Exitus in der Tiefsee – Seite 1

Der Tiefenmesser zeigt 155 Meter unter dem Meeresspiegel, als Jürgen Schauer die Scheinwerfer seines U-Boots anknipst. Dafür, dass draußen das nächste Massensterben der Erdgeschichte seinen Ausgang nehmen könnte, ist hier erstaunlich viel los. Seelachse und Rotbarsche ziehen vorüber, Garnelen streiten um ihr Revier, ein Lumbfisch lugt aus seinem Versteck.

Die Lampen beleuchten ein Riff. »Die rote Koralle dort ist eine Gorgonie«, erklärt Jürgen Schauer. Daneben spannt eine Fächerkoralle ihr Skelett auf, andere sehen aus wie Blumenkohl. Schnorchelnde Touristen gibt es hier nicht. Es ist zu tief, und das Korallenriff liegt vor Norwegen. »Wenn ich ohnmächtig werde oder tot umfalle«, sagt Schauer noch und zeigt auf eine weiße Taste, »einfach diesen Knopf drücken.« Ein Scherz, Schauer hat mehr als 1.000 Tauchgänge hinter sich. Dann navigiert er das U-Boot schweigend durch die Unterwasserwelt.

Kaltwasser- oder Tiefseekorallen brauchen zum Leben kein Licht. Man hat ihre Riffe im Atlantik wie im Pazifik entdeckt, vor Norwegen wie vor Mauretanien, manche liegen mehr als 3.000 Meter tief. Sie bedecken mindestens die gleiche Fläche wie die Warmwasserkorallen in tropischen Gewässern. Die Riffe sind neben heißen Quellen das artenreichste Habitat der Tiefsee, viele Fische laichen hier ihre Eier ab. Doch in hundert Jahren könnten die meisten von ihnen am Absterben sein, weil die Meere immer mehr Kohlendioxid aufnehmen und dadurch saurer werden. Die Kalkfundamente der Riffe könnten sich dann auflösen wie Leichen im Säurebad, auch kalkbildende Schnecken, Muscheln und Planktonarten sind gefährdet.

Dass die Ozeane saurer werden, wirkt nicht so bedrohlich wie das Ansteigen des Meeresspiegels und ist nicht so fotogen wie abschmelzende Gletscher, aber die Folgen sind fatal. Jane Lubchenco, die Chefin der amerikanischen Ozeanografiebehörde NOAA , nennt die Ozeanversauerung den »genauso gemeinen Zwillingsbruder« der globalen Erwärmung.

Manche Forscher befürchten, dass der Mensch eines der größten Massensterben der Erdgeschichte auslösen wird, wenn er weiter so viel Öl, Gas und Kohle verbrennt wie bisher. Irgendwann würden dann nur noch Mikroben, Algen und Quallen das Meer bevölkern. »The rise of slime« nannte der Ozeanograf Jeremy Jackson diese Prognose, den Aufstieg des Schleims. Andere glauben, das Meer könne die niedrigeren pH-Werte gut verkraften: Dann würden sich halt Weichtiere durchsetzen, mit Skeletten aus Horn oder Knorpel statt Kalk. Jürgen Schauers Tauchgang zu den Korallenriffen soll helfen, herauszufinden, wie groß die Gefahr wirklich ist.

"Die Menschen machen alles kaputt"

Das Forschungs-U-Boot Jago ist nicht viel größer als ein Smart. Der gelernte Elektrotechniker Schauer hat es vor 22 Jahren für ein Max-Planck-Institut gebaut, heute gehört es dem Institut für Meeresforschung (IFM-Geomar) in Kiel . Den Boden hat er mit Noppenbelag ausgelegt, die Elektrik selbst installiert, sogar eine Stereoanlage eingebaut. Mithilfe von Unterwasserschall hält Schauer Kontakt zum Mutterschiff Poseidon .

Dort sitzt seine Lebensgefährtin Karen Hissmann vor einer digitalen Seekarte und lotst ihn über das Riff. Sollte bei einem Tauchgang etwas schiefgehen, schießt eine Boje mit einem Seil nach oben. Jago erinnert ein bisschen an Herbie, den alleskönnenden VW-Käfer.

Kurz vor dem Start in die Tiefe streift Schauer warme Wollsocken über, für den Vordermann liegen Pantoffeln bereit, es gibt keine Heizung. Meistens sitzt vor Jürgen Schauer ein Meeresforscher und späht durch das Bullauge. Mit einem Greifarm legen sie einzelne Korallen in einen Korb, bringen sie an Deck der Poseidon und dann in Wassertanks nach Kiel. Dort werden die Korallen in Aquarien mit unterschiedlichen pH-Werten gehalten. Die große Frage ist, wie gut sich die Ökosysteme an die Versauerung der Meere anpassen können.

