In seinen Versuchen lässt er Probanden zum Beispiel schätzen, wie weit ein 100-Dollar-Schein von ihnen entfernt liegt. Manchen verspricht er, sie könnten das Geld gewinnen, anderen sagt er, der Schein bleibe im Besitz der Forscher. Probanden, die den Schein zu gewinnen hoffen, deren Wunsch also aktiviert wird, unterschätzen eher die Distanz – das Geld scheint ihnen näher. In einer Abwandlung des Experiments müssen die Probanden einen mit Bohnen gefüllten Sack nach unterschiedlichen Dingen werfen. Auch hier unterschätzen sie besonders häufig die Distanz zu begehrten Objekten und werfen nicht weit genug. "Begehrte Dinge erscheinen uns näher, damit wir Energiereserven mobilisieren, um sie zu erreichen", spekuliert Dunning über die Ursache.

Selbst das, was Menschen im Detail sehen, werde durch ihre Wünsche beeinflusst. Festgestellt hat Dunning das mithilfe optischer Illusionen – Zeichnungen, in denen zwei rivalisierende Bilder stecken, die abwechselnd ins Bewusstsein dringen, etwa ein B, das auch eine 13 sein kann, oder ein Pferdekopf, der zugleich eine Seerobbe darstellt. Eine ausgeklügelte Studie, bei der die Probanden entweder Orangensaft oder einen stinkenden, dickflüssigen Trank bekommen sollten, ergab: Die meisten Teilnehmer sahen genau das, was ihnen den O-Saft versprach. "Das visuelle System passt sich unseren Bedürfnissen an", sagt Dunning. Schummelei habe er ausschließen können.

Es sind einfache Wünsche, die hier wirken. Doch möglicherweise haben auch existenziellere Bedürfnisse einen Effekt. Das legt eine Studie von Jennifer Whitson von der University of Texas nahe: Menschen, die glauben, keine Kontrolle über ihr Leben zu haben, sehen demnach eher Dinge, die es gar nicht gibt. Whitson traktierte Probanden zunächst mit Aufgaben, die ihnen das Gefühl von Machtlosigkeit geben sollten. Zeigte sie ihnen dann willkürlich gemusterte Flächen, meinten sie, darin bestimmte Muster zu erkennen – anders als eine Kontrollgruppe. Sie waren auch eher empfänglich für Verschwörungstheorien und Aberglauben. Der Wunsch, Ordnung zu schaffen, so die Erklärung, bringe sie dazu, sich Strukturen einzubilden.

Lässt sich die Wahrnehmung derart von Motiven beeinflussen, tut sie uns nicht immer einen Gefallen. Unangenehme Gefühle können sich so verstärken, Spinnenphobikern etwa erscheinen die gefürchteten Tiere größer als anderen Leuten, und sie bilden sich häufiger ein, die Kreaturen krabbelten ausgerechnet auf sie zu. Wer unter Höhenangst leidet, auf den wirkt der Abstand zum Boden besonders groß, wenn er über eine Balkonbrüstung lugt. Das visuelle System erweise auch ihm einen Dienst, meint Dunning. "Es sagt: Verschwinde von hier!" Doch macht dies manchen erst recht das Leben schwer.

Das Ich und die anderen

Wenn sich schon die visuelle räumliche Wahrnehmung so verzerren lässt, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie subjektiv Menschen komplexe Situationen wahrnehmen. Das Ich lebt nicht allein auf der Welt, es begegnet ständig anderen Menschen, und was es dabei sieht, ist ebenfalls gefärbt. Etwa durch die eigene Persönlichkeit. Dem Hirnforscher Kevin Pelphrey von der Yale University zufolge beeinflusst sie eine der grundlegendsten sozialen Verhaltensweisen: das Betrachten von Gesichtern.

So beobachten etwa neurotische Menschen die Mimik anderer anders als gelassenere Personen. Darauf deutet ein Experiment hin, bei dem Pelphrey die Augenbewegungen von Testpersonen maß, während sie Fotos von Gesichtern ansahen. Probanden, denen ein Test neurotische Züge bescheinigte, fixierten geradezu die Augen der Fotografierten, während der Blick anderer Probanden dort nur kurz verweilte. Je mehr die Mimik auf dem Foto von Angst zeugte, desto weniger konnten sich neurotische Probanden von dem Anblick lösen. Dabei waren sie nicht krank, sie hatten ein gesundes Maß an Neurotizismus.

Persönlichkeitsmerkmale könnten demnach womöglich schon beeinflussen, welche Informationen wir überhaupt beachten. "Wir alle können das gleiche Bild ansehen und ziehen doch sehr unterschiedliche Informationen daraus, je nachdem, worauf wir uns konzentrieren und wie wir die Teile zusammensetzen", sagt Pelphrey. Anscheinend setzen Menschen die Teile wirklich unterschiedlich zusammen: Neurotische Personen interpretierten selbst neutrale Gesichter vergleichsweise häufig als wütend oder ängstlich, sagt Pelphrey. Studien anderer Forscher deuten darauf hin, dass verträgliche Menschen Gesichter generell eher als freundlich wahrnehmen, aggressive Leute sich hingegen häufiger einer unfreundlichen Person gegenüberwähnen.

Ob die verzerrte Wahrnehmung nur Folge oder womöglich auch Ursache der Persönlichkeit ist, sei nicht klar. Wahrscheinlich treffe beides zum Teil zu. In jedem Fall könnten beide einander verstärken. Wer ängstlich in die Welt schaut, findet auch eher Grund zur Sorge und schaut künftig noch genauer.

Es scheint unfair, aber vielleicht können sich ängstliche Menschen mit einer Illusion trösten – dass sie nicht allein sind. Das legen zumindest die Erkenntnisse der Sozialpsychologie nahe: Denn wenn wir uns ein Bild von anderen Personen machen, projizieren wir ständig von uns auf sie und erliegen so dem Irrtum, unsere Mitmenschen seien genau wie wir. Welche Persönlichkeit, Moralvorstellung oder politische Orientierung man anderen unterstellt, hängt stark von den eigenen Merkmalen ab. Wer selbst oft lügt oder gern Gedichte liest, überschätzt den Anteil jener Menschen in der Bevölkerung, die so etwas ebenfalls häufig tun. Und wer andersherum selbst kein Lügner oder Lyrikliebhaber ist, der unterschätzt ihre Zahl in der Bevölkerung.

Die egozentrische Projektion ist ein altbekanntes Phänomen in der Sozialpsychologie. Auch Joachim Krueger von der Brown University in Rhode Island erforscht sie. Er sagt: "Das Selbst ist eine wichtige Quelle, um andere einzuschätzen." Naturgemäß habe jeder mehr Informationen über sich selbst als über andere. "Da wir davon ausgehen können, dass Menschen einander grundsätzlich ähnlich sind, ist es nicht die schlechteste Strategie, von sich selbst auszugehen, wenn man wenig über andere weiß."

Die Folgen sind allerdings kurios. Wir übertrügen mitunter ganze Persönlichkeitsprofile von uns auf andere, sagt David Dunning. Seine These: Eigenschaften, die in der eigenen Persönlichkeit kombiniert sind, betrachten Menschen als zusammengehörig und legen diese Schablone auch bei anderen an. "Angenommen, ich bin introvertiert, nervös und lese außerdem nicht gern", sagt Dunning, "dann werde ich, wenn ich jemanden treffe, der ebenfalls introvertiert ist, ihn womöglich auch für nervös halten und davon ausgehen, dass er keine Bücher mag." Es ergibt keinen Sinn, aber Experimente mit Bewohnern eines Studentenwohnheims stützen die These.