Es sieht schlimm aus: Der Mann liegt auf dem Boden, krümmt sich, hält sich das Bein, schreit, wimmert, stöhnt. Kurz zuvor ist er mit seinem Schlitten in voller Fahrt umgekippt. Zum Glück naht Rettung: Martin Gruber stürzt herbei – Dr. Martin Gruber. Er kniet sich über den Verletzten, dreht ihn um, »beiß die Zähne zusammen, Werner, ich werde mal schauen, was los ist, und geb dir dann ein Schmerzmittel«, ruft er, öffnet den Reißverschluss der Schneehose, zieht sich Gummihandschuhe an, schneidet mit schnellen Schnitten die lange Ski-Unterhose auf, erkennt sofort, was passiert ist, »ein offener Bruch, den müssen wir schienen« – und fragt dann zweifelnd: »Die soll ich jetzt rumwickeln?«, während er eine Bandage in die Luft hält.

Cut.

»Eigentlich wäre es besser, wenn du erst mal die Wunde abdeckst«, sagt Dr. Claudia Mietke-Preiß und geht zu Gruber, der fragend zu ihr aufschaut. »So wäre es zumindest medizinisch richtig«, sagt sie. »Okay«, sagt Gruber und deckt die Wunde ab – so wie es Mietke-Preiß gesagt hat.

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Gruber und Mietke-Preiß sind Kollegen, sie arbeiten aber nicht als Ärzte in einem Krankenhaus oder in einer Praxis zusammen, sondern am Filmset. Denn Martin Gruber heißt eigentlich Hans Sigl und ist Schauspieler – er ist der Bergdoktor. Seine Sprechstunde hält er donnerstags um 20.15 Uhr im ZDF. Im Durchschnitt schauen ihm etwa fünf Millionen Menschen dabei zu. Und damit Gruber beherzt eingreifen kann und sich nicht zum Beispiel beim Verbinden verheddert, hat das Filmteam Claudia Mietke-Preiß angeheuert. Sie ist eine echte Ärztin – und darauf, eine wie sie zu haben, ist die Produktionsfirma stolz.

Aber was heißt das schon? Kann sie den Bergdoktor, verschrien als Heimatschnulze, als legitimer Nachfolger der seichten Schwarzwaldklinik, in eine Serie verwandeln, die auch höchsten medizinischen Ansprüchen gerecht wird? Könnte ein Arzt mit dem Können eines Dr. med. Martin Gruber auch in Wirklichkeit Leben retten – oder würden seine Patienten sterben? Ist Mietke-Preiß nur ein wissenschaftliches Feigenblatt?

Die erfolgreichen amerikanischen Arztserien Dr. House, Grey’s Anatomy oder Emergency Room legen die Latte hoch. Was gezeigt wird, ist fachlich richtig. Sie bedienen ein Publikum, das immer besser informiert ist – oder sich zumindest leicht informieren könnte: Medizinische Genauigkeit sei »immens wichtig« für Dr. House, da jeder Zuschauer die Fakten im Internet nachprüfen könne, sagt David Foster, ehemaliger Internist und Drehbuchautor der amerikanischen Serie. Sie ist sogar oft so genau, dass selbst medizinische Profis sie nutzen.

Heute wollen Zuschauer nicht mehr einfach nur unterhalten werden, wenn sie fernsehen, sie möchten etwas lernen – auch wenn das ganz nebenbei passiert. Wer sich Sendungen wie W wie Wissen oder Abenteuer Forschung anschaut, der gibt sich nicht mit einem schwülstigen Drama à la Schwarzwaldklinik zufrieden. Professor Brinkmann sah zwar unglaublich gut aus, sein Können beschränkte sich aber eher auf den zwischenmenschlichen Bereich.