Pfusch in den Wolken – Seite 1

Der Notfallplan für die Rettung der Menschheit passt auf ein Blatt Papier. Hugh Hunt zieht mit dem Kugelschreiber zwei waagerechte Linien, die untere soll die Erdoberfläche darstellen, an der oberen beginnt die Stratosphäre, eine höhere Atmosphärenschicht. 20 Kilometer über dem Erdboden, beim oberen Strich, zeichnet er einen Ballon, an dem das Ende eines Schlauchs befestigt ist. Durch den Schlauch, sagt Hunt, pumpt man eine schwefelhaltige Flüssigkeit in die Stratosphäre, dort bilden sich winzige Tröpfchen, die das Sonnenlicht reflektieren: "50 Schläuche würden genügen." Dann schlürft er schwarzen Tee aus einem Pappbecher.

Videokolumne Dr. Max - Dr. Max: Die riskanten Pläne der Klima-Klempner Geo-Ingenieure wollen Schwefeltröpfchen in der Atmosphäre verstreuen, um die globale Erwärmung aufzuhalten. Neue Computersimulationen zeigen, wie riskant das ist.

Hugh Hunt ist Ingenieur, er denkt darüber nach, wie man mit Großtechnik das Klima verändern kann. Klima- oder Geo-Engineering heißt das Forschungsgebiet, im Englischen gern als planet hacking verballhornt, im Deutschen als "Klima-Klempnern".

Es ist der letzte Dienstag im November, in Durban haben gerade die Klimaverhandlungen begonnen. In der Zeitung konnte Hunt am Morgen lesen, dass die Klimapolitik wohl auch diesmal keinen Durchbruch erzielen wird . Nun sitzt er in seinem Wohnbüro am Trinity College in Cambridge und erklärt seinen Plan.

Mit 50 Schläuchen weltweit könne man genug Schwefel in die obere Atmosphäre pumpen, um die globale Durchschnittstemperatur um zwei Grad zu senken, die Vulkane hätten uns vorgemacht, wie das geht. "Wir würden das natürlich nur machen, wenn wir dazu gezwungen wären", sagt Hunt. "Es ist eine Art Lebensversicherung." Die letzte Chance, wenn alle anderen Strategien scheitern.

Geo-Engineering ist nur Plan C

In der Klimapolitik ist das Einsparen von Kohlendioxid der Plan A: unumstritten, aber bislang nicht sehr erfolgreich. Plan B ist die Anpassung an den Klimawandel durch schwimmende Häuser oder hitzebeständige Getreidesorten, früher Tabu, heute Tagespolitik. Geo-Engineering, ein ganz neues Forschungsgebiet, ist Plan C. Die große Frage ist, welche Risiken und Nebenwirkungen damit verbunden wären. Kritiker warnen , einige Techniken zur Klimamanipulation könnten die Ozonschicht ausdünnen oder weltweit die Niederschlagsmuster verändern. Aufwendige Computersimulationen geben erste Hinweise darauf, welchen Ländern das Geo-Engineering besonders schaden könnte.

Auch die globale Erwärmung, verursacht durch die Kohlendioxid-Emissionen von Kraftwerken, Autos und Heizungen, ist eine Manipulation des Klimasystems. Aber sie ist eine unerwünschte Begleiterscheinung der Industrialisierung. Beim Geo-Engineering dagegen geht es um gezielte Eingriffe in die Natur . Bis jetzt gab es dazu nur theoretische Überlegungen, doch Hunt und ein paar Forscherkollegen aus Oxford und Bristol wollen nun endlich Feldexperimente machen. Es wären Experimente mit großer Symbolwirkung. Selbst in China und Australien wurde über Hugh Hunts Ballon berichtet .

Auf einem ehemaligen Militärflughafen im Nordosten Englands möchten die Forscher den Ballon erst mal einen Kilometer hoch steigen lassen und mit einer Hochdruckpumpe nur Wasser nach oben pressen. Den passenden Schlauch haben sie im Autozubehörladen bestellt, gewebeverstärkt, ein Stück davon liegt auf Hunts Tisch. Sie hätten damit schon längst angefangen, aber dann schickten ein paar Umweltorganisationen einen Brief an den Minister für Energie und Klimawandel und forderten, das Projekt zu stoppen. Nun soll die Öffentlichkeit stärker beteiligt werden, ein Runder Tisch wurde eingerichtet, Sozialwissenschaftler wurden angeheuert. Hunt hofft, dass es im April weitergeht.

