Der ideale Arbeitnehmer geht am Morgen joggen, um fit zu werden. Dann fährt er zur Arbeit, treibt sich mit Kaffee an, arbeitet den ganzen Tag lang voller Energie, motiviert, konzentriert, leistet etwas. Abends entschleunigt er sich mit Entspannungsübungen , damit er gut schläft und am Morgen wieder Tempo aufnehmen kann.

Der Markt der Entspannungsangebote hat sich inzwischen etabliert und ausdifferenziert: Yoga im Schwitzbad oder auf dem Trockenen, mit viel oder wenig Power, Techniken, mit denen man das Gehirn neu programmieren soll, Ferien im Kloster mit oder ohne Religion. Die gestresste Bevölkerung nimmt all diese Angebote gerne an.

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Da oft die Arbeitgeber den Druck auf den Einzelnen immer weiter erhöhen und so für die zunehmende Überlastung der Arbeitnehmer verantwortlich sind, wäre es eigentlich sinnvoll, bei ihnen anzusetzen. Weil das aber bisher nur selten passiert, kümmern sich vorerst nur die Berufstätigen selbst darum, dass sie bei Laune bleiben. Statt aufzubegehren, stellen sie sich ruhig. Die einen machen sich selbst verantwortlich für das Gefühl der Überforderung, die anderen ärgern sich vielleicht über die Firmen, die zu viel Druck ausüben, halten aber still.

Betreibt also eine ganze Gesellschaft bloß Symptombekämpfung, statt die Ursache der Probleme im System Arbeit zu beheben?

Nicht unbedingt. Mit der richtigen Methode kann man beides erreichen.

Ein gutes Beispiel ist die Achtsamkeitsmeditation. Ihre Wirkung ist wissenschaftlich belegt: Das Training reduziert Stress und Ängste, macht es leichter, ständiges Grübeln zu unterbrechen, hilft bei chronischen Schmerzen und beugt Depressionen vor.

Wer meditiert, lernt, sich selbst und seine Umgebung zu beobachten, und versucht, das, was einem auffällt, nicht zu bewerten. Auf diese Weise können Menschen wahrnehmen, dass sie zum Beispiel unter Arbeitsstress leiden und eine Pause brauchen. Genau dies merken viele nicht, wenn sie in der Mühle der täglichen Bürotätigkeit von einer To-do-Liste zur nächsten hetzen.

»Das Ziel ist natürlich nicht, Ärger wegzumeditieren und sich ruhigzustellen, sondern erst einmal wahrzunehmen, dass man sich überhaupt ärgert«, sagt Elke Popp, die in München gestresste Menschen in Achtsamkeitsmeditation trainiert. »Man beobachtet, wie körperliche Reaktionen kommen und wieder vergehen, bei Wut vielleicht ein Druckgefühl im Magen und angespannte Schultern. Danach kann man doch viel überlegter handeln als in der Wutphase selbst.«

In ihren Kursen fänden die Teilnehmer oft heraus, was sie wollten, sagt Popp. »Oft merken sie, dass sie sich mehr unter Druck setzen lassen, als es nötig wäre.« Sie erzählt von Teilnehmern, die nach dem Kurs endlich einmal Urlaub nehmen, öfter pünktlich nach Hause gehen oder in eine weniger stressige Abteilung wechseln.