Die Informatikerin hat ein großes Lächeln, das sie oft zeigt. Und dank ihrer Erfindung kann das nun auch ihr Computer erkennen. Eine Kamera registriert, ob jemand nickt oder den Kopf schüttelt, und verfolgt 24 Punkte im Gesicht. Das Programm vermisst die Bewegungen der Punkte und gleicht sie mit Gesichtsausdrücken ab, die aus einer Datenbank eingespeist wurden. Über einen kleinen Lautsprecher erfährt der Nutzer, ob sein Gegenüber interessiert zuhört oder gelangweilt abschweift, ob die andere Person Zustimmung, Widerspruch oder Irritation signalisiert. Auf einem Monitor dokumentieren farbige Kurven die Stimmung des Beobachteten.

Autisten sollen mithilfe des Programms lernen, die Mimik anderer besser zu verstehen. Es gibt aber noch andere Interessenten, etwa die Werbeindustrie oder Partnervermittlungen, die die Technik gern für Online- und Speeddating einsetzen würden. Anfragen kamen auch von Sicherheitsbehörden. »Die haben wir aber abgelehnt«, sagt el Kaliouby. Dennoch ist es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis Passagiere an US-Flughäfen mit derartiger Technik überwacht werden. Schon heute patrouillieren mancherorts Sicherheitskräfte, die verdächtige Personen an der Körpersprache erkennen sollen, bisher jedoch ohne nennenswerten Erfolg.

Emotionspsychologe Merten sieht solche Technologien kritisch. Die Mimik sei zu komplex, um von einer Software gelesen zu werden. »Ein Lächeln ist für solche Programme immer ein Lächeln, auch wenn ich damit Wut oder Verachtung verdecke.«

Wenn das Gesicht eines Menschen schon so widersprüchliche Signale über den augenblicklichen Gemütszustand sendet, dann muss es umso schwerer sein, von außen zu erkennen, welchen Charakter jemand hat, was für ein Mensch er ist. Dennoch fällen wir ständig allein aufgrund des Aussehens Urteile über solche tiefer gehenden Merkmale.

Um uns ein Bild von einer anderen Person zu machen, reichen wenige Augenblicke. Thin slices nannten die Psychologen Robert Rosenthal und Nalini Ambady die kleinen Eindrücke, die wir in diesen Momenten aufschnappen. Mit aufsehenerregenden Studien zeigten sie bereits vor 20 Jahren, dass Menschen anhand sehr weniger Informationen Urteile über andere abgeben, die öfter der Wahrheit entsprechen, als mit bloßen Zufallstreffern erklärbar wäre.

Schon anhand eines kurzen Videoausschnitts oder Wortwechsels können wir manche Eigenschaften erkennen. Haltung und Bewegungen deuten auf den sozialen Status hin; Extrovertiertheit zeigt sich in ausladender Gestik, expressiver Mimik und einer lauten Stimme; auf Gewissenhaftigkeit lassen formaler Kleidungsstil und ein etwas steifes Verhalten schließen.

Mitunter reicht sogar ein Passfoto, um Menschen einzuschätzen. Eine Studie des Baseler Psychologen Jakub Samochowiec zeigte, dass Probanden häufig die politische Orientierung (rechts oder links) eines ihnen unbekannten Politikers von einem Foto ablesen konnten. »Besonders gut erkannten sie Politiker, deren Einstellung der eigenen widersprach«, sagt der Heidelberger Sozialpsychologe und Co-Autor Klaus Fiedler. Welche Merkmale die entscheidenden Hinweise lieferten, ist nicht klar. »Die Kleidung allein war es nicht, denn als sie wegretuschiert wurde, waren die Einschätzungen noch immer besser als Zufallstreffer.«

Solche Studien geben den Forschern Rätsel auf. Sogar wenn Testpersonen Persönlichkeitseigenschaften an Gesichtern ablesen sollen, gelangen erstaunlich viele zu den gleichen Ergebnissen. Der Wahrheit entsprechen diese Urteile aber nicht unbedingt. Offenbar hat die ausgeprägte Fähigkeit, Emotionen in Gesichtern zu lesen, die Nebenwirkung, dass wir manchmal schon die bloße Gesichtsstruktur interpretieren. Der Psychologe Alexander Todorov von der Princeton University fand heraus: Neutrale Gesichter, deren Physiognomie an einen emotionalen Ausdruck erinnert, rufen die Assoziation mit verwandten Charakterzügen hervor. Ähnelt ein Gesicht von Natur aus einer zornigen Mimik, hält man den Menschen eher für aggressiv und gemein.

Psychologen vermuten, dass in solchen Fällen die Gehirnsysteme zur Emotionserkennung »übergeneralisieren«. Sie interpretieren selbst ein starres Muster als Signal. Eine ähnliche Verzerrung sehen Forscher auch beim Babyface-Effekt. Kindliche Gesichtszüge lassen Erwachsene naiver, fügsamer und ehrlicher aussehen. Auf ein Babygesicht mild zu reagieren ist zum Schutz unseres Nachwuchses anscheinend so tief in uns angelegt, dass wir auch bei Erwachsenen auf solche Reize ansprechen. Einmal zu viel ist offenbar besser als einmal zu wenig. Das kann kuriose Folgen haben: Eine Studie deutet darauf hin, dass Straftäter mit kindlichen Gesichtszügen bei vorsätzlichen Taten eher freigesprochen, bei Fahrlässigkeit dagegen eher für schuldig gehalten werden.