Geo-Engineering könnte eine Megadebatte auslösen, wie sie um Atomkraft und Gentechnik geführt wird. Die Kontrahenten stecken gerade ihre Positionen ab. Umweltgruppen fürchten, schon die Erforschung der Klimamanipulation werde dazu führen, dass sich Staaten beim CO₂-Sparen noch weniger anstrengen. Der streitbare Politikwissenschaftler Bjørn Lomborg dagegen, der die Aufregung um den Klimawandel ohnehin übertrieben findet, befürwortet Geo-Engineering, um Zeit für die Energiewende zu gewinnen. Der Weltklimarat IPCC wird in seinem nächsten Klimabericht dazu Stellung nehmen, der Deutsche Bundestag lässt derzeit ein Gutachten anfertigen. Die Bundeswehr spielt auf dem Papier Szenarien durch, in denen Geo-Engineering von einzelnen Staaten vorangetrieben und womöglich als Waffe eingesetzt wird.

Zwei Wege um die Erde abzukühlen

Auch der Philosoph Peter Sloterdijk hat sich schon zugeschaltet. "Ich habe sehr viel Sympathien für die Techniker", sagt er und freut sich bereits auf ein "völlig neues Zusammenspiel von Umwelt und Technik". So könne die Erde "ein Hybridplanet werden, auf dem mehr möglich sein wird, als konservative Geologen glauben".

Hugh Hunt lächelt säuerlich. Ihn nervt die öffentliche Erregung, er will doch nur herausfinden, ob der Plan mit dem Schlauch technisch machbar ist, er will Wasser in die Luft sprühen, keinen Schwefel, er will die Machbarkeit beweisen. "Es gibt Können und Sollen", sagt er, "wir Ingenieure sind für das Können zuständig."

Das Trinity College ist eine Harry Potter-Welt, das rote Backsteingemäuer mit Efeu überwuchert, alles ziemlich verwittert. Seit fast 500 Jahren gibt es das College, in der Kapelle steht eine Marmorstatue des Naturforschers Francis Bacon, der hier im 16. Jahrhundert studierte und davon träumte, Regen, Hagel und Blitze zu machen. Hunts Büro liegt gleich nebenan. Dutzende Bumerangs hängen an den Wänden, in einer Vitrine liegen Zauberwürfel, Knobelspiele, Kreisel, in der Ecke steht ein Flügel. Ein Spielzimmer für verrückte Ideen.

Niemand wolle derzeit ins Klimasystem eingreifen, beteuert Hunt. Er holt ein Schweizer Messer aus der Hosentasche und sagt: "Die Tatsache, dass ich ein Messer mit mir herumtrage, heißt doch nicht, dass ich jemanden umbringen will."

Tatsächlich sind es keine Spinner, die darüber nachdenken, wie man das Raumschiff Erde klimatisieren könnte. Bill Gates hat mehrere Millionen Dollar für die Erforschung des Geo-Engineerings spendiert, Professoren aus Harvard und Stanford verwalten die Mittel. Auch die EU hat Geld für ein Forschungsprojekt bewilligt, in Deutschland ist die Max-Planck-Gesellschaft daran beteiligt .

Die Klima-Ingenieure diskutieren zwei verschiedene Ansätze. Erstens das Einfangen und Wegsperren von Kohlendioxid aus der Luft in die Erde. Kritiker bemängeln, dass die unterirdischen Speicher leckschlagen könnten. Doch wenn man das ausschließen könnte, hätte die Technik den Vorteil, dass sie genauso wirkt wie eine Reduktion der CO₂-Emissionen. Die zweite Idee ist, die Sonneneinstrahlung zu verringern, also den Globus zu kühlen. Sonnenstrahlungs-Management sagen die Ingenieure dazu. Der Streit um das Geo-Engineering entzündet sich vor allem daran.

Man könne Dächer, Straßen und Bürgersteige weiß anstreichen und so die Reflektivität der Erdoberfläche erhöhen, schlug der US-Energieminister und Physik-Nobelpreisträger Steven Chu ernsthaft vor. Andere favorisieren viele kleine Spiegel in der Erdumlaufbahn, eine Art Sonnenschirm für die Erde. Außerdem gibt es den Plan, weißere Wolken über dem Meer herzustellen, indem Roboterschiffe Salzwasser in die Luft sprühen. In einem Labor in Kalifornien tüfteln Ingenieure mit Unterstützung von Bill Gates an der Technik. Und schließlich ist da noch das Vulkanspielen, also das Versprühen kleinster Partikel in der Stratosphäre, wie Hugh Hunt es plant. Davon weiß man sicher, dass es funktioniert.

