»Man kann nicht alles steuern«

Mira Czutka wendet als Managerin an, was sie beim Pilgern gelernt hat.

»Vor neun Jahren bin ich zum ersten Mal in Spanien gepilgert. Das war für mich eine so positive Erfahrung, dass ich seitdem jedes Jahr den Jakobsweg gehe. Dort reduziert sich alles auf das blanke Leben. Ich muss kaum Entscheidungen treffen – höchstens, ob ich mich jetzt ausruhe oder später.

Da ist mein Alltag sonst ganz anders: Als Produktmanagerin bei W. L. Gore & Associates mache ich Marktanalysen und entwickle Arbeitskleidung, da muss ich ständig Entscheidungen treffen. Die Arbeit ist so intensiv, dass man sich leicht in den Tätigkeiten verliert. Aber inzwischen bemerke ich es rechtzeitig, wenn die Seele langsam abstirbt. Das habe ich beim Pilgern gelernt, weil ich da so aufblühe.

Auch von einer weiteren Erfahrung profitiere ich im Joballtag: Alles funktioniert auch ohne eine durchgetaktete Organisation. Natürlich setze ich mir bei der Arbeit Ziele, so wie ich auch beim Pilgern weiß, dass ich abends an einer Herberge ankommen will. Aber auf dem Weg dahin gebe ich mich dem Fluss der Dinge hin. Wenn ich auf dem Jakobsweg nicht weiß, in welche Richtung ich weitergehen muss, treffe ich sicher jemanden, der es mir sagen kann.

Und bei der Arbeit geht doch ein minutiöser Zeitplan sowieso nie auf, bei der Entwicklung eines neuen Produkts muss jeder seine Planung immer wieder nachjustieren. Man kann eben nicht alles steuern. Ich bezeichne mich zwar nicht als religiös, glaube aber, dass etwas Größeres uns beeinflusst. Davon lasse ich mich lenken.«