DIE ZEIT: Woran erkenne ich, dass ich mit einem Perfektionisten zusammenlebe?

Christine Altstötter-Gleich: Bei Perfektionisten spielen Themen wie Spitzenleistung, Makellosigkeit und Fehlerfreiheit ständig die zentrale Rolle. Das sind Menschen, die beim Abendessen immerzu darüber reden, wie viel sie heute wieder geleistet haben. Wir unterscheiden zwischen denen, die sich dabei an ihrer Spitzenleistung erfreuen, und denen, die mit dem hadern, was wieder alles nicht geklappt hat. Die einen sind funktionale Perfektionisten, die anderen dysfunktionale.

ZEIT: Sind Perfektionisten denn gute Partner in Beziehungen?

Altstötter-Gleich: Viele Untersuchungen zeigen ja, dass »Gleich und Gleich gesellt sich gern« eher stimmt als »Gegensätze ziehen sich an«. Wenn sich zwei funktionale Perfektionisten finden, können sehr interessante Paare entstehen, es gibt etwa tolle Künstler- oder Sportlerpaare. Deren Erfolgsgeheimnis ist, dass sie sich gegenseitig dabei unterstützen, das gemeinsame Ziel, die Spitzenleistung, zu erreichen.

ZEIT: Und was ist, wenn sich zwei dysfunktionale Perfektionisten ineinander verlieben?

Altstötter-Gleich: Diese Beziehung hat dann sehr viel Konfliktpotenzial. Beiden fällt es extrem schwer, ihre Probleme einzugestehen. Also reden beide weniger darüber, was sie beschäftigt – und das führt zu einem Verlust von Intimität und zum emotionalen Rückzug.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

ZEIT: Wie sollen sich Menschen verhalten, die selbst keine übermäßigen Ansprüche haben, aber einen perfektionistischen Partner mit Selbstzweifeln?

Altstötter-Gleich: Gerade für dysfunktionale Perfektionisten ist Anerkennung ja enorm wichtig. Daher sollte man sie nicht einfach kritisieren, das macht die Situation eher schlimmer, könnte sie in einen Teufelskreis treiben und psychische Erkrankungen begünstigen. Man sollte also auf keinen Fall sagen: »Immer erzählst du von deinen Fehlern!«

ZEIT: Sondern?

Altstötter-Gleich: Wenn der Partner unter seinem Perfektionismus wirklich leidet, setzt man sich am besten mit ihm zusammen und macht ihm klar, dass man mitleidet. Man thematisiert also nicht die Person, sondern die Beziehung. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich Perfektionisten nicht helfen lassen wollen. Sie glauben ja, sie müssten fehlerfrei sein.

ZEIT: Können Partner sich denn überhaupt auf Dauer helfen?

Altstötter-Gleich: Prinzipiell gilt: Partner sind schlechte Therapeuten. Das Paar sollte sich lieber professionelle Hilfe suchen. Mithilfe der Verhaltenstherapie haben Psychologen schon einige Erfolge erzielt. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Perfektionismus ist ein mittelfristig stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Der Partner braucht also auf jeden Fall viel Geduld.