Vulkan spielen

Die Natur hat es vorgeführt: Vor elf Jahren katapultierte der Pinatubo-Vulkan auf den Philippinen etwa zehn Millionen Tonnen Schwefel in Form von Schwefeldioxid in die Stratosphäre. Dort bildeten sich winzige Partikel – Aerosole. Die Höhenwinde verteilten diese über den Globus. Die globale Durchschnittstemperatur sank um ein halbes Grad.

Schwefel in der Luft? War da nicht was mit saurem Regen? Das sei das geringste Problem, sagt Hunt. Um eine Klimaerwärmung von zwei Grad rückgängig zu machen, brauche man etwa fünf Prozent der ohnehin durch Autos und Fabriken emittierten Schwefeloxide. Und diese fünf Prozent würden in die Stratosphäre eingebracht, wo es gar nicht regnet und wo die Kühlwirkung am größten ist.

Ärgerlicher ist, dass die Schwefelpartikel den Abbau der Ozonschicht beschleunigen. Aber darüber zerbricht sich Hunt nicht den Kopf, darum kümmern sich Kollegen in Bristol, die nach alternativen Schattenpartikeln Ausschau halten. Hunts Job ist es, herauszufinden, ob man das Zeug überhaupt 20 Kilometer hoch in die Luft pumpen kann, ohne dass Winde den Schlauch wegblasen. Andere haben vorgeschlagen, die Partikel mit Militärflugzeugen zu versprühen, aber darüber kann Hugh Hunt nur lachen. Man brauchte 30.000 Flüge pro Tag, sagt er, "das ist doch verrückt".

Der Mann, der die Welt auf Plan C vorbereiten will, empfängt eine Etage über Hugh Hunt. Martin Rees, 69, ist Rektor des Trinity College, ein schmaler Gelehrter mit weißen Haaren, der tief im Sessel des Kaminzimmers versinkt. Im College heißt Rees nur "The Master", in Großbritannien ist er eine Instanz. Die Queen ernannte ihn vor Jahren zum königlichen Astronomen. Bis 2010 war er Präsident der Royal Society, der schon Isaac Newton, Charles Darwin und Albert Einstein angehörten. Der angesehene Forscherclub berät das Parlament und die Öffentlichkeit, auf Initiative von Martin Rees hat er eines der ersten Gutachten über Geo-Engineering veröffentlicht . Die Klimamanipulation sei technisch machbar und könne die Kosten und Risiken des Klimawandels wahrscheinlich stark verringern, stand darin. Man brauche aber mehr Forschung und internationale Regeln. Der Bericht fand weltweit Beachtung.

Risiken und Regeln der Klimamanipulation

Hugh Hunts Experiment habe seine volle Unterstützung, sagt Rees. "Es wird politischen Druck geben, mit dem Geo-Engineering zu beginnen." Draußen nieselt es, aber das ist vorerst nur die Natur. Ein Butler serviert Haferkekse und Kaffee, Klaviermusik perlt aus dem Lautsprecher. Der Kampf gegen den Klimawandel muss nicht ungemütlich sein.

Wird die Wissenschaft jemals genug wissen, um alle Risiken auszuschließen? "Nein, es gibt immer Unsicherheiten." Sollte man dann nicht die Finger vom Sonnenstrahlungs-Management lassen? "Dafür wissen wir noch nicht genug."

Er könne sich ein Szenario vorstellen, sagt Rees, in dem Geo-Engineering im globalen Durchschnitt von Vorteil sei und nur wenige Länder darunter leiden würden. "Denen müsste man eine Entschädigung zahlen und bei der Anpassung helfen." Er ist aber selbst skeptisch, dass es jemals so weit kommt. "Die werden ihr Veto einlegen."

Hauke Schmidt war einer derjenigen, die von der Royal Society um Rat gefragt wurden. Schmidt forscht am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, er simuliert das Weltklima auf dem Supercomputer des Deutschen Klimarechenzentrums. Wenn Hugh Hunt für das Können zuständig ist, dann ist Hauke Schmidt der Mann für das Wissen.

Es ist der erste Mittwoch im Dezember, und die Klimaverhandlungen in Durban gehen in die entscheidende Phase. Bundesumweltminister Norbert Röttgen ist angereist und hat sich über die Amerikaner beschwert, außerdem rätseln die Delegierten über die Strategie Chinas . Alles ist wie immer. Hauke Schmidt hat keine großen Erwartungen an den Klimagipfel, er sitzt in seinem Büro und schreibt an einem Fachartikel, Regen auch hier. Schmidt schreibt, wie Geo-Engineering das Klima verändern wird, seine Forschungsgruppe hat ihre Ergebnisse gerade mit den Simulationen von britischen, norwegischen und französischen Forschern verglichen.

