Merle S. kannte ihren Freund erst ein paar Tage, da hätte das Internet die frische Liebe fast zerstört. Auf der Suche nach ihrer E-Mail-Adresse hatte er ihren Namen gegoogelt – und war auf eine Pornoseite gestoßen. Zu sehen waren zwei Nacktaufnahmen von ihr mit gespreizten Beinen, neben einem Foto von ihrer Israel-Reise mit der Katholischen Studentengemeinde. "Warum machst du das?", stellte der Freund sie zur Rede, seine Stimme bebte. Merle S. war schockiert. Jemand hatte ihren Kopf auf einen nackten Körper montiert und die Fälschung ins Netz gestellt.

Auch Arne M. sorgte sich, dass das Internet seinen Ruf ruiniert. Er interessiert sich leidenschaftlich für Politik. Regelmäßig hatte er sich an Diskussionen in einem Onlineforum beteiligt, bis seine Beiträge plötzlich ganz öffentlich auf anderen Seiten erschienen. Ein Kontrahent hatte die Äußerungen des Studenten herauskopiert und sie dann in falschem Kontext weiter- verbreitet. Er nannte dabei Arnes vollen Namen. Der 23-Jährige fühlte sich diffamiert und fürchtete, dass künftige Arbeitgeber über Suchmaschinen auf die verzerrten Äußerungen stoßen könnten.

Zwei Fälle, ein Problem: Merle S. und Arne M. wurden Einträge im Internet zum Verhängnis, die sie nicht ohne Weiteres tilgen konnten – und die von selbst nicht verschwinden würden. Was meist ein Segen ist, erwies sich in ihren Fällen als Fluch: Das Internet vergisst nichts.

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Anders als der Merkfähigkeit unseres Gehirns sind dem Gedächtnis des Netzes keine Grenzen gesetzt. Selbst die belanglosesten Fakten, die wir sonst schnell vergessen würden, bleiben dort ewig gespeichert. Und wurde eine Information erst einmal weiterverbreitet, lässt sie sich kaum noch löschen. Die Betroffenen werden oft noch nach Jahren von Details aus ihrem Leben verfolgt, an die sie sich lieber nicht erinnern würden: von leichtfertigen Aussagen, die sie einmal in einem Onlineforum hinterlassen haben, von einem Foto, das sie bei einer Jugendsünde zeigt, von peinlichen Sprüchen oder Vorfällen, die vor vielen Jahren den Weg in die Zeitung fanden und nun immer noch im Netz stehen – oder eben von Diffamierungen. Häufig aber haben die Menschen die Texte, Fotos oder Filme, deren Existenz sie später quält, sogar selbst ins Netz gestellt. Je technisch ausgefeilter Suchmaschinen und Soziale Netzwerke werden, desto mehr private Informationen werden öffentlich. Und desto unvergänglicher wird die eigene Vergangenheit.

Die anstößigen vermeintlichen Fotos von Merle S. gelangten ohne ihr Zutun ins Netz. Sie hatte sich nie für das Internet interessiert und hatte erst recht keine Ahnung, wie sie die Montagen dem globalen Onlinegedächtnis entreißen sollte. "Ich kannte ja niemanden, der da Bescheid wusste", sagt sie. In ihrer Not ging sie zur Polizei und äußerte dort auch einen Verdacht, wer der Täter sein könnte: ein junger Mann, der auf der Israel-Reise viel fotografiert und ihr später seine Liebe gestanden hatte. Als sie ihn damals schließlich abgewiesen hatte, war er völlig ausgerastet. Doch das Verfahren wurde schnell eingestellt, der Urheber der schmutzigen Bilder hatte sich im Netz nicht zu erkennen gegeben. Die Anonymität der Onlinekommunikation, oftmals ein Vorteil – für Merle S. war sie nun ein gewaltiger Nachteil.

Der Fall von Merle S. ist natürlich extrem, doch zeigt er sehr gut, wie schwer es für einen Einzelnen ist, Gerüchten im Netz entgegenzutreten. Von der Polizei ist nur selten Hilfe zu erwarten. Deren Internetfahnder sind schon mit schwerwiegenderen Onlinedelikten überfordert, etwa mit Kinderpornografie und Gewaltaufrufen. Wahrscheinlich hätten sie in diesem Fall mit hohem technischem Aufwand nachverfolgen können, von welchem Rechner aus die obszönen Montagen auf die Pornoseite gelangt waren. Vielleicht hätten sie sogar den Computer des Bekannten beschlagnahmen und auf der Festplatte die Fotos finden können. Doch der Aufwand hätte in keinem Verhältnis zum Nutzen gestanden.

Nur in besonders krassen Fällen gehen die Fahnder einer Sache systematisch nach. So ermittelt die hessische Staatsanwaltschaft gegen die Betreiber der Seite IShareGossip, die bundesweit Schüler zum Beleidigen ihrer Klassenkameraden aufgerufen hatte. Zahlreiche Teenager waren verzweifelt, weil Klassenkameraden sie dort gemobbt hatten. Eltern und Lehrer empörten sich, der Staatsanwaltschaft liegen rund 60 Anzeigen vor. Bei der Suche nach den Betreibern der Seite, die anonym aus dem Ausland operierten, blieben die Ermittler allerdings bis heute erfolglos. Inzwischen haben Hacker die Seite lahmgelegt.