ZEIT Wissen: Wie wurde entschieden, welche Kliniken kostenlose Netze verteilen sollten?

Duflo: Mit einem Zufallsgenerator per Computer.

ZEIT Wissen: Also wie in wissenschaftlichen Studien.

Duflo: Genau. Dort, wo die Netze verschenkt wurden, haben natürlich auch mehr Frauen – fast alle – ein Netz mitgenommen. Aber in beiden Gruppen war der Anteil derjenigen, die das Netz später wirklich benutzten, gleich hoch. Die Sorge, dass Menschen, die das Netz geschenkt bekommen, es nicht wertschätzen, ist also unberechtigt. Kritiker bemängelten daraufhin, dass schwangere Frauen nicht repräsentativ sind. Also hat eine Mitarbeiterin die Studie ausgeweitet und Malarianetz-Gutscheine mit unterschiedlichen Rabattwerten an zufällig ausgewählte Menschen auf den Märkten verteilt und diese Leute sechs Monate später zu Hause besucht. Das Ergebnis war das gleiche wie in der Studie mit den Schwangeren.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT Wissen: Hatte das Konsequenzen?

Duflo: Die Hilfsorganisation Population Services International , die früher immer stark für das Verkaufen von Moskitonetzen war, hat nach der Studie ihre Strategie geändert.

ZEIT Wissen: Solche Experimente sind sehr aufwendig. Warum analysiert man nicht einfach die Ergebnisse eines Hilfsprojekts? Deutschland unterstützt die Afrikanische Cashew-Initiative , die Kleinbauern in Westafrika bei der Vermarktung von Cashewnüssen helfen soll. Nach Angaben der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit sind 1.400 Arbeitsplätze entstanden, und die Produktivität einiger Verarbeitungsbetriebe hat sich verdoppelt.

Banerjee: Man kann solchen Zahlen nicht immer trauen. Wenn Menschen Hilfe bekommen, haben sie oft das Gefühl, dass es aufwärts geht, selbst wenn gar kein kausaler Zusammenhang besteht. Die Welt verändert sich, auch wenn man gar nichts macht. In der Bildung zum Beispiel gibt es kaum etwas Besseres, als ein weiteres Jahr zur Schule zu gehen. Wenn man also irgendein Bildungsprogramm startet und nach einem Jahr tolle Fortschritte feststellt, könnten diese allein daher rühren, dass die Schüler ein weiteres Jahr zur Schule gegangen sind. Außerdem sind Daten nicht unbedingt zuverlässig, wenn dieselben Leute, die Hilfe leisten, die Daten erheben.

ZEIT Wissen: Man könnte doch unabhängige Gutachter beauftragen. Das wäre immer noch einfacher als ein Zufallsexperiment.

Duflo: Nehmen wir die Cashew-Initiative mit den mutmaßlich 1.400 neuen Arbeitsplätzen. Vielleicht hätten diese Menschen ohne die Initiative auch Arbeit gefunden. Wir wissen es nicht, und das ist das Grundproblem der bisherigen Art und Weise, wie die Entwicklungshilfe evaluiert wird. Wenn man Grippekranken ein Medikament gibt, geht es ihnen nach ein paar Tagen besser, aber vielleicht wäre es ihnen auch besser gegangen, wenn sie stattdessen nur Zuckerpillen bekommen hätten. Man braucht eine Kontrollgruppe.

ZEIT Wissen: Zu den großen Hilfsprogrammen zählt die Hungerhilfe. In Afrika, Indien und Südostasien werden Reis oder Getreide hoch subventioniert. In Ihrem Buch beschreiben Sie jedoch Menschen, die von ein oder zwei Dollar pro Tag leben müssen, aber für einen Fernseher sparen, statt sich mehr Essen zu kaufen. Wie passt das zusammen?

Banerjee: Es gibt in der Tat Menschen, die mit 1.300 Kalorien am Tag auskommen müssen, aber nicht ihr ganzes Geld für Essen ausgeben. Das können wir in den reichen Ländern schwer nachvollziehen, weil wir immer nur von uns selbst ausgehen. Müssten wir mehrere Mahlzeiten am Tag auslassen, wären wir sehr unzufrieden. Für die Armen ist dies aber alltäglich. Natürlich ist es nicht schön, Hunger zu leiden. Es ist aber auch nicht schön, keinen Spaß zu haben. Und deshalb ist es nicht verrückt, wenn jemand auf hundert Kalorien täglich verzichtet, um für einen Fernseher zu sparen.

Duflo: Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass die Armen als Erstes ihren körperlichen Zustand verbessern wollen. Wir machen das ja auch nicht, sondern wir trachten nach größtmöglicher Zufriedenheit im Leben. Viele Ökonomen glauben, es gäbe eine ernährungsbedingte Armutsfalle...