Im Bundesstaat Bihar herrscht bittere Armut, auf dem Land gibt es kaum Arbeit, die Korruption grassiert. Auch von HPS werden immer wieder Bestechungsgelder verlangt – erfolglos, beteuert Pandey.

Seit sich die Bewohner mithilfe der Polizei gegen die Banditen wehren, ist Tamkuha sicherer geworden. So kann Pandey gefahrlos von der Lehmhütte, die ihm als Büro und Schlafstätte dient, zu seinem Kleinkraftwerk spazieren. Es liegt zwischen den letzten Hütten des Dorfes und Reisfeldern, auf denen zartes Grün sprießt. Ein wackeliger Zaun umschließt strohgedeckte Unterstände, einen Werkzeugschuppen und das Herzstück der Anlage, eine etwa drei Meter hohe Tonne aus Metall. In ihrem Inneren werden Reishülsen unter hoher Temperatur in ein brennbares Gas umgewandelt, das vor allem aus Kohlenmonoxid sowie aus Methan besteht. Das Gasgemisch wird zur Verbrennung in einen alten Lkw-Motor geleitet, der wiederum einen Stromgenerator mit einer Leistung von 15 Kilowatt antreibt – genug, um in Tamkuha Glühbirnen zum Leuchten und ein paar Elektrogeräte zum Laufen zu bringen.

Als Brennstoff dienen Reishülsen

Das Prinzip der Biomasse-Vergasung ist schon lange bekannt. Trotzdem tüftelte Gyanesh Pandey zwei, drei Jahre, bis die Anlage funktionierte. Er wollte unbedingt Reishülsen als Brennstoff verwenden, "weil die so ziemlich das Einzige sind, was die Bauern hier nicht verwerten." In den Hülsen steckt so viel Silikat, dass sie weder als Kompost noch als normaler Brennstoff taugen. Auch für die Vergasung galten sie als ungeeignet, weil dabei viel Ruß entsteht, der herkömmliche Anlagen verstopft.

Pandey konnte das Problem entschärfen: Wenn man das Brenngas mit Wasser abkühlt, setzt sich der Ruß an den Rohrwänden ab. Die müssen dann zwar regelmäßig gereinigt werden, aber bei den niedrigen Lohnkosten macht das den Strom kaum teurer. Weil Reishülsen so günstig sind, ist der Strom sogar für die ärmsten Anwohner bezahlbar, die oft nur ein bis zwei Euro pro Tag verdienen. "Unsere Kraftwerke haben die geringsten Produktionskosten der Welt", sagt Pandey stolz. Sie liegen bei rund einem Dollar pro Watt installierter Leistung. Bei modernen Windrädern können sie locker das Hundertfache betragen.

Der Preis hat für viele soziale Unternehmen eine besonders große Bedeutung. Ein Vorreiter der Szene, Paul Polak, hat den Begriff der "radikalen Erschwinglichkeit" geprägt. Die Bewässerungspumpe, die seine Organisation International Development Enterprises (IDE) vertreibt, kostet nur 20 Euro, hat aber das Einkommen etlicher Bauern verdreifacht. Laut einer Studie entkamen 17 bis 20 Millionen Bauern dank Bewässerungstechniken von IDE der Armut.

Die Kleinstkredite von Muhammad Yunus haben ähnlich vielen Menschen geholfen. Mittlerweile hat der Friedensnobelpreisträger um seine Mikrokreditbank Grameen ein Konglomerat von sozialen Firmen aufgebaut. Eine davon vertreibt Solarmodule im ländlichen Bangladesch und hat so mehr als einer Million Familien Zugang zu Strom verschafft.

Solarstrom wäre zu teuer

Beträchtliche Erfolge seien das, sagt Lucy Scott von der Universität der Vereinten Nationen, einem Netz von Bildungs- und Forschungszentren der Organisation. Aber Wunder seien auch von sozialen Unternehmen nicht zu erwarten. "Manche erreichen nicht die Allerärmsten, auch wenn sie dies behaupten." Solarmodule etwa sind immer noch so teuer, dass sie sich höchstens die Mittelschicht in Bangladesch oder Indien leisten kann.

Deshalb sei Solarenergie für HPS nicht infrage gekommen, sagt Gyanesh Pandey. "Um auf einen Preis zu kommen, den auch die Ärmsten bezahlen können, umgerechnet etwa 1,50 Euro pro Monat, haben wir vieles ausprobiert." Vor der Biomasse-Vergasung experimentierte sein Team etwa mit Jatropha-Nüssen, die sich zu Biodiesel verarbeiteten lassen. "Schlussendlich hat nicht eine raffinierte Technologie den Durchbruch gebracht, sondern das gesamte System einer dezentralen Stromversorgung, das wir entwickelt haben." Das fängt damit an, dass die Kleinkraftwerke nicht zu groß ausgelegt sein dürfen. Die Haushalte brauchen in Dörfern wie Tamkuha nur Strom für zwei Glühbirnen und ein Handyladegerät. Produzieren die Anlagen zu viel Strom, stimmt die Kalkulation nicht mehr, der Strom wird zu teuer.

HPS muss aber auch Schlitzohren austricksen: "Hier würden viele Strom klauen, wenn man sie ließe", sagt Pandey. Verhindern lässt sich das durch Vorauskasse und simple, verplombte Sicherungen in jeder Hütte, die auf die bezahlte Strommenge eingestellt sind. Zieht ein Haushalt mehr Saft als bezahlt, brennt die Sicherung durch. Pandey agiert auch sonst abgebrüht, wenn das höhere Ziel es erfordert. Zu Beginn verlangten die Besitzer der Dreschmaschinen horrende Preise für die Reishülsen, die sie zuvor überhaupt nicht verkaufen konnten. "Da bauten wir eine Dreschanlage und verarbeiteten den Reis aller Bauern kostenlos, bis die Müller einlenkten. Danach schlossen wir unsere Anlage wieder."

Ladenschluss zwei Stunden später

Wie viele Menschen seine Firma erreicht, sieht man in Tamkuha am besten nach Einbruch der Dunkelheit. In den allermeisten Häusern brennt eine Birne, auch bei Subhavati Devi. Sie freut sich, dass sie nun bei Licht kochen kann und die Kinder abends noch lernen können. Der Dorfarzt B. P. Singh schätzt das Licht besonders, wenn er Notfallpatienten versorgen muss. Zudem habe die Zahl der Schlangenbisse stark abgenommen, und es gebe weniger Brände, weil kaum noch brennende Kerosinlampen in den Strohhütten umkippten.

Im Zentrum gibt es einige kleine Läden. Alle sind erleuchtet, die Geschäfte laufen. "Die Ladenbesitzer sind glücklich", sagt Surendra Chauhan hinter seiner Theke. "Früher schlossen wir eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit, also um sieben Uhr, jetzt haben wir bis halb neun geöffnet." Die Umsätze seien gestiegen, und die Kosten für den Strom lägen deutlich unter denen für Lampenkerosin, obwohl das elektrische Licht viel besser sei. Und wenn er nach der Arbeit nach Hause gehe, dann erwarte ihn dort nicht mehr die tiefe Finsternis früherer Tage, sagt Chauhan.