Dank LeDoux’ Forschung weiß man heute, dass die Mandelkerne für die Entstehung des Furchtgedächtnisses essenziell sind. Je stärker sie aktiviert werden, desto lebendiger ist die Erinnerung an ein unangenehmes Erlebnis. Wie schnell sie auf mögliche Gefahren ansprechen, zeigte LeDoux mit einer aufsehenerregenden Studie: Er fand heraus, dass die Mandelkerne auf ein gelerntes Warnsignal – etwa das von ihm eingesetzte Geräusch – reagieren, noch bevor dieses Signal in der Hirnrinde vollständig verarbeitet ist und ins Bewusstsein dringt. Der Reiz nimmt eine Abkürzung vom Thalamus direkt zur Amygdala – "quick and dirty" , sagt LeDoux. Mit anderen Worten: Wir bekommen Angst, noch bevor wir überhaupt begreifen, was passiert. Psychiater waren angetan von dieser Entdeckung, erschien sie doch als Beleg für die Macht des Unbewussten.

LeDoux spricht von emotionalen oder impliziten Erinnerungen. Während vor allem der Hippocampus bewusste, explizite Erinnerungen, etwa an Fakten oder persönliche Erfahrungen, im sogenannten deklarativen Gedächtnis speichert, legt die Amygdala emotionale Erinnerungen an, die uns unbewusst einholen können. Manchmal überdauern sie sogar die Informationen im deklarativen Gedächtnis oder entkoppeln sich davon: Wer während eines Verkehrsunfalls lautes Gehupe gehört hat, wird später möglicherweise bei Huptönen nervös, ohne zu wissen, warum.

Ein Experte für Gehirne war Joseph LeDoux schon als Kind. Sein Vater, ein ehemaliger Rodeoreiter, besaß eine Farm für Schlachtvieh in der Prärie Louisianas. Der kleine Joe war oft dabei, wenn die Rinder mit einem Kopfschuss getötet wurden: Er musste danach die Kugeln aus den Hirnen pulen, weil sein Vater die Gehirne als Delikatesse verkaufen wollte, erzählt er. "Ich hatte kleine Finger, sodass ich sie hineinstecken konnte, ohne viel Gewebe zu zerstören." So bekam er schon mit sechs Jahren ein gutes Händchen für die Materie seiner späteren Forschung.

Obwohl LeDoux heute gelegentlich Flanellhemden und verschnörkelte Ledergürtel trägt, ist er kein harter Cowboytyp wie sein Vater. Nicht vergessen kann er den Anblick der Rinder, die vor seinen Augen starben. "Jedes Mal, wenn ich ein Rind zu Boden gehen sah, stellte ich mir vor, wie seine Seele den Körper verließ", erzählt LeDoux, der auf eine katholische Schule ging und von Nonnen unterrichtet wurde. "Ich war ein Muttersöhnchen", sagt er. Während der Vater in jeder freien Minute auf der Ranch Pferde zuritt, leistete Joe seiner Mutter Gesellschaft. Er erinnert sich an ein Lied, das sie zu Hause oft sang: Have I told you lately that I love you . Es ist nicht verwunderlich, dass er später lieber Gefühle studieren wollte, als ins Fleischgeschäft einzusteigen.

Als er erkannt hatte, welche Rolle der Mandelkern für das Furchtgedächtnis spielt, wollte er genau wissen, welche Nervenverbindungen und Moleküle bewirken, dass Erinnerungen entstehen und bleiben. Er fand heraus, dass sich in einem bestimmten Teil stärkere Verbindungen zwischen Nervenzellen bildeten, wenn die Ratten lernten, sich vor etwas zu fürchten. "Unser heutiges Hypothesengebäude über die zellulären Vorgänge, die der Entstehung des Furchtgedächtnisses zugrunde liegen, basiert auf diesen Arbeiten", sagt Carsten Wotjak, der am MPI für Psychiatrie die Arbeitsgruppe Neuronale Plastizität leitet.

LeDoux untersuchte auch einen Prozess, den man Konsolidierung nennt: Damit eine Erinnerung vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übergehen kann, müssen im Gehirn Eiweiße produziert werden. Vor einigen Jahren gelang seinem Team ein bemerkenswerter Nachweis: Blockiert man mit einem Hemmstoff die Eiweißherstellung in der Amygdala, wird auch die Übertragung in den Langzeitspeicher blockiert – die Erinnerung geht verloren.

Sein damaliger Mitarbeiter Karim Nader kam auf eine abenteuerliche Idee: Könnte man diesen Prozess nicht auch nutzen, um bereits abgespeicherte Langzeiterinnerungen wieder verschwinden zu lassen? "Das ist verrückt! Verschwende nicht deine Zeit!", habe er geantwortet, gesteht LeDoux. Trotzdem ließ er Nader den Versuch machen – mit Erfolg.

Die Forscher injizierten einen Hemmstoff in die Mandelkerne konditionierter Ratten, kurz nachdem der Signalton die Tiere an den Elektroschock erinnert hatte. Die Injektion verhinderte die Proteinsynthese und störte somit das erneute Abspeichern der Erinnerung. "Danach schienen die Ratten sich nicht mehr an den Stromschlag zu erinnern", sagt LeDoux. Zumindest ängstigte sie der Ton nicht mehr.

Rekonsolidierung heißt der Prozess, den er und seine Mitarbeiter sich zunutze machten und seither in mehreren Studien untersucht haben. Im Gegensatz zur traditionellen Sicht, nach der sich Erinnerungen nur ein einziges Mal festigen, gehen LeDoux und andere Gedächtnisforscher davon aus, dass eine Erinnerung jedes Mal, wenn sie abgerufen wird, erneut abgespeichert wird. Und immer müssen dafür Eiweiße produziert werden. Die Erinnerung wird vorübergehend instabil. Ein Zeitfenster öffnet sich, in dem sie verändert und eine neue Version abgelegt werden kann. Das sei ein Update-Prozess, erklärt LeDoux. Der Vorgang ermögliche es, Erinnerungen an Personen oder Situationen zu aktualisieren, sobald wir Neues über sie erfahren. Im Extremfall könne er dazu führen, dass Leute sich an etwas erinnern, das sie gar nicht selbst erlebt haben. Zeugen in einem Gerichtsprozess etwa passen womöglich ihre Aussage an, wenn sie in der Zeitung über den Fall gelesen haben.