wieder für Offenheit und Vertrauen.