ZEIT Wissen: Professor Eagleman, Sie sind Hirnforscher, beschäftigen sich aber mit der Rechtsprechung. Wie kam es dazu?

David Eagleman: Die Neurowissenschaften entwickeln sich derzeit in enormem Tempo. Wir erfahren immer mehr darüber, wie das menschliche Gehirn funktioniert und wie sich der Mensch aufgrund dessen verhält. Mich treibt dabei vor allem die Frage an, wie die Erkenntnisse der Hirnforschung helfen können, unsere Gesellschaft positiv zu verändern. Ein effektives Rechtssystem ist eine grundlegende Bedingung einer gerechten Gesellschaft. Deshalb konzentriere ich mich mit meiner Forschung darauf, wie es mithilfe der Neurowissenschaft verbessert werden kann. Auch der Beruf meines Vaters hat sicher dazu beigetragen, dass ich mich für diesen Bereich besonders interessiere.

ZEIT Wissen: Was macht Ihr Vater?

Eagleman: Er ist Psychiater. Ich habe wohl unbewusst an seinen Fällen Feuer gefangen. Sie waren manchmal hochinteressant. Es ging beispielsweise um Verbrechen wie Serien- und Massenmord.

ZEIT Wissen: Was haben Sie von ihm und seiner Arbeit gelernt?

Eagleman: Ich habe von ihm gelernt, dass es unmöglich ist, sich in andere Menschen wirklich hineinzuversetzen. Selbst wenn wir uns bemühen, wird es uns nur sehr begrenzt gelingen. Ich meine damit nicht, dass man die Gefühle anderer nicht nachempfinden kann. Ich spreche von den biologischen Unterschieden. Das gilt speziell für Täter: Ein Mörder ist nicht ein Mensch wie jeder andere, der nur mal eine schlechte Entscheidung getroffen hat. Sein Gehirn funktioniert vollkommen anders.

ZEIT Wissen: Die westlichen Justizsysteme beruhen aber auf der Annahme, dass Menschen gleichermaßen rationale und überlegte Entscheidungen fällen. Ist das Wunschdenken?

Eagleman: Ich halte diese Rechtsidee für krude. Den westlichen Rechtssystemen liegt generell die Fehlannahme zugrunde, wir – also auch unsere Gehirne – seien alle gleich. Es ist zwar eine sehr noble Überzeugung, entspricht aber überhaupt nicht den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Forschung zeigt: Gehirne sind grundverschieden.

ZEIT Wissen: Wollen Sie damit sagen, dass eine bestimmte Ausprägung des Gehirns bewirken kann, dass ich gegen meinen Willen zum Verbrecher werde?

Eagleman: Die meisten Neurowissenschaftler bezweifeln, dass der Mensch so etwas wie einen freien Willen besitzt . Der Grund dafür ist, dass jeder Teil des Gehirns in einem komplexen Netzwerk mit einem anderen Teil verbunden ist – und auch der Gesamtapparat bleibt letztlich ein mechanisches Netzwerk. Wenn man davon ausgeht, dass ein freier Wille immateriell und nicht physisch mit dem Körper verbunden ist, ist es unklar, wie er Einfluss auf die Entscheidung der Maschinerie Gehirn nehmen könnte.