Levinson wurde dabei klar: Um Guugu Yimithirr sprechen zu können, müssen Menschen permanent die Orientierung behalten. Noch dazu müssen sie sich sämtliche geografischen Informationen merken, um später von einer Situation berichten zu können. Es scheint, als wäre in ihrem Kopf ständig eine Art Kompass tätig, der die Bilder der Umgebung mit einem kartografischen Raster unterlegt.

Und tatsächlich: Als der Linguist Probanden in entlegene Gebiete kutschierte – ob durch Buschland, über kurvige Straßen oder in dichte Wälder –, konnten diese jederzeit exakte Angaben zu Himmelsrichtungen und zur Lage bestimmter Orte machen, auch bei Nacht und in fensterlosen Räumen. Sie haben die Himmelsrichtungen so verinnerlicht, dass sie sie auch in ihre Gesten integrieren. Selbst wenn sie nach Jahren von einem Ereignis berichten, deuten ihre Hände dabei in die korrekte Richtung. "Sie sind außergewöhnlich", sagt Levinson.

Er geht davon aus, dass die speziellen Erfordernisse ihrer Sprache die bemerkenswerte Fähigkeit hervorbringen. Denn ohne perfekte Orientierung kann man auf Guugu Yimithirr nicht einmal einfachste Dinge erzählen. Wer diese Sprache spricht, trainiert also automatisch auch seinen Orientierungssinn.

Für diese These spricht einiges. Inzwischen sind mehrere Völker mit ausgezeichneter Orientierung bekannt, deren Sprachen ebenfalls geografische Ortsangaben nutzen. Schon kleine Kinder beherrschen die Fähigkeit, lange bevor sie etwa auf Jagdexpeditionen gehen. "Es ist sehr plausibel, dass die Sprache der Grund dafür ist", sagt Guy Deutscher.

Räumliche Wahrnehmung ist aber erst der Anfang. Längst untersuchen Forscher weitere Effekte der Muttersprache. Und die haben möglicherweise weitreichende Konsequenzen für unser Leben. So könnte unser Weltbild davon abhängen, welche und wie viele Sprachen wir beherrschen. Experimente deuten darauf hin, dass Menschen Ereignisse unterschiedlich beschreiben und sich im Nachhinein auch unterschiedlich daran erinnern – je nach Sprache, die sie sprechen.

Im Englischen etwa tendieren Menschen dazu, stets zu benennen, wer etwas getan hat, sagt die Psychologin Lera Boroditsky. Selbst wenn jemand aus Versehen eine Vase umwirft, heißt es "John hat die Vase zerbrochen". Im Spanischen und Japanischen dagegen sei es in diesem Fall eher nicht üblich, den Verursacher zu benennen. Da sage man eher "Die Vase ist zerbrochen" oder sogar "Die Vase hat sich zerbrochen".

In einer Experimentreihe zeigten Lera Boroditsky und Caitlin Fausey Spaniern, Japanern und Amerikanern Videoaufnahmen von Personen, die mal absichtlich, mal aus Versehen etwas zerstörten, etwa ein Ei oder einen Luftballon. Hinterher mussten die Probanden auf Fotos diese Person identifizieren. Hatte sie mit Absicht gehandelt, erkannten alle Gruppen den Übeltäter gleich gut wieder. War das Malheur aber aus Versehen geschehen, konnten sich Spanier und Japaner nicht so gut an den Tollpatsch erinnern wie Amerikaner. Boroditsky zufolge könnte dies daran liegen, dass es in ihrer Sprache nicht erforderlich ist, den Verursacher eines Versehens zu benennen. "Wahrscheinlich achten sie eher auf andere Details, etwa die Begleitumstände oder das Ergebnis, und erinnern sich daran besser." Studien anderer Forscher haben die Resultate bestätigt. Dennoch steht diese Forschung noch am Anfang, die Kausalität ist fraglich.

Solide Beweise hingegen gibt es für den Einfluss der Muttersprache auf die Farbwahrnehmung. Betrachten zwei Personen aus verschiedenen Ländern ein Chagall-Gemälde, dann sieht es womöglich für jede von ihnen ein bisschen anders aus, sagt Guy Deutscher. Denn verschiedene Sprachen haben verschiedene Farbskalen. Manche unterscheiden nicht einmal zwischen Grün und Blau, andere haben gleich zwei Wörter für Blau. Russen etwa unterteilen Blautöne in sinij (dunkel) und goluboj (hell).

