Das Tal des Lebens – Seite 1

Nach der Party zum 25. Geburtstag musste der Kumpel den Flur neu streichen, weil Fußabdrücke und Lippenstift an den Wänden zurückgeblieben waren. Die Feier zum 30. endete immerhin noch mit einer leichten Schlägerei. Und nun: 40. Der Freund feiert in kleiner Runde, es gibt guten Wein, Bohnensalat mit Minze und zum Dessert Birnensorbet.

Volker Marquardt hat sich und seine Bekannten beim Älterwerden beobachtet und das selbstironische und schwermütige Buch Halb so wild. Was mit 40 wirklich zählt geschrieben. Mit dem gediegenen Birnensorbet-Geburtstag fängt die Misere erst an. Alle sind auf einmal jünger – die Grundschullehrerin der Tochter, die Tagesschau-Sprecherin, der Bankberater. Das Kreuz zwickt, vor dem Joggen ist seit Kurzem Aufwärmen nötig. Und Sex? Wird überbewertet. Marquardts Bekannte grübeln: »Habe ich mir mein Leben so vorgestellt? Soll es das gewesen sein?«

Lange hielten Wissenschaftler die Midlife-Crisis für einen Mythos. Inzwischen aber belegen weltweite Studien: Das Lebensalter zwischen 40 und 55 ist eine Zeit des Wandels, in der viele anfällig sind für einen Zustand, der mit »Midlife-Crisis« gar nicht so schlecht beschrieben ist. Das Wohlbefinden bei Männern und Frauen sinkt bis Mitte 40 im Schnitt immer weiter ab und steigt erst danach wieder an.

In der Mitte des Lebens realisieren viele, dass sie in Bezug auf Familie und Beruf nicht mehr unendlich viele Möglichkeiten haben, dass ihr Körper älter wird – und älter aussieht – und dass das Leben irgendwann vorbei sein wird. Dabei könnte man es entspannt sehen: Viele haben die schwierigsten Karriereschritte geschafft, ihre Identität und Rolle gefunden, die finanziellen Verhältnisse sind meist stabil. Auch die kognitiven Fähigkeiten nehmen nicht so stark ab, wie viele vermuten. Die Gelassenheit wächst sogar, schließlich hat man schon einiges überstanden.

Ob die Lebensmitte zur Krise wird oder zum entspannten Verweilen auf einem Hochplateau, kann jeder selbst beeinflussen. Wie das geht, haben Psychologen zum Glück auch herausgefunden.

Natürlich sind Lebensläufe unterschiedlich: Die einen haben mit 30 schon Familie und Erfolg im Job, andere bekommen erst mit 40 Kinder oder starten mit 45 beruflich durch. Dennoch sind in der Mitte des Lebens viele unzufrieden. Das erkannten die Ökonomen David Blanchflower und Andrew Oswald, als sie Datensätze zur Lebenszufriedenheit von mehr als einer Million Personen aus über 70 Ländern untersuchten: Ab etwa Mitte 30 werden Menschen immer unzufriedener, mit Mitte 40 durchschreiten sie die Talsohle. Danach geht es ihnen zunehmend besser. Die U-Kurve des Glücks haben Forscher in vielen Kulturen gefunden. Einer der Datensätze mit Angaben zu 160.000 Menschen zeigte: In Europa liegt der Tiefpunkt bei 46, in Schwellenländern bei 43 Jahren.

Trotz unterschiedlicher Lebensläufe haben die Menschen in dieser Phase also etwas gemeinsam. Vieles, was Volker Marquardt an sich und seinen Bekannten beobachtet hat, lässt sich verallgemeinern. Ab 40 verändert sich der Körper nun einmal. Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel, Frauen haben einen niedrigeren Spiegel an Östrogen und kommen in die Wechseljahre. Muskeln schwinden, dafür nehmen Fett, graue Haare und Falten zu, das ganze Programm. Plötzlich fallen einem Namen nicht mehr ein, und wo steht noch mal das Auto? Die Veränderungen belasten viele, »auch aufgrund der vorherrschenden jugendbezogenen Attraktivitäts- und Leistungsnormen«, sagt Pasqualina Perrig-Chiello, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern.

Ab MItte 40 steigt die Glückskurve wieder

Auch die Rolle den eigenen Eltern gegenüber wandelt sich, weil nun oft sie es sind, die Hilfe brauchen. Sterben die Eltern gar, bekommt man schnell einen anderen Blick auf das Leben und fühlt sich als der Nächste in der Reihe – zwischen einem selbst und dem Tod gibt es niemanden mehr. Bei vielen ist zudem die Beziehung zum Partner in die Jahre gekommen. Und jene, die mit Anfang 30 Kinder bekommen haben, erleben nun, wie diese sich lösen – oft ein schwieriger Prozess für Eltern.

