»Ich bin überzeugt, dass Insekten in Zukunft eine große Rolle spielen werden«, sagt der niederländische Entomologe Dennis Oonincx von der Universität Wageningen, einem der führenden Forschungszentren für Agrarwissenschaften. »Die Vorzüge von Insektenfleisch wurden lange unterschätzt, aber in den letzten Jahren ist die Forschung aufgewacht.« Während die laotischen Wissenschaftler erforschen, welches Futter die dicksten Grillen verspricht, interessiert sich Oonincx für die Ausscheidungen der Tiere. Er glaubt, dass Insektenfleisch nicht nur eiweißreicher und billiger ist als herkömmliches Fleisch, sondern auch umweltfreundlicher.

Die Viehzucht ist für ein Fünftel der vom Menschen verursachten Treibhausgase verantwortlich . Würden Steakesser auf Insektenfleisch umsteigen, könnten die Kohlendioxid- und Methanemissionen deutlich gesenkt werden: Um ein Gramm Gewicht zuzulegen, brauchen Grillen weniger Futter als eine Kuh oder ein Schwein und produzieren dabei nur rund ein Prozent der Treibhausgase, die auf einer Rinderfarm entstehen. Denn während Schweine und Rinder einen großen Teil der Energie aus dem Futter verheizen, um ihre Körpertemperatur konstant zu halten, setzen die wechselwarmen Insekten diese Energie direkt in Körpergewicht um. Weniger Futter, weniger Luftverpestung, mehr Fleisch.

Wäre da nicht jenes Gefühl, das viele westlich sozialisierte Esser ergreift, wenn sie auf den Chitinpanzer einer Grille beißen, die Flügel mit der Zunge zerbröseln und sich anschließend die Grillenbeine aus den Zahnzwischenräumen pulen: Ekel.

Der sitzt oft tief, ist jedoch Moden unterworfen: »Geschmackliche Vorlieben ändern sich, aber das braucht Zeit«, sagt Dennis Oonincx. Bevor Japan dank seines Nachkriegs-Wirtschaftswunders die Weltmärkte eroberte, galt roher Fisch in vielen Ländern als ungenießbar. Als aber immer mehr japanische Geschäftsleute gen Westen zogen und sich in der Mittagspause nach ihrer Heimatküche sehnten, eröffneten in Los Angeles, New York und London die ersten Sushi-Bars. Heute bekommt man Maki-Sushi und Sashimi in jedem besseren Supermarkt.

»Solange man sieht, was man isst, solange Beine, Augen und Flügel erkennbar sind, wird es eine ganze Weile dauern, bis Europäer regelmäßig Grillen essen«, sagt Oonincx. Das Auge isst mit. Was aber, wenn man die Grillen, Käfer und Maden trocknet und zu Pulver mahlt?

In den USA kam im August 2012 ein Eiweißriegel auf den Markt , der zu einem großen Teil aus gemahlenem Grillenfleisch besteht: der Chaco Bar, verfeinert mit Schokolade, Datteln und Erdnüssen. Er sei der »erste Insektenriegel der Welt«, sagt der Erfinder Pat Crowley. 2011 hatte Crowley bei YouTube den TED-Talk eines Entomologen verfolgt, der über den Eiweißreichtum von Grillen sprach. Ein Jahr später startete Crowley den Internetversand – 30,99 Dollar kostet die Zwölferpackung Chaco Bars.

Die Grillen, die das Eiweiß für Crowleys Riegel liefern, sind von derselben Sorte wie jene, die Nong Savang auf dem Insektenmarkt von Vientiane verkauft: Acheta domesticus. Es ist unwahrscheinlich, dass bei Edeka, Rewe oder Aldi demnächst frittierte Grillen im Regal liegen. Ein paar Eiweißriegel aber vielleicht schon.