Aus der Stadt verirrte sich normalerweise niemand in die Provinzen Loja und Oro im Süden Ecuadors, schon gar kein Forscher. Jaime Guevara-Aguirre machte sich dennoch auf die Reise: 18 Stunden lang rumpelte er mit dem Jeep über Schotterpisten und endlose Serpentinen, sattelte für das letzte Stück auf ein Pferd um. Geteerte Straßen gab es in den tropischen Bergwäldern damals noch nicht. Nur schlammige Pfade, gesäumt von Bananenstauden und Kaffeepflanzen.

Das war 1987 – und es war seine Leidenschaft für die Biochemie des menschlichen Körpers, die Guevara-Aguirre trieb. Jahrelang schon hatte er sich in Quito mit Stoffwechselstörungen beschäftigt. Vor allem untersuchte er Diabetes – die »Zuckerkrankheit«, die Millionen Menschen weltweit das Leben schwer macht. Bis eines Tages ein paar wundersame Patientinnen aus ebenjener verlassenen Gegend in seinem Behandlungszimmer am Instituto de Endocrinología, Metabolismo y Reproducción standen.

Sie reichten ihm nur bis knapp über die Hüfte, waren bemerkenswert pummelig – und schienen trotz ihres Übergewichts immun gegen Diabetes zu sein. Guevara-Aguirre beschloss, sich auf den Weg in den Süden zu machen, um das Geheimnis zu lüften. Da ahnte er noch nicht, dass 24 Jahre später Fachzeitschriften und Fernsehsender aus aller Welt über seine Reise auf dem Pferderücken berichten würden. Und dass er nicht nur einem Mittel gegen Diabetes auf der Spur war – sondern womöglich die Altersforschung für immer verändern würde.

Jaime Guevara-Aguirre, ein für Ecuadorianer außergewöhnlich stattlicher und hellhäutiger Mann, kannte die Gegend im Süden gut. Er selbst war hier groß geworden und hatte auch schon als Kind einige Kleinwüchsige auf der Straße gesehen, aber sich nicht besonders für sie interessiert. Als er nun drei Wochen lang im Dickicht unterwegs war, stieß er auf mehr als hundert von ihnen. Er traf Männer, die so klein waren, dass die Macheten an ihren Gürteln fast auf dem Boden schleiften. Väter, die nur halb so groß waren wie ihre Söhne. Frauen, die auf umgedrehte Holzkisten stiegen, um an ihre Küchenspülbecken zu kommen.

An Wachstumshormonen fehlt es den Kleinwüchsigen nicht

Zurück in Quito, ließ der Arzt die Blut- und Speichelproben analysieren, die er in kleinen Röhrchen mitgebracht hatte. Ungläubig schaute er auf die Laborausdrucke – war seinen Kollegen ein Messfehler unterlaufen? Ausgerechnet an Wachstumshormonen schien es den kleinen Probanden nicht zu fehlen, sie hatten mehr als genug davon im Blut. Er wiederholte den Test – das Ergebnis blieb gleich.

Erst da erkannte Guevara-Aguirre, dass die Kleinwüchsigen an einer seltenen Erbkrankheit litten, dem Laron-Syndrom, benannt nach Zvi Laron, einem israelischen Forscher, der es erstmals Ende der fünfziger Jahre dokumentiert hatte. Die Betroffenen kommen zwar normal groß zur Welt, wachsen dann aber nur sehr langsam. Männer werden nur bis zu 1,40 Meter groß, Frauen nicht einmal 1,30 Meter. Schuld ist ein Gendefekt, der den Wachstumsprozess stört. Es ist, als würde jemand einen Stein aus einer langen Reihe von Dominosteinen ziehen und damit die Kettenreaktion unterbrechen, die Menschen sonst in die Höhe schießen lässt.

Normalerweise bringt die Hirnanhangdrüse den ersten Stein zum Fallen, sie produziert ein Wachstumshormon, das über den Blutkreislauf bis in die Leber transportiert wird. Dort dockt es an passende Rezeptoren an und sorgt so dafür, dass die Leber ein zweites Wachstumshormon mit dem Kürzel IGF-1 produziert – der zweite Stein fällt. Dieses wiederum wird mit dem Blut durch den Körper gepumpt und fördert das Wachstum von Organen und Gliedmaßen – die übrigen Steine fallen. Bei Laron-Patienten ist der zweite Stein blockiert.

Schnell begriff Guevara-Aguirre, welch ein Glücksfall seine Entdeckung war. Nirgendwo sonst auf der Welt lebten so viele Laron-Kranke so dicht beieinander wie hier im Süden Ecuadors. Bisher waren überhaupt nur 60 Betroffene bekannt gewesen, die meisten lebten verstreut über Israel. Seine Kleinwüchsigen waren offenbar Nachfahren sephardischer Juden, die vor der Inquisition nach Ecuador geflohen waren und in der Abgeschiedenheit Lojas und Oros den Gendefekt von Generation zu Generation weitergegeben hatten – und damit auch die seltsame Immunität gegen Diabetes.