Es gibt keine Straßenschilder, keine Ampeln, keine Parkplätze. Autos und Lastwagen fließen geräuschlos die einspurige Fahrbahn entlang, im selben Tempo, ohne Stillstand. Die Balkone der Häuser ragen über den breiten Gehweg. Die Straße macht Platz für die Stadt.

So stellt sich Jürgen Hermann Mayer, Architekt aus Berlin, die Stadt der Zukunft vor. In seiner Vision denkt das Auto mit, folgt programmierten Routen selbsttätig, während der Fahrer unterwegs arbeitet. Und plötzlich läuft über die Windschutzscheibe ein Fließtext: »Benjamin funkt dich an! Funk zurück: Ja oder nein?«

Selbst fahrende Autos, rollende soziale Netzwerke – da kommt Mayer in Fahrt. Doch der Blick aus dem Fenster seiner Altbauwohnung bremst ihn wieder aus, vermittelt er doch ein anderes Bild: typisches Alt-Berlin, fünfstöckige Wohnhäuser, Doppelfenster, strenge Fassaden. Davor schwarzes Kopfsteinpflaster, auf beiden Seiten zugeparkt. Ein DHL-Laster blockiert die Durchfahrt, vom Fahrer keine Spur. Der Verkehr staut sich bis zur nächsten Kreuzung. Die Wartenden sind genervt, hupen, einige wenden.

Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern © Ela Strickert

Im Durchschnitt bewegt sich jeder Deutsche knapp zwei Stunden am Tag mit seinem Privatwagen, den Rest der Zeit steht das Auto herum. Trotzdem verstopfen die Straßen: Allein über die Berliner Stadtautobahn schieben sich in Spitzenzeiten mehr als 8.000 Autos in der Stunde. Etwa ein Viertel der Grundfläche von Berlin-Mitte nehmen Parkplätze ein. Viele Experten sind sich einig: Der Hauptstadt droht der Verkehrsinfarkt.

Auch in anderen deutschen Regionen krampfen die Verkehrsadern zur Rushhour – gerade in Pendlerzonen. Denn je geringer die Bevölkerungsdichte, desto höher ist die Zahl der Autos pro Person. Seit Jahren werden kleine Bahnhöfe geschlossen – was sollen Menschen in Regionen, in denen kein Zug mehr fährt, dann anderes tun, als den Pkw zu nehmen? Alternativen zum eigenen Auto fehlen auf dem Land.

Das ist die Gegenwart. Die Zukunft soll besser werden, natürlich. Intelligenter, smarter, näher an den Menschen. Aber wie soll das gehen?

Wer verstehen will, wie sich die Mobilität in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird, muss sich selbst auf die Reise begeben, zu den wichtigsten Stationen. Die Route: Berlin – Hamburg – Darmstadt – Traunstein, vom Osten in den Norden, dann in den Süden, aus den Millionenstädten in die Kleinstädte. Unterwegs: zukunftsweisende Projekte und kleine Revolutionen.

Berlin – das Testgelände

Mehr als eine Million Autos verstopfen täglich Berlins Hauptverkehrsachsen. Dabei ist Berlin das autoärmste Bundesland der Nation: Im Durchschnitt besitzt nicht einmal jeder dritte Berliner einen Privatwagen. Immer noch zu viele, findet Andreas Knie. Der Verkehrsforscher leitet das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) an der Technischen Universität Berlin.

Im InnoZ, im Berliner Stadtteil Schöneberg gelegen, teilen sich Vergangenheit und Zukunft ein Fabrikgelände. Das Gerippe eines alten Gasometers überragt den zweistöckigen Backsteinbau, in dem das Mobilitätslabor seinen Hauptsitz hat. Gefördert von der Bahn, der Telekom und dem deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, hat Knie einen Ort geschaffen, der wie ein kleiner elektromobiler Freizeitpark anmutet. Vor der Tür des Backsteinbaus stehen zwei Dutzend Elektroautos. Aus einem schmalen Rasenstreifen zwischen den Parkbuchten ragen ebenso viele Ladesäulen empor. Im Hintergrund: ein rund 20 Quadratmeter großer Sonnenkollektor.