Als sich Michelle Obama mit einem Spaten in der Hand im Garten des Weißen Hauses zeigte, waren die Medien überrascht. Immerhin präsentiert sich eine Präsidentengattin nicht alle Tage mit Dreck an den Fingern. Es sollte ein Denkanstoß für die Amerikaner sein, sich gesünder zu ernähren. Umweltfreundlich ist der präsidiale Gemüsegarten außerdem: Der Weg der Bohnen auf die Teller der First Family ist denkbar kurz und verursacht somit fast keinen CO 2 -Ausstoß. Auf diesen Effekt setzt auch eine Bewegung, die in den USA schon länger existiert als die Obama-Beete: die Locavores. Eine Wortschöpfung aus »lokal« und dem lateinischen Wort für »verschlingen«.

Ihren Ursprung haben die Locavores in San Francisco. Dort rief 2005 eine Gruppe dazu auf, sich zunächst einen Monat lang nur von Lebensmitteln zu ernähren, die in einem Umkreis von 100 Meilen um den eigenen Wohnort herum produziert wurden. Seither wiederholen sie die Aktion Jahr für Jahr. Einige sind ganz auf das Locavores-Leben umgestiegen.

Ihre Idee bekam großen Zuspruch. In Metropolen wie New York begannen Leute, hinterm Haus Kürbisse zu ziehen, in gemeinschaftlich organisierten Gärten Erdbeeren anzubauen und Bienenstöcke auf Hochhausdächer zu stellen. Auch in einigen deutschen Städten haben sich mittlerweile Gruppen gegründet, die den Übergang in eine energiebewusste Zukunft organisieren wollen – unter anderem mit regional produziertem Essen. Das Oxford Dictionary erklärte locavores 2007 zum Wort des Jahres, und die Times schrieb, dass local das »neue bio« sei. Denn seit es einen globalen Markt für Bioprodukte gibt, legen auch diese zum Teil lange Wege zurück – und verursachen dabei CO 2 .

Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Doch Studien deuten darauf hin, dass es nicht einfach ist, gut von böse zu unterscheiden. Elmar Schlich von der Justus-Liebig-Universität Gießen konnte mit seiner Forschung zeigen: Nicht der Transport ist der entscheidende Faktor, sondern die Größe des Betriebes, in dem etwas produziert wird. »Wir haben die gesamte Prozesskette analysiert, von der Produktion bis zum Verkaufspunkt. Dabei zeigt sich, dass die kleinen Betriebe im Vergleich zu größeren Herstellern zwischen zwei- und achtmal so viel Energie pro Kilogramm Lebensmittel aufwenden müssen. Unabhängig davon, wo das Lebensmittel herkommt.« Ein Apfel aus Südafrika kann also eine bessere Energiebilanz haben als einer vom regionalen Bauern. Und auch Rindfleisch aus Argentinien kann besser abschneiden als deutsches, denn meist wird es in großen Mengen mit dem Schiff transportiert. Anders sieht es aus, wenn etwas eingeflogen wird: »Wenn Lebensmittel mit dem Flugzeug kommen, ist die Ökobilanz im Keller – bei Erdbeeren aus Kenia im Winter zum Beispiel«, erklärt Schlich. Seiner Meinung nach wäre es daher gut, das Transportmittel auf Lebensmitteln zu anzugeben.

Auch das Verhalten der Käufer ist ausschlaggebend. Die schlechteste Energiebilanz hat ein Produkt nämlich dann, wenn man mit dem Au- to zum Einkaufen fährt. »Im Durchschnitt kommen dadurch beim Einkauf etwa 200 Gramm CO 2 pro Kilogramm Lebensmittel hinzu«, sagt Schlich. »Das entspricht einer Autofahrt von ein bis zwei Kilometern. Bei Äpfeln wäre das sogar mehr, als deren Transport von Südafrika nach Hamburg verursacht.«

Regional erzeugte Produkte sind nur dann wirklich klimafreundlicher, wenn sie aus landwirtschaftlichen Betrieben kommen, die zusammen mit an- deren den Transport organisieren. Doch auch dann hält Schlich die Idee der Locavores in Deutschland für nicht umsetzbar: Die landwirtschaftliche Fläche reiche schlicht nicht aus, um 82 Millionen Menschen mit regionalen Lebensmitteln zu versorgen. Selbstversorger wie Holger Baade werden die Ausnahme bleiben. Für alle Hobbygärtner, auf deren Speiseplan zumindest teilweise eigenes Obst und Gemüse stehen, hat Schlich eine gute Nachricht: Die allerbeste Energiebilanz, so sein Ergebnis, hat der Apfel aus dem eigenen Garten.