Die Hälfte allen Kohlendioxids , das der Mensch durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Luft geblasen hat, haben die Ozeane aufgenommen. Kohlendioxid verbindet sich mit Wasser zu Kohlensäure, die oberen Schichten der Meere sind dadurch um 30 Prozent saurer geworden. Das verlangsamt den Klimawandel , weil der Atmosphäre Kohlendioxid entzogen und der Treibhauseffekt abgemildert wird. Aber es ist schlecht für Meeresbewohner, die Kalk als Baustoff brauchen – und das sind viele. Wenn sie verschwinden, fehlen in der Nahrungskette wichtige Glieder.

Wenn Jürgen Schauer mit Forschern abtaucht, um Proben zu sammeln, haben sie viel Zeit zu reden, und was die Forscher sagen, klingt nicht gut. Versauerung, Überfischung, Erwärmung. »Die Menschen machen alles kaputt«, sagt Schauer. Nach der zweistündigen Testfahrt drückt er die weiße Taste für den Aufstieg und schaltet die Stereoanlage ein, Johann Strauss, An der schönen blauen Donau . Schließlich hievt der Schiffskran das U-Boot an Deck. »Es ist komisch«, sagt Schauer, »man kommt zurück aus dieser Einlullwelt, und dann fragt einen der Schiffskoch, ob man Kartoffeln oder Reis essen möchte.«

Vor fünf Jahren tauchte Ulf Riebesell zum ersten Mal mit Jürgen Schauer zu einem Riff vor Norwegen ab. Es sei der emotionalste Moment seiner Forscherkarriere gewesen, als sie da unten plötzlich auf diese Farbenpracht und das pralle Leben trafen, sagt er heute. »Da hatte ich das Gefühl: Ich habe eine Verantwortung. So etwas zu vernichten wäre eine Katastrophe.« Riebesell ist Professor am IFM-Geomar. In den kommenden zwei Wochen sollen seine Doktoranden mit Jürgen Schauer Korallen sammeln, er selbst leitet die Expedition.

Riebesell hat in den USA und am Alfred-Wegener-Institut (AWI) geforscht, sein Spezialgebiet sind eigentlich die Kalkalgen, kaum sichtbare Einzeller mit einem Kalkpanzer, die für die Ozeanchemie eine wichtige Rolle spielen. Als der Klimawandel ins öffentliche Bewusstsein rückte, kamen Journalisten zum AWI, und Riebesell erzählte ihnen, dass die Coccolithopheriden durch die sauren Meere gefährdet seien, die Kalkalgen! Das Interesse war mäßig, erinnert er sich: »Da wurde mir klar: Wir brauchen eine Art Eisbär.« Ein Symbol für das Risiko der Ozeanversauerung.

Ohne Fundament kein Riff

Riebesell ist Hobbytaucher, er kennt die Faszination von Korallenriffen in den Tropen, und er ist mit einer Fernsehjournalistin verheiratet. Er fand dieses Symbol: Tiefseekorallen . Schönheiten mit klingenden Namen wie Lophelia pertusa und Madrepora oculata. Und aus Forschersicht ebenso interessant. Nun wurde Riebesell sogar in die NDR-Talkshow DAS! eingeladen. Die Redaktion stellte ihn als »Ozeanversauerungsguru« vor, und er durfte mit Moderator Hinnerk Baumgarten ein Stück Kreide in Mineralwasser werfen. Es blubberte heftig.

Riebesell steht an Deck der Poseidon und sieht zufrieden aus, das Meer ist ruhig, und die ersten Tauchgänge waren erfolgreich. 150 Meter unter sich die Korallen, die er gerne vor dem Untergang bewahren würde. Er wundert sich: dass die Menschen nichts unternehmen. Dass kein neues Klimaabkommen zustande kommt. Dass niemand Verantwortung übernimmt. Was kann ein Ozeanversauerungsguru dagegen tun? Riebesell ist Gutachter für den nächsten Bericht des Weltklimarates , der im Jahr 2013 erscheinen wird. Er sagt: »Meine Aufgabe ist es, Risikoszenarien aufzuzeigen.«

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Wenn die Ozeane saurer werden, zerstört das nicht nur die Korallenriffe. Nicht nur die Kalkschalen von Muscheln, die Gehäuse von Schnecken greift das Wasser an. Auch die Spermien von Seeigeln überleben nicht so lange wie sonst. Manche Fischarten wittern ihre Feinde nicht mehr, wahrscheinlich funktioniert ihr Geruchsorgan nicht mehr so gut. Das zeigen andere Forschungsarbeiten. Es sind Details, die erst in der Gesamtschau beunruhigen. Der Worst Case sieht so aus: Wenn die Menschheit so weitermacht wie bisher, werden die Ozeane in hundert Jahren doppelt so sauer sein wie heute. Viele Korallenriffe in der Tiefsee würden sich dann auflösen, 70 Prozent aller Riffe wären betroffen, schätzen Forscher.

