1. Kapitel: Die Erinnerungsblüte

Sonntagmorgen, Anfang des 20. Jahrhunderts, ein kalter Wintertag in Frankreich. Ein junger Mann führt einen Löffel Tee mit einem aufgeweichten Stück Gebäck darin an die Lippen. Dann passiert es: "In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog." Der Mann weiß nicht, wie ihm geschieht. Unwillkürlich muss er an das Dorf seiner Kindheit denken – Combray, die Tanten, der ungeliebte Herr Swann, der die Familie besucht. Woher kommt all das auf einmal?

Am Beginn seines 1927 erschienenen Monumentalromans Auf der Suche nach der verlorenen Zeit hat der Schriftsteller Marcel Proust das vielleicht wirkmächtigste und folgenschwerste Erinnerungserlebnis der an Erinnerungen reichen Literaturgeschichte beschrieben. Die Gedächtniswissenschaft nennt jene unwillkürlich aufspringende Erinnerung, die urplötzliche Reise zurück in Kindheit und Jugend seither "Proust-Phänomen".

Scheinbar banale, alltägliche Geschmäcke und Gerüche wie das Aroma einer in Tee aufgeweichten Madeleine – oder der Geruch von gemähtem Gras – vermögen den Menschen in unfreiwillige Erregungszustände zu versetzen. Gerüche sind die häufigsten und hartnäckigsten Auslösereize für unwillkürliche Erinnerungen, weil der Sinn, der sie empfängt, im entwicklungsgeschichtlich ältesten Teil des Gehirns lokalisiert ist. Kein anderes Sinnesorgan hat einen so kurzen Abstand zu dem Ort im Gehirn, an dem seine sensorischen Informationen analysiert werden, wie die Nase.

Der Geruchssinn ging aus dem olfaktorischen Gedächtnis unterhalb der Bewusstseinsschwelle hervor, das für das Überleben eines Menschen seit je unentbehrlich war: Das archaische Individuum musste toxische von schmackhafter Nahrung unterscheiden, es musste Freund und Feind erriechen.

So gut wie unversehrt, das haben Studien ergeben, liegt vor allem die Zeitspanne zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr im Erinnerungsspeicher; da der Mensch in diesem Alter die meisten intensiven Erfahrungen seines Lebens macht, bezeichnen Psychologen jenen Lebensabschnitt als Reminiszenzhöcker.

Diese Erkenntnis ist für den niederländischen Psychologiehistoriker Douwe Draaisma, der an der Universität Groningen seit Jahren dem Rätsel des Erinnerns nachforscht, das größte Faszinosum der menschlichen Psyche. Entscheidend sind seiner Ansicht nach die sogenannten Pioniererfahrungen: das erste Verliebtsein, der erste Liebeskummer, das Abitur, der erste Arbeitstag.

70 Prozent der stärksten Erinnerungen im Leben eines Menschen beziehen sich nach Draaismas Erkenntnissen auf das erste Lebensdrittel. In den restlichen zwei Dritteln sind nur noch 30 Prozent der Erinnerungen verortet. Daher scheint das Leben mit zunehmendem Alter schneller zu vergehen. Je mehr Erinnerungen in einem bestimmten Zeitintervall lagern, desto länger scheint im Rückblick dieses Intervall gedauert zu haben. Je länger dagegen das Leben dauert, desto mehr mangelt es ihm gewöhnlich an Überraschungen und Pioniererfahrungen. Es rauscht dahin.

Um zwischen Magie und Verstand klar zu trennen, unterscheidet die Erinnerungsforschung zwischen dem nichtdeklarativen und dem deklarativen Gedächtnis. Das nichtdeklarative ist das unbewusste, unwillkürliche Gedächtnis: der Zauber einer unerwarteten Rückkehr in die eigene Vergangenheit, dem man machtlos ausgeliefert ist. Das deklarative ist das bewusste, willkürliche Gedächtnis: die Arbeit des Verstandes, der über gewollte Vorstellungen gezielt auf die Suche nach Erinnerungen geht.

Das Proust-Phänomen ist eine Mischung aus beiden Formen: Erst springt im nichtdeklarativen Gedächtnis die Erinnerungsblüte auf, dann wird sie durch die Arbeit des deklarativen Gedächtnisses gewässert und mit all den anderen Blüten zu einem poetischen Strauß gebunden. Der Auslösereiz für die jeweilige Gedächtnisform ist verschieden, die Psychologie des Erinnerns immer dieselbe. Wo und wie aber sind welche Informationen aufbewahrt?