Liza Ackermann durchsuchte das Internet, um sich von der Angst zu befreien, doch was sie fand, versetzte sie nur noch mehr in Panik. Die 22-jährige Medienkauffrau aus Ulm hatte sich den Kopf an einem Türrahmen gestoßen und auch Stunden danach noch immer starke Kopfschmerzen. War das eine Gehirnerschütterung? Sollte sie zum Arzt gehen?

Auf einer Gesundheitswebsite stieß sie auf einen Eintrag über Hirnblutungen. Häufigste Ursache: Unfälle. Dauert die Blutung an, kann es zu »irreversiblen Schädigungen der Gehirnsubstanz« kommen, stand da. Ackermann ging sofort zum Arzt. Der untersuchte und beruhigte sie: kein Hinweis auf eine Blutung, wahrscheinlich sei es nicht einmal eine Gehirnerschütterung. »Gelegentlich nimmt mir das Internet die Sorgen«, sagt die junge Frau, »meist aber schürt es meine Angst vor Krankheiten nur noch mehr.«

Das Phänomen ist so verbreitet, dass Experten ihm mittlerweile einen eigenen Namen gegeben haben: »Cyberchondrie«. Von Gesundheitsportalen über Medizinlexika bis hin zu Selbsthilfeforen bietet das Internet unzählige Möglichkeiten, sich mit Krankheiten zu beschäftigen – und, ohne es zu wollen, die Angst davor anzufachen.

Das Netz, fürchten Experten, könnte ein Problem verschärfen, das hierzulande ohnehin schon besonders häufig ist: Schätzungen zufolge haben fast zehn Prozent der Deutschen krankhafte Angst vor Krankheiten. Die Hypochondrie zieht sich durch alle Schichten, Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen. Ihr Leid ist oft immens, Hypochondrie kann selbst zur Krankheit werden. Der Übergang zwischen gelegentlicher Sorge und manifesten Ängsten ist fließend. Jeder fünfte Betroffene leidet unter so ausgeprägter und anhaltender Krankheitsangst, dass sein Leben deutlich eingeschränkt ist. Wem es so geht, der braucht eine Therapie.

Ironischerweise wird das Problem ausgerechnet dadurch gefördert, dass wir in einer Gesundheitsgesellschaft leben. Wir treiben Sport, essen Biogemüse, lesen Gesundheitstipps – und bemühen uns so, nicht krank zu werden. Aufwendige Kampagnen haben das Prinzip der Vorsorge in den Köpfen der Menschen verankert. Beim Frauenarzt lernen schon junge Mädchen, ihre Brust regelmäßig auf Verhärtungen abzutasten. Aktionstage zu Darmkrebs erinnern daran, sich spätestens ab 55 alle zehn Jahre einer Darmspiegelung zu unterziehen, um Tumore rechtzeitig zu erkennen. Eigentlich eine gute Entwicklung, Vorsorge hat die Lebenserwartung nachweislich verlängert. Doch die damit verbundene Botschaft, dass jeder selbst für seinen Körper verantwortlich ist, kann auch Ängste hervorrufen.

Aber warum setzt sich der eine besorgt an den Computer, nachdem er sich den Kopf gestoßen hat, während ein anderer schulterzuckend zum Tennistraining geht?

Allein durch das Internet entstehe Hypochondrie nur sehr selten, erklärt Hans-Joachim Helling, Psychotherapeut aus Berlin. Wenn aber eine Veranlagung vorhanden sei, könne jede Möglichkeit, sich über Krankheiten zu informieren, die Entstehung von Hypochondrie fördern. Und wer lange genug bei Google sucht, findet auch etwas, das ihn beunruhigt. Manchmal sogar Informationen über tödliche Krankheiten, deren Symptome man bei sich selbst entdeckt. »Der Laie kann den Wahrheitsgehalt der Aussagen im Web nicht einschätzen«, sagt Helling, »Da verliert man leicht die Übersicht und wird ängstlich.«

Aber auch Menschen vom Fach kann die Krankheitsangst befallen. Johanna Seibert* wurde gerade ihr Fachwissen zum Verhängnis. Während ihres Medizinstudiums hatte sie fast alle Erkrankungen im Detail kennengelernt. Zunächst war das kein Problem. »Ich lernte meinen Traumberuf, an meinen eigenen Körper dachte ich bei der Ausbildung fast nie«, sagt Seibert. Ihr Vater war Soldat, und auch sie hatte sich für 17 Jahre verpflichtet und studierte über ein Stipendium der Bundeswehr. 2008 trat sie eine Stelle als Ärztin am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg an. Mehrmals stellte sie bei Patienten, die mit ganz allgemeinen Beschwerden und unbestimmten Schmerzen zu ihr gekommen waren, die Diagnose Krebs. Bald fing sie an, in ihren eigenen Körper hineinzuhorchen. Jedes Zwicken im Bauch, jedes Stechen in der Hüfte beobachtete sie genau. War es ein bösartiger Tumor, womöglich in den Eierstöcken? Fußschmerzen wiesen auf Knochenkrebs hin, Kopfschmerzen auf einen Hirntumor. Immer wieder ließ sie sich untersuchen: Ultraschall, Röntgen, MRT. Danach war sie für ein paar Tage beruhigt, bis sie erneut nachts besorgt aufwachte. Eines Tages rief die Truppenärztin sie zu sich. 18 Arztbesuche in fünf Monaten, sie solle einen Psychiater aufsuchen.