Eine Ahnung von dem, was den Meeren und ihren Bewohnern droht, vermittelt schon heute der Golf von Neapel vor der italienischen Insel Ischia. Dort nimmt die Natur die Zukunft bereits vorweg. Aus vulkanischen Quellen perlt Kohlendioxid ins Meer , die Forscher sprechen von einem »Champagner-Gebiet«. Der Säuregrad des Meeres entspricht an einigen Stellen dem Wert, den man weltweit für das Jahr 2100 erwartet. Die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten ist dort um 30 Prozent niedriger als anderswo, überall wuchert Seegras.

In Kiel hingegen stellt man die Versauerung der Meere in wissenschaftlich exakt berechneten Versuchsreihen nach. Dort, in Labor A113 des IFM-Geomar, kommt die Klimakatastrophe aus blauen Schläuchen an der Wand: Luft mit unterschiedlichen CO₂-Konzentrationen. Ein Schlauch für vorindustrielles Niveau, einer für die Luft im Jahr 2050, ein weiterer für die nächste Jahrhundertwende.

Riebesells Doktorand Armin Form hat Kaltwasserkorallen aus Norwegen in Aquarien mit unterschiedlichen pH-Werten ausgesetzt und monatelang mit der Luft aus den Schläuchen umströmt. Wie schnell würden sie sterben? Die Überraschung: Die lebenden Korallen – sie bilden die obere Schicht des Riffs – schienen die Versauerung zu verkraften. Sie stellten ihren Stoffwechsel um und konnten anschließend vermehrt Kalk bilden. Auch die Evolution hilft manchen Kalkwesen anscheinend: Kalkalgen bildeten bei sinkendem pH-Wert zunächst dünnere Schalen, legten im Laufe der Generationen aber wieder zu. Weltuntergang abgesagt?

Leider nicht. Zum einen greift das Wasser weiterhin die Basis der Korallenriffe an, also das Fundament aus verkalkten Skeletten. Ohne Fundament kein Riff. Zum anderen kostet es die lebenden Korallen mehr Energie, in einer vergleichsweise sauren Umgebung Kalk zu bilden. Wenn andere Stressfaktoren hinzukommen, könnten sie schnell zugrunde gehen. »Bei einer drei Grad höheren Wassertemperatur fangen sie an, regelrecht zu hyperventilieren«, sagt Armin Form. Die Korallen, die er aus Norwegen mitgebracht hat, sollen nun unter realistischeren Bedingungen gehalten werden. Weniger Futter im Winter. Steigende Wassertemperaturen.

Die Wissenschaftler verstehen erst ansatzweise, wie der steigende Kohlendioxidgehalt die Ökosysteme des Ozeans verändert. Sicher ist, dass die Meere auf ähnliche Veränderungen in der Vergangenheit empfindlich reagierten: Vor 250 Millionen Jahren stieg der CO₂-Gehalt der Luft aufgrund gewaltiger Vulkanausbrüche rapide an und löste das größte Massensterben der Erdgeschichte aus. Mehr als 90 Prozent aller marinen Arten starben aus. Es dauerte Millionen von Jahren, bis sich die Natur regeneriert hatte.

Wenn im Dezember die Verhandlungen über ein neues Klimaabkommen beginnen, wird Armin Form in seinem Aquarium schon mal das Scheitern simulieren. Jürgen Schauer wird das Tauchboot für den nächsten Einsatz fit machen. Und Ulf Riebesell wird im Büro sitzen, Forschungsanträge schreiben und weiter darauf hoffen, dass »die Ratio einsetzt« und die Menschheit den Kohlendioxidausstoß verringert. Und wenn sie das nicht tut? Theoretisch gibt es noch eine Möglichkeit, die Versauerung aufzuhalten: Kalk im Ozean zu verklappen. Ulf Riebesell hat abgeschätzt, wie viel man davon brauchte, um ein paar Jahre Zeit zu gewinnen: Man müsste die gesamten Dolomiten zermahlen – um sie ins Meer zu schütten.