Die Familienaufstellung birgt zwei große Gefahren: Erstens werden Teilnehmer durch die »Analyse« des wissenden Feldes massiv beschuldigt. Brustkrebs zum Beispiel wird dann als Sühne für Unrecht gedeutet, das einem Mann angetan wurde. Zweitens drängen Anbieter Betroffene während einer Sitzung zu demütigenden Handlungen wie Niederknien. Wer sich weigert, muss angeblich mit schweren Konsequenzen rechnen: »Er wird sterben. Er geht nicht raus aus der Verstrickung« (Bert Hellinger über einen Leukämiekranken).

»Familienaufstellungen haben den klerikalen Charakter einer Beichte«, sagt Wolfgang Hantel-Quitmann, Professor für Klinische Psychologie und Familienpsychologie an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften: »Ziel ist nicht, Menschen dabei zu helfen, den für sie richtigen Weg selbst herauszufinden, sondern ihnen eine Einsicht in die Lehren Hellingers zu suggerieren und sie von diesen abhängig zu machen. Das ist eine fundamentale Verletzung der Autonomie der Klienten.«

Mehrfach mussten Teilnehmerinnen wegen akuter Suizidgefahr in die Psychiatrie eingewiesen werden. Eine vierfache Mutter erhängte sich, nachdem sie in einer öffentlichen Aufstellung beschuldigt worden war. Nach massiver Kritik betonen heute viele Anbieter, dass sie sanftere Formen der Familienaufstellung praktizieren. Eine Garantie bietet das aber nicht.

Dass so viele Menschen durch zweifelhafte Therapien geschädigt werden, ist nicht besonders überraschend: Wer psychisch Kranke behandeln möchte, braucht in Deutschland einen Heilpraktikerschein, und dafür muss man lediglich eine Prüfung beim Gesundheitsamt bestehen, eine Ausbildung oder praktische Erfahrung sind nicht vorgeschrieben. Theoretisch kann also jemand Depressive und Magersüchtige behandeln, ohne jemals zuvor einen Patienten gesehen zu haben. Psychologische Psychotherapeuten müssen für dieselbe Tätigkeit fünf Jahre Psychologie studieren und anschließend eine dreijährige Vollzeit- oder fünfjährige Teilzeitausbildung absolvieren, inklusive eines Jahrs in der Psychiatrie und sechs eigener Fälle unter Aufsicht eines Supervisors.

Viele Heilpraktiker sind zwar guten Willens. Manche kennen auch ihre Grenzen und verweisen Klienten notfalls an einen Arzt. In der Psychotherapie verkaufen sich aber oft die Unqualifiziertesten als die besseren Therapeuten und probieren ganz legal die abstrusesten Techniken aus.

Niemand fühlt sich dafür zuständig, dieses Treiben zu kontrollieren. Die Universitäten tun die erleuchtete Konkurrenz als Spinner ab, die Politik sieht keinen Handlungsbedarf, die Berufsverbände erfahren oft nicht, wenn einzelne Mitglieder Unheil anrichten. Die Gesundheitsämter könnten zwar einem Heilpraktiker die Zulassung entziehen, wenn sich Beschwerden von Geschädigten häufen. Aber welcher Depressive hat die Nerven, vor Gericht zu gehen?

So bleibt nur jedem Patienten, sich selbst zu schützen und Angebote genau zu prüfen. Viel wäre gewonnen, wenn Ratsuchende die gesunde Skepsis, die sie gegenüber der Schulmedizin haben, den Geistheilern gegenüber beibehalten – und nicht vergessen, dass auch in der Esoterik gilt: Was zu gut klingt, um wahr zu sein, ist oft nicht wahr.

*Namen von der Redaktion geändert