Experimente von Boroditsky ergaben, dass russische Muttersprachler schneller zwischen Blautönen unterscheiden können als Amerikaner, wenn zwischen zwei Tönen auch die Grenze sinij–goluboj verläuft. Um zu zeigen, dass die Sprache dafür verantwortlich ist, erweiterte Boroditsky das Experiment. Sie bat die Probanden, sich Zahlenfolgen zu merken und diese laut zu wiederholen, während sie den Farbtest absolvierten. Auf diese Weise sollten die für Sprache zuständigen Bereiche des Gehirns abgelenkt werden. Und tatsächlich: Als diese Hirnareale beschäftigt waren und die Farbunterscheidung nicht mehr unterstützen konnten, verschwand der Unterschied zwischen Russen und Amerikanern.

Ein weiterer Beleg für die Macht der Sprache: Bringt man Probanden im Labor die Farbunterscheidungen einer anderen Sprache bei, nehmen auch sie Differenzen mit einem Mal anders wahr. Ebenso beginnen sie, anders über die Zeit nachzudenken, wenn sie die Zeitkonzepte einer anderen Sprache erlernen, ergaben Experimente. Wer eine neue Sprache lernt, erwirbt also zu einem gewissen Grad auch eine neue Denkweise und einen neuen Blick auf die Welt, sagt Boroditsky. Wachsen Menschen bilingual auf, schlägt sich das einigen Studien zufolge offenbar auch in ihrer Wahrnehmung nieder. "Beide Sprachen sind in ihrem Geist aktiv, wenn sie durch die Gegend gehen und über die Welt nachdenken", sagt Boroditsky. Sie betrachtet diese Erkenntnis durchaus als Anreiz, mehr Fremdsprachen oder zumindest mehr über andere Sprachen zu lernen. "Das erlaubt uns zu sehen, dass die Dinge ganz anders sein können, als wir immer glaubten."

Hirnforscher, Psychologen und Kognitionswissenschaftler haben eine Fülle von Belegen für die Macht der Worte zusammengetragen. Die Grundlagenforscher mögen sich weiter darum streiten, was diese Ergebnisse ganz genau bedeuten. Andere wenden sie schon an. So wie Benjamin Bergen. Er arbeitet für die amerikanische Regierung. Eigentlich ist er Kognitionsforscher, Professor an der University of California in San Diego.

Jetzt ist er mit seinem Team ins "Metaphor Program" der USA eingestiegen: Er entwickelt eine Software, die Metaphern im Internet erkennt und aus ihnen auf die Nutzer und ihre Gedanken schließt. So will er Computern beibringen, Menschen zu verstehen – wirklich zu verstehen. Die Rechner sollen erkennen, ob wir konservativ denken oder fortschrittlich, was wir für unmoralisch halten, welche Einstellung wir zu Krisen, Krieg und Korruption haben. Kurz: Sie sollen durchschauen, wie wir ticken – ein Lauschangriff auf unser Weltbild. Das Ausgangsmaterial: unsere Worte, verbreitet auf Facebook, auf Twitter, in Blogs. Weil Worte so eng mit unserem Denken verknüpft sind, sagen sie viel mehr über uns, als wir glauben.

Die US-Regierung lässt sich das Sprachprojekt um die hundert Millionen Dollar kosten. Sie will damit Terroristen auf die Spur kommen. Weil sie nicht zigtausend Agenten für linguistische Interpretationen abstellen will, sollen Computer das übernehmen. Doch das wird schwierig. Zwar gibt es schon reichlich Spracherkennungsprogramme, die gut funktionieren.

Doch eines stellt die Computer vor ein schier unlösbares Problem: Sätze und Worte, die nicht genau so gemeint sind, wie sie gesprochen werden: "Damit Computer Metaphern wirklich verstehen, müsste man eigentlich alles einbauen, was Menschen wissen. Das ist natürlich unmöglich", sagt Bergen. "Deshalb finde ich das Projekt ja so cool." Bergens Arbeitsgruppe hat als eines von mehreren Teams die Ausschreibung der Intelligence Advanced Research Projects Activity (Iarpa) gewonnen. Seit Anfang des Jahres arbeitet der 35-Jährige mit seinen Kollegen an der Metaphern-Software.