Weil weniger Lebenszeit bleibt, erinnern sich viele an ihre früheren Lebensentwürfe und rechnen ab, was sie wirklich umgesetzt haben. Manche leiden darunter, dass ihnen nun nicht mehr die Welt offensteht, einige Türen verschlossen sind. Wer jetzt noch nicht Medizin studiert hat, wird wahrscheinlich kein Arzt mehr, und wer jetzt nicht Mutter ist, wird vermutlich nie ein Kind haben. Umgekehrt findet diejenige, die Ärztin und Mutter geworden ist, in diesem Leben vielleicht keine Erfüllung.

Zu einer Krise müssen solche Erfahrungen nicht führen. Wichtig ist es, zu unterscheiden, welche Veränderungen man hinnehmen muss und an welchen Schrauben man drehen kann. Geistige Fitness etwa kann man stark beeinflussen. Zwar lässt die Geschwindigkeit, mit der wir Informationen verarbeiten, schon ab Mitte 20 nach. Dafür sammeln wir immer mehr Wissen und Erfahrung. »So können Ältere kompensieren, dass sie nicht mehr so schnell sind«, sagt Ursula Staudinger, Psychologieprofessorin an der Jacobs University Bremen. Sie erforscht, wie Menschen lebenslang lernen.

Zu einem gewissen Grad hat man es selbst in der Hand: Viele soziale Kontakte etwa fördern ein gutes Gedächtnis. Wer offen für neue Erfahrungen bleibt, reagiert schneller und kann besser logisch denken. Auch wer seinen Körper trainiert, tut nebenbei etwas für den Geist. »Dass Sport die Funktionsfähigkeit des Gehirns erhöht, ist inzwischen gesichertes Wissen«, sagt Staudinger. »Und viel mit anderen Menschen zu interagieren gilt sogar als wirksame Vorbeugung gegen Demenz im Alter.« Lernen sei zudem das ganze Leben lang möglich, sofern keine schwerwiegende Erkrankung des Gehirns vorliege.

Wie viele Optionen für den Lebensweg jenseits der 40 noch bleiben, ist möglicherweise auch eine Frage der Kreativität. »Heute würde ich wohl nicht mehr einfach so meinen Job kündigen und ins Ausland gehen«, sagt Sabine Hanßen aus Ludwigshafen. Genau das tat sie mit 29: Sie schmiss ihre Stelle bei einer Fluggesellschaft hin und ging für ein halbes Jahr nach Schweden. »Das war ein Traum, den ich mir verwirklicht habe«, sagt Hanßen, heute 46.

In den vergangenen Jahren stellte auch sie sich diese Fragen: War es das jetzt? Soll ich für immer so weitermachen? Neues zu entdecken ist Sabine Hanßen noch immer wichtig. »Einschläfernde Routine ist für mich das Allerschlimmste.« Nur sucht sie jetzt andere Wege, um Abwechslung in ihr Leben zu bringen – »solche, die meinem Alter angemessen sind«. Kürzlich wechselte die Betriebswirtin bei ihrem Arbeitgeber, der Stadtverwaltung Lampertheim, in eine andere Abteilung. Jetzt hat sie anspruchsvollere Aufgaben, sie ist mitverantwortlich dafür, wo die Stadt spart und wofür sie Geld ausgibt. Zugleich reduzierte sie ihre Arbeitszeit, arbeitet nun sechs Stunden pro Tag und hat mehr Zeit für Gartenarbeit und ihr Hobby, orientalische Tänze. Sie ist wieder zufrieden.

Offenbar stehen den heutigen über 40-Jährigen mehr Wege offen als früheren Generationen. Wer das Buch Die Midlife-Boomer liest, bekommt den Eindruck, in der Lebensmitte brächen goldene Zeiten an. Schon der Untertitel Warum es nie spannender war, älter zu werden klingt euphorisch. Die Politikjournalistin Margaret Heckel rechnet vor, dass die demografische Entwicklung Unternehmen zwingen werde, sich auf ältere Arbeitnehmer einzustellen. Sie erzählt von Senior-Azubis, Tandems zwischen jungen und erfahrenen Mitarbeitern und Angeboten, die den Älteren helfen, neue Wege zu finden.

