ZEIT Wissen: Warum arbeiten Sie nun mit Honduras zusammen?

Romer: Die Regierung dort versucht seit Jahrzehnten, politische, soziale und rechtliche Reformen durchzusetzen. Doch noch immer gibt es kaum Aufstiegschancen und große Probleme mit der Sicherheit.

ZEIT Wissen: Sie selbst werden aber doch wohl kaum Straßen und Häuser bauen, oder?

Romer: Wir konzentrieren uns zunächst auf Politik und Recht. Erst wenn die richtigen Ausgangsbedingungen geschaffen sind, werden Investoren damit beginnen, die Infrastruktur aufzubauen. Erst dann kann man traditionelle Stadtplanung betreiben.

ZEIT Wissen: Wird die Stadt demokratisch organisiert sein?

Romer: Das ist das Ziel. Aber so etwas passiert nicht von heute auf morgen. Wenn Menschen aus der ganzen Welt zusammenziehen, dauert es, bis ein gemeinsames Wertesystem entsteht.

ZEIT Wissen: Ist ein Gemeinwesen in einer Stadt vom Reißbrett überhaupt denkbar?

Romer: Selbstverständlich, ein Gemeinschaftsgefühl entsteht überall, wo Menschen in Sicherheit leben und Vertrauensverhältnisse aufbauen können.

ZEIT Wissen: Wer sorgt für diese sicheren Bedingungen?

Romer: Die Sonderzone in Honduras wird eigene Gerichte haben. Die Richter könnten wie in Hongkong aus anderen Ländern berufen werden und Erfahrungen aus stabilen Rechtssystemen mitbringen.

ZEIT Wissen: Und woher kommen die Einwohner? Hängen Sie im Rest des Landes Werbeplakate auf?

Romer: Das muss ich nicht. Heute ziehen jedes Jahr rund eine Million Menschen wegen der besseren Aufstiegschancen, der höheren Sicherheit und des besseren Bildungssystems von Lateinamerika in die USA . Eine Stadt mit ähnlichen Bedingungen in Honduras würde automatisch für Menschen aus ganz Zentral- und Südamerika attraktiv, wenn nicht gar für Menschen aus der ganzen Welt.

ZEIT Wissen: Wird es einen Mindestlohn und eine gesetzliche Krankenversicherung geben?

Romer: Ja, ich habe beides vorgeschlagen.

ZEIT Wissen: Wie verhindern Sie Kriminalität?

Romer: Die eingesetzte Regierung hat die Befugnis, eine Einheit aufzubauen, die völlig unabhängig ist von der Polizei im Rest des Landes. Ansonsten wird das Strafrecht von Honduras gelten. Kriminalität wird zudem eingedämmt, indem den Menschen auf dem Arbeitsmarkt und in Bildungsstätten neue Chancen eröffnet werden. Wie den armen Immigranten, die in den Sechzigern nach Hongkong zogen und die dann dort viel produktiver waren als in ihrer Heimat. Sie verdienten deutlich mehr und waren daher in der Regel gesetzestreue und vorbildliche Bürger.

ZEIT Wissen: Aber es gibt doch genug Städte, die man verbessern könnte. Warum beginnen Sie nicht mit den Favelas von Rio de Janeiro?

Romer: Sie müssen sich klarmachen, wie groß die Herausforderung ist. Bis zum Ende des Jahrhunderts werden drei bis vier Milliarden Menschen in Ballungsräume ziehen. Die heutigen Städte können all diese Menschen nicht aufnehmen – es sei denn, jede einzelne würde ihre Einwohnerzahl verdoppeln.

ZEIT Wissen: Was kaum geht.

Romer: Richtig. Das liegt nicht einmal so sehr am Platz, sondern an Normen und Überzeugungen. Wenn Sie eine neue Stadt gründen, ist das viel effizienter, als eine alte umzubauen – das ist wie bei einem Start-up-Unternehmen.

ZEIT Wissen: Impulse für neue Gesetze sollen von außen kommen, andere Länder sollen möglicherweise die Verwaltung führen. Ist das nicht Kolonialismus?

Romer: Ich glaube, dass die Menschen in Entwicklungsländern die Wahl haben sollten, unter welchen Bedingungen sie leben wollen. In der Vergangenheit sind viele Honduraner in die USA gezogen und haben dafür in Kauf genommen, als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden. Ich denke, die Menschen in Honduras sollten einen Ort haben, wo sie einen Job bekommen können und zugleich den Rechtsanspruch einer Verfassung genießen. Sie sollten dafür nicht ihr Leben riskieren oder ihre Familie verlassen müssen. Jemandem diese Wahl zu geben ist etwas anderes als Kolonialismus.

ZEIT Wissen: Werden Sie nicht eher Unternehmer und Briefkastenfirmen anziehen als das einfache Volk aus den umliegenden Regionen?

Romer: Im Gegenteil. Die Zielgruppe dieser Stadtkonzepte sind vor allem Menschen aus ländlicheren Gegenden, die keine Ausbildung oder Berufserfahrung haben. Es wäre völlig unrentabel, eine Steueroase zu errichten. Das wäre zum Scheitern verurteilt, weil es schon genug davon gibt. Eine Stadt, die den Armen neue Chancen bietet, ist dagegen fast konkurrenzlos. Die sogenannte Transparenz-Kommission, zu der ich auch gehöre, würde nie Regeln zustimmen, die eine Steuerflucht fördern.

ZEIT Wissen: Werden Sie selbst von New York in die Charter City ziehen?

Romer: Nein, New York ist ein fantastischer Ort zum Leben. Ich werde von hier aus daran arbeiten, dass auch anderswo eine ähnliche Lebensqualität herrscht. Wir sollten ja theoretisch in der Lage sein, solche Bedingungen allen Menschen weltweit zu bieten.

ZEIT Wissen: Was macht Sie so zuversichtlich?

Romer: Hunderte Jahre Urbanisierung sprechen dafür. Ein Beispiel ist das Land, auf dem New York entstanden ist. Das war ursprünglich so gut wie nichts wert. Heute ist es Hunderte Milliarden Dollar wert – weil es Millionen Menschen großartige Möglichkeiten bietet, zu arbeiten und zu leben.