Ein Bergsteiger, der alle Viertausender der Alpen bezwingen will, hat sich wahrscheinlich eine Lebensaufgabe vorgenommen. Denn neben den beiden berühmtesten, dem Mont Blanc (4808 Meter) und dem Matterhorn (4478 Meter), überschreiten noch 80 weitere Gipfel die Marke. Alle liegen im Westen des Gebirges, in Frankreich, der Schweiz und Italien. Dort sind die Berge schroffer und die Täler tiefer als in Österreich, Deutschland, Südtirol und Slowenien.

Die Höhen könnten künftig noch ungleicher verteilt sein. Denn die westlichen Alpen wachsen in die Höhe, während das Gebirge gegen Osten, etwa ab der Linie Salzburg–Klagenfurt, absinkt. Das ergaben Vermessungsarbeiten per Satellit und mit speziellen Geräten am Boden. "Die größten Beträge messen wir im schweizerischen Kanton Wallis", sagt der Geologe Adrian Pfiffner von der Universität Bern. "Dort hebt sich das Gebirge um etwa 1,8, im Bereich von Chur um 1,6 Millimeter pro Jahr." Im Osten dagegen senken sich die Alpen um etwa 0,3 Millimeter jährlich.

Dafür gibt es zwei Ursachen. Eine wichtige Rolle spielt das Abschmelzen der eiszeitlichen Gletscher, die die Alpen vor 20.000 Jahren noch kilometerdick bedeckten. Weil die Gletscher seither schwinden, wird das Gebirge stetig entlastet – es steigt auf, ähnlich einem Schiff, das entladen wird. Die Erosion beschleunigt diesen Gewichtsverlust.

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Die zweite Ursache ist eng mit der Entstehungsgeschichte der Alpen verbunden. Sie begann vor etwa 170 Millionen Jahren, als der Großkontinent Pangäa zerbrach. Die Kontinentalschollen drifteten auseinander, wobei sich Ozeane öffneten, darunter auch das urzeitliche Tethysmeer zwischen Afrika und Europa. 40 Millionen Jahre später schob sich Afrika gegen Norden auf Europa zu. Das etwa 1000 Kilometer breite Tethysmeer mit seinen riffgesäumten Inselketten und Lagunen, auf dessen Grund sich mächtige Sedimentschichten ablagerten, wurde schmaler. Während Afrika unaufhaltsam auf Europa zusteuerte, wurde die Tausende Meter dicke Schicht aus Riff- und Lagunenkalken, Sand, Ton und Vulkangesteinen zusammengepresst, gequetscht, übereinandergeschoben und in Falten gelegt. Gewaltige Kräfte stauchten den Ablagerungsraum der Alpengesteine auf ein Drittel seiner ursprünglichen Breite zusammen. "Dadurch kam es zu einer Verdickung der Erdkruste", sagt Pfiffner, "und Krustenmaterial wurde in den darunterliegenden Erdmantel gedrückt."

Und genau hier liegt eine Erklärung für das Größenwachstum der Alpen, denn Krustengestein ist leichter als Erdmantelgestein. Die Folge: Die leichteren Krustenteile "wirken wie ein aufgeblasener Ballon im Wasser", so Pfiffner, "sie erfahren einen Auftrieb". Vor etwa 30 Millionen Jahren begann sich die Knautschzone deshalb zu heben, das Meer verschwand, und die Verwitterung setzte ein. Zunächst spülten Flüsse tiefe Rinnen aus dem Gestein. In diese Furchen schoben sich die Gletscher der Eiszeit, sie schürften Täler aus und schliffen die Bergflanken. Das Gebirge erhielt sein imposantes Relief.

Noch immer setzt sich die Hebung der Alpen vor allem im Westen fort. "Das ist, als würde man mit einer Schaufel Schnee zusammenschieben", sagt der Geologe Bernd Lammerer von der Ludwig-Maximilians-Universität München, der sich seit Jahrzehnten mit den Alpen befasst. "Dabei formt sich ein Keil aus Schnee, der ständig anwächst."

Warum aber sinken die Alpen dann gegen Osten ab? "Wird der Schneekeil auf der Schaufel zu dick, weicht der Schnee schließlich zur Seite aus", erklärt Lammerer. Für die Alpen heißt das: Afrika drückt sie zwar noch immer gen Norden. Im Osten jedoch dehnt sich die Erdkruste bis hin zu den Karpaten aus. "Dort bildet sich sozusagen ein freier Raum", sagt der Geologe, "dort können sich die Sedimentstapel, welche die östlichen Gebirgsmassive aufbauen, ausbreiten – das Gebirge kollabiert."

Die Wissenschaftler sind sich bewusst, dass sie mit sehr kleinen Beträgen und unvorstellbar großen Zeiträumen arbeiten. "Um wirklich sicher zu sein, dass unsere These stimmt", sagt denn auch Adrian Pfiffner, "müssen wir deshalb noch jahrelang kontinuierlich weitermessen."