Die Biotüte ist laut Industrienorm 13432 zwar zu 100 Prozent kompostierbar, und das bedeutet: Nach drei Monaten in einer industriellen Kompostierung dürfen höchstens zehn Prozent der Tütenreste größer als zwei Millimeter sein. Dann gibt es das Gütesiegel, einen Keimling. Aber die Norm ist veraltet. Denn moderne Anlagen brauchen nur noch drei bis vier Wochen, um aus Bioabfällen Humus zu machen. Da könne das Bioplastik nicht mithalten, sagt Fiedler, es blieben Tütenfetzen zurück, und diesen Humus wolle niemand haben. Im Hamburger Kompostierwerk werden Biotüten daher genauso aussortiert wie PE-Tüten – und kommen in die Müllverbrennung.

Die Ironie ist, dass sie da sogar hingehören. Das legt jedenfalls eine britische Studie nahe. Wochenlang wälzten drei Wissenschaftler vom Imperial College London die Zahlen zur Herstellung der Biotüten, sie schätzten den Energieverbrauch für die Herstellung des Maisdüngers und den CO₂-Ausstoß aller Transporte. Daraus berechneten sie die Auswirkungen auf die globale Erwärmung, die Ozonschicht, das Grundwasser, die Böden und mehr.

In allen Umweltauswirkungen schneidet die Müllverbrennung demnach besser als die Kompostierung ab oder zumindest gleich gut. Wird die Biotüte verbrannt, dient sie wenigstens noch der Stromerzeugung. Außer Kohlendioxid, das auch während der Kompostierung freigesetzt wird, entstehen keine Schadstoffe. Doch egal ob Verbrennung oder Kompostierung, die meisten Umweltschäden verursachen die Herstellung der Materialien und die Produktion der Tüte. Nachteilig für Bioplastik ist vor allem der Maisanbau, darunter leiden die Böden und das Klima. In einer aktuellen Ökobilanz der englisch-walisischen Umweltbehörde steht es zwischen der Bio- und der PE-Tüte deshalb nur unentschieden.

Selbst für das Problem der Vermüllung ist Bioplastik derzeit keine Lösung. Das Material verrottet am besten in der 60 Grad warmen Industriekompostierung. Im Meer verrotten die Biotüten gar nicht. Die Industrie arbeitet dran.

Es ist mal wieder komplizierter als zunächst gedacht. Für uns Supermarktkunden heißt das: Wer sich wegen der Überdüngung der Böden und der Vermaisung der Welt sorgt, Finger weg von der Biotüte. Wer Angst vor dem Klimawandel hat, der verwende seine Plastiktüten, egal ob bio oder PE, so oft wie möglich. Und wer alles richtig machen will, der kaufe eine fair gehandelte Biobaumwolltasche und benutze sie bis an sein Lebensende. Schon nach 30-mal einkaufen ist eine Baumwolltasche grüner als Einweg-Plastiktüten.

Um den Tütenverbrauch in Europa zu reduzieren, ist eine Steuer womöglich besser als ein Verbot. In Irland führte eine Steuer von 15 Cent pro Tüte dazu, dass der Jahresverbrauch von 328 auf 21 Tüten pro Kopf sank. Auch hierzulande werden PE-Tüten im Schuhgeschäft, in der Apotheke oder im Spielzeugladen leider noch verschenkt.

Und vielleicht wird Bioplastik ja noch besser. Jens Schramm und Jens Boggel haben schon eine Idee, wie man die Ökobilanz verbessern könnte: durch Recycling. Sie haben erste Versuche gemacht und sind begeistert. Jetzt träumen sie von einem Pfandsystem, ähnlich wie bei PET-Flaschen. Fehlt nur noch ein Umweltminister, der dabei mitmacht.