»Viele denken zu früh, dass es zu spät ist«, sagt Uta Glaubitz. Sie berät Menschen in jedem Alter, die beruflich noch einmal neu anfangen wollen. »Viele meiner Kunden haben ihre erste Berufswahl nicht richtig ernst genommen, sondern sind als Jugendliche in irgendeinen Job hineingerutscht. Jetzt, mit über 40, sind sie erwachsen und erkennen, dass sie diesen Beruf gar nicht wollen«, sagt Glaubitz. Dabei bleibt sie realistisch – wenn ein 45-Jähriger erzählt, dass er immer Arzt werden wollte, rät sie ihm eher nicht, ein Medizinstudium zu beginnen, das zehn Jahre dauert. »Auch würde ich ihm nicht empfehlen, ins Management einer Klinik zu gehen, weil das nur eine Notlösung wäre.« Stattdessen spricht sie so lange mit ihren Kunden darüber, was sie gern tun und was sie sich vom Leben wünschen, bis sie etwas findet, was funktionieren kann. So hat sie eine Krankenschwester dabei begleitet, Kapitänin zu werden, eine Zahnarzthelferin eröffnete ein Café, und eine Mutter begann mit 45 Jahren eine Ausbildung zur Fotografin.

All diese Menschen haben eine Fähigkeit, die in der Lebensmitte viel wert ist: Sie übernehmen Verantwortung für sich selbst. Wer sich mit unangenehmen Erfahrungen auseinandersetzt, Lösungen sucht, sich mit anderen austauscht und zuversichtlich bleibt, ist zufriedener als jemand, der sich als Opfer des Schicksals betrachtet. Das fanden die Psychologin Perrig-Chiello und ihre Kollegen heraus, als sie rund 300 Schweizer zwischen 40 und 55 Jahren zu Wohlbefinden, Persönlichkeit und Lebensstil befragten. »Zufrieden wird nur, wer es schafft, seine Anspruchshaltung den Möglichkeiten anzugleichen«, sagt Perrig-Chiello. Sie meint das keineswegs entmutigend. »Manche Tür mag im mittleren Alter zwar bereits verschlossen sein, aber man findet immer Wege.« Offenbar gelingt dies vielen. Schließlich steigt die Glückskurve im Schnitt mit Mitte 40 wieder.

Zufrieden wird, wer etwas an Jüngere weitergibt

Besonders zufrieden sind Perrig-Chiellos Ergebnissen zufolge Menschen, die vorausplanen und sich darauf einstellen, was ihr Leben künftig bringen könnte. Es hilft, sich darauf vorzubereiten, dass die Kinder ausziehen oder die Eltern Pflege brauchen werden.

Die Glücksformel der Psychologen besagt auch: Zufrieden wird, wer etwas an Jüngere weitergibt. »In der Lebensmitte wächst bei vielen, wenn auch oft unbewusst, das Bedürfnis, der Nachwelt etwas zu hinterlassen und so ein Stück weit unsterblich zu werden«, sagt Perrig-Chiello. Je mehr sich Menschen für die nachfolgende Generation einsetzen, desto selbstbewusster sind sie und desto wohler fühlen sie sich psychisch und körperlich. Selbst wer eigene Kinder hat, profitiert davon, sich zusätzlich um andere Jüngere zu kümmern, fanden Forscher aus Missouri heraus.

Sabine Hanßen trifft sich einmal in der Woche mit der zehnjährigen Beritan. Zusammengebracht hat sie das Projekt »Big Brothers Big Sisters«, das Kinder und Jugendliche unterstützt, von denen viele aus bildungsfernen Familien kommen. »Beritan hat vier Geschwister, da genießt sie es, ganz allein im Zentrum des Geschehens zu stehen.« Außerdem spricht das Mädchen aus einer türkischstämmigen Familie nicht perfekt Deutsch, deshalb liest Hanßen viel mit ihr. Die beiden gehen ins Planetarium, schauen Filme oder backen. Das hilft auch Sabine Hanßen, weil sie sich etwas von der Zehnjährigen abschauen kann: ihre Spontaneität. »Wenn Beritan rennen will oder etwas essen, dann tut sie das, und zwar sofort. Jetzt achte ich auch wieder mehr auf meine Bedürfnisse.«

Auch Volker Marquardt, heute 43, hat seine Krise einigermaßen bewältigt. Die großen Fragen führten zu großen Veränderungen: Er kündigte seine Stelle und arbeitet jetzt als freier Journalist und Autor. Nun kann er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Das Buch zu schreiben habe ihm geholfen, sich mit der neuen Lebensphase auseinanderzusetzen.

So finden sich darin auch Stellen, die versöhnlich klingen: »Wenn das Leben ein sechswöchiger Sommerurlaub ist, haben wir noch gut drei Wochen vor uns. Wir kennen schon den schnellsten Weg zum Strand und wissen, wo es die leckersten Brötchen gibt. Wir haben noch einige Ausflüge in die Umgebung vor uns und freuen uns schon aufs Baden am nächsten Tag. Und das Ende des Urlaubs? Das liegt nun wirklich noch in weiter Ferne.«