Larry King verschlägt es selten die Sprache. Mehr als 40.000 Interviews hat die Talkshow-Legende geführt. Aber jetzt braucht King eine Denkpause. Mit seiner Frage »Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?« wollte er seinem Gegenüber eigentlich Gelegenheit geben, über das Rätsel unserer Existenz zu philosophieren und sich selbst in die Nähe des Schöpfers zu rücken. So wie es Stephen Hawking manchmal gerne tut.

Aber nicht heute. »Laut Gravitationstheorie und Quantentheorie entstehen Universen spontan aus dem Nichts«, lässt der Weltentschlüssler die Computerstimme seines Rollstuhls schnarren. King zögert, reformuliert Hawkings Antwort, liest die nächste Frage ab. Es ist eines der letzten Interviews des 76-jährigen King, und es droht eines der mühsamsten zu werden.

Bis Leonard Mlodinow dazukommt. King fragt den smarten Physiker aus Kalifornien, wie es dazu gekommen sei, dass er ein Buch mit Hawking geschrieben habe (das in Deutschland seit Wochen auf den Bestsellerlisten steht). Mlodinow erzählt. Mlodinow lacht. Er windet sich elegant heraus, als ein sichtlich entspannter King ihn und Hawking des Atheismus verdächtigt. Es fließt. Es menschelt.

Leonard Mlodinow (ausgesprochen »Muladnoh«) weiß, wie Larry King sich seine Gäste wünscht. Das Showgeschäft ist sein Terrain. Seit 25 Jahren schreibt er Drehbücher fürs Fernsehen und Kino, für Serien wie Star Trek, Night Court und MacGyver. Er weiß, wie Hollywood wissenschaftlichen Stoff gestutzt und verpackt haben will. Keine lästigen Details, kein Für und Wider, keine langen Erklärungen. Unterhaltung statt Erkenntnis.

Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

In Europa gibt es diesen Typ Forscher nicht – noch nicht. In der hiesigen Hochschulwelt gälte es als Verrat an den Idealen der Wissenschaft, sich dem seichten Kommerz zu verkaufen. Die academia jenseits des Atlantiks ist weniger dünkelhaft, doch auch dort fällt Mlodinow aus allen Mustern. Zwar gibt es nicht wenige Wissenschaftler, die gelegentlich einen Ausflug in die Populärkultur wagen. Für Mlodinow jedoch ist Popularisierung mehr als eine nette Abwechslung, sie ist sein Geschäftsmodell.

Er will weder forschen noch lehren, sondern unterhalten, und er macht gerade so viel Wissenschaft, wie er dafür braucht – gerade genug, um von Larry King als »Physiker am Caltech« vorgestellt zu werden. Die elitäre Technische Hochschule in Pasadena bei Los Angeles hat ihm 2005 eine Gastdozentur eingeräumt. Vor drei Jahren hat er seine letzte Vorlesung gehalten, eine Einführung in die Wahrscheinlichkeitsrechnung auf dem Niveau deutschen Gymnasiallehrstoffs.

Gelegenheitsdozent, Ghostwriter, Entertainer – Mlodinow wagt eine Gratwanderung. Wenn er Erfolg hat, wird er die Massen von der Wissenschaft begeistern. Wenn er es zu toll treibt, wird ihn die Wissenschaft verstoßen.

Physiker und Autor, das antwortet Leonard Mlodinow auf die Frage nach seinem Beruf. Barfuß, in ausgewaschenen Jeans und schwarzem T-Shirt sitzt er im Wohnzimmer seines Hauses in Pasadena. Er ist jetzt 56, mit seinen kurzen, grauen Locken und seinen jugendlichen Augen, die hinter einer schmalen Brille funkeln, wirkt er fast alterslos. Manchmal lächelt er weise – oder ist es schelmisch? »Naturwissenschaften und Unterhaltung beißen sich nicht«, sagt er, »selbst in der Physik geht es um Schönheit, Kunst, Fantasie. Zu viele Leute verwechseln Wissenschaft mit trockener und leidenschaftsloser Arbeit.« Er ringt seit Jahrzehnten mit diesem Vorurteil.

Zunächst war er ganz auf Seiten der Wissenschaft, promovierte an der angesehenen University of California in Berkeley, forschte als Humboldt-Stipendiat am Max-Planck-Institut für Astrophysik in München. Keine schlechten Voraussetzungen, um den Kampf um die begehrten Stellen an den US-Hochschulen aufzunehmen. Aber Mlodinow wusste, dass andere noch bessere Voraussetzungen mitbrachten. »Wer da nicht bestehen kann, müsste irgendwohin in die Provinz ziehen und jedes Semester drei Seminare halten«, sagt er. »Wer will das?«

Er steuerte um, ging nach Hollywood statt in die Ivy League, in der Hoffnung, dass sein wissenschaftlicher Hintergrund ihm die Türen der Studios öffnen würde und landete unsanft. »Ich hatte diese großartige Idee zur Astrophysik und 30 Sekunden Zeit, sie den Produzenten zu präsentieren«, erzählt er. »Die hörten schweigend zu, dann fuhr mich einer an: Halt den Mund, du verdammter Klugscheißer!‹« Das saß. Mlodinow verabschiedete sich von der Idee, Hollywood neu zu erfinden, und fügte sich.

Seinen Kollegen an der Universität verschwieg er damals sein Doppelleben, um seine Chancen auf einen Lehrstuhl zu wahren. Mlodinow, der Wissenschaftler, und Mlodinow, der Autor, drifteten immer weiter auseinander. Der Wissenschaftler schrieb alle paar Jahre einen Fachaufsatz oder sorgte zumindest dafür, als Mitverfasser genannt zu werden. Der Autor sank in die Niederungen des Entertainments. Bis er eines Tages über der Arbeit für eine Fernsehkomödie ins Grübeln geriet. »Da saß ich als junger Doktor der Physik und Intellektueller und sollte mir Witze über vier fette Frauen ausdenken«, erzählt er. »Ein neuer persönlicher Tiefpunkt. Zeit zu gehen.«