Anfangs gab es Kollegen, die hatten Skrupel vor dieser Art von Forschung. Schmidt erinnert sich noch gut daran, wie sie vor sechs Jahren zusammensaßen und diskutierten. Einige fürchteten, man würde die Anstrengungen zur CO₂-Einsparung torpedieren. Schmidt ist anderer Meinung. Man sollte die Forschung nicht anderen überlassen, sagt er, Ölkonzernen oder konservativen Thinktanks etwa, "wir brauchen eine unabhängige Expertise".

Die Wissenschaftler simulierten eine Welt, in der die CO₂-Konzentration viermal so hoch ist wie vor der Industrialisierung. Kein unrealistisches Szenario: Steigen die Emissionen weiter wie bisher, ist es in 150 Jahren so weit. Die Durchschnittstemperatur würde ohne Gegenmaßnahmen um sechs Grad ansteigen. Dann verringerten die Forscher die Sonnenstrahlung in ihrem Computerspiel so weit, dass die Durchschnittstemperatur wieder auf dem vorindustriellen Niveau von 13,7 Grad Celsius lag. Vier Prozent weniger Sonnenstrahlung reichen dafür aus. Ob man dies eines Tages mit Schwefelpartikeln oder Spiegeln im Weltall macht, war erst mal egal. Es ging um die Folgen für das Klima. Und die wären enorm: Im globalen Durchschnitt würden drei bis sechs Prozent weniger Regen fallen, über Nordamerika, Europa und weiten Teilen Asiens sogar 10 bis 20 Prozent weniger. Für die Landwirtschaft wäre das katastrophal.

Greift man einmal ins Klima ein, muss man weitermachen

Es ist also nicht so, dass man die Klimaänderung einfach rückgängig macht, indem man Schwefelpartikel in die Stratosphäre pumpt. "Wir hätten ein ganz anderes Klima", sagt Schmidt. Der Grund ist, dass Treibhausgase und Vulkanpartikel unterschiedlich auf das Klimasystem wirken. Beim Treibhauseffekt wird die Wärmestrahlung der Erde vom Kohlendioxid der Atmosphäre zurückgeworfen in Richtung Erdboden. Schwefelpartikel hingegen sorgen dafür, dass von vornherein weniger Sonnenstrahlung die Erdoberfläche erreicht. Daher verdunstet weniger Wasser, es gibt weniger Wolken und Regen. Schmidt sagt: "Geo-Engineering ist kein Allheilmittel, es wird immer nur ein Herumdoktern sein." Zum jetzigen Zeitpunkt wäre jeder Eingriff ins Klimasystem fahrlässig, da die Folgen noch nicht ausreichend erforscht seien.

Vulkan spielen hätte noch weitere Folgen, wie andere Arbeiten zeigen: Die Schwefelpartikel greifen die Ozonschicht an. Nach dem Ausbruch des Pinatubo maßen Wissenschaftler zwei Prozent weniger Ozon in den oberen Atmosphärenschichten. Auch den sinkenden pH-Wert der Ozeane – das Meer nimmt Kohlendioxid aus der Luft auf – würde man mit dieser Technik nicht aufhalten. Das Dilemma: Wer mit der Klimamanipulation erst mal anfängt, kann damit nicht einfach wieder aufhören, wenn sich unerwünschte Folgen zeigen. Dann nämlich würde die Temperatur abrupt ansteigen, und das wäre wahrscheinlich noch schlimmer als eine allmähliche Erwärmung. Und schließlich wäre wohl auch die Farbe des Himmels eine andere. Grau statt Blau.

Bjørn Lomborg verglich Geo-Engineering mit einem Methadonprogramm für Heroinabhängige, wobei Heroin für die fossilen Brennstoffe steht. Treffender ist ein Vergleich des Klimabloggers Joseph Romm, der im US-Energieministerium einst die Abteilung für erneuerbare Energien leitete: Geo-Engineering sei, als verordne man eine Chemotherapie gegen ein Leiden, das man auch durch eine bessere Ernährung kurieren könnte.

Die Debatte um das Geo-Engineering dreht sich bisher vor allem um die Technik, die Risiken und die internationalen Regeln der Klimamanipulation. Die interessanteste Frage kommt allerdings noch: Auf welche Durchschnittstemperatur sollen wir die Klimaanlage der Welt einstellen, wenn wir eines Tages die Möglichkeit dazu haben? "Ich bin mit dem britischen Klima zufrieden", sagt Martin Rees, "nicht zu heiß und nicht zu kalt." Man darf gespannt sein, was die sieben Milliarden Mitbewohner unserer Planeten-WG dazu sagen werden.