Die Leitwarte in Lehrte bei Hannover ist ein zweistöckiger Klotz neben einem Acker, draußen riecht es nach Gülle, drinnen nach Kaffee. Im Erdgeschoss die Kommandozentrale, drei Männer vor Monitoren. Sie arbeiten wie Fluglotsen, nur dass die Kästchen auf den Bildschirmen keine Flugzeuge darstellen, sondern Kraftwerke. Manchmal klingelt ein Alarm: Dann hat der Computer eine Schwachstelle im Netz entdeckt.

Weinreich und seine Schichtarbeiter sorgen dafür, dass der Strom von Kraftwerken, Windparks und Solarzellen dahin gelangt, wo er verbraucht wird. Und dass die Wechselspannung synchron mit 50 Hertz pulsiert. Etwa 1.000 Kraftwerksblocks stehen im Land verteilt, ihre Generatoren drehen im Gleichtakt. "Ganz Europa schwingt auf 50 Hertz", sagt Weinreich, "wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, was die Versorgungssicherheit angeht." Wenn die Erzeuger zu viel Strom einspeisen oder die Verbraucher zu viel abnehmen, geht die Frequenz hoch oder runter. Fällt sie unter 47,5 Hertz, schalten sich Kraftwerke automatisch ab.

Was das bedeutet, zeigte sich am 4. November 2006, als E.on über der Ems eine Höchstspannungsleitung abschaltete, damit ein Kreuzfahrtschiff darunter passieren konnte. Der Strom floss nun über eine zweite Leitung, die jedoch wegen Überlastung ausfiel, was eine Kettenreaktion auslöste. In nur 14 Sekunden war der Mythos vom stabilen europäischen Verbundnetz zerstört: Es war in drei Teile mit unterschiedlichen Frequenzen zerfallen, Kraftwerke wurden abgeschaltet, 15 Millionen Haushalte waren für eine Stunde ohne Strom.

Heute simuliert die Leitwarte alle paar Minuten, was passieren würde, wenn ein wichtiges Kraftwerk oder eine Leitung ausfiele. Ist kein Ersatz in Sicht, muss Weinreich Strom umverteilen – solange es genug davon gibt. Im Februar wurde es eng. Selbst an der Côte d’Azur hatte es geschneit, die Franzosen brauchten viel Strom für ihre Heizungen . Und dann passierte etwas, was niemand eingeplant hatte: Das Gas in Süddeutschland wurde knapp. Russland hatte seine Lieferungen um 30 Prozent reduziert. Prompt drehten die deutschen Gasnetzbetreiber den stromerzeugenden Gaskraftwerken den Hahn ab, um vorrangig Industrie und Haushalte zu beliefern. Erdgas vor Strom, so waren die Verträge. Tennet musste Reservestrom aus Österreich anfordern .

Deutschlands Erzeugungskapazität sei "keinesfalls beruhigend auskömmlich, sondern bestenfalls knapp ausreichend", schrieb die Bundesnetzagentur in einer Analyse. Die Behörde reguliert auch das Gasnetz. Nun möchte sie als Ultima Ratio anordnen dürfen, "systemrelevante Kraftwerke (wieder) mit Erdgas zu versorgen". Ob das Bundeswirtschaftsministerium dabei mitmacht, ist noch unsicher.

Müssen wir mit Blackouts rechnen, Herr Weinreich? "Wenn es sechs Wochen lang sehr kalt ist, kann die Braunkohle einfrieren, und über die Flüsse wird keine Steinkohle mehr transportiert, dann müsste man im Extremfall Großverbraucher und Haushalte nach einem Stundenplan vom Netz nehmen."

Die Angestellten der Leitwarte waren unlängst in einem Duisburger Simulationszentrum bei einer Blackout-Schulung. Volker Weinreich sagt: "Man übt es jetzt häufiger."

Zehn Kilometer südlich von Graz gebietet Werner Ziegler über 150 Megawatt fossiler Energie. Damit hat er Deutschland im vergangenen Winter ein bisschen vor dem Untergang bewahrt. Besucher führt er zu einem Fahrstuhl im Steinkohlekraftwerk. Hinauf in den zwölften Stock und dann raus auf einen Gitterrost mit Geländer. Das ist sein Reich: 90 Meter unter ihm die Kohlehalde, daneben das neue Gas- und Dampfkraftwerk, auf der anderen Seite der Mur das Ölkraftwerk von 1975. Außerdem seine Joggingstrecke am Fluss und das Blumendorf Fernitz, da wohnt er. "Das Image vom schmutzigen Ölkraftwerk", sagt Ziegler, "möchten wir gern korrigieren."

Ziegler ist ein freundlicher Ingenieur mit Lachfalten unter den Augen. Und er kann heute noch darüber lachen, dass die Medien im Winter meldeten, Österreich habe ein altes, mit Schweröl betriebenes Kraftwerk reanimiert, um Deutschland zu helfen . Arme Ösis, müssen die Deutschen gedacht haben, sitzen jetzt unter einer Rußwolke, weil Österreichs Ölstrom deutschen Atomstrom ersetzt.

Richtig ist, dass Österreichs größter Energiekonzern, die Verbund AG, hier in Werndorf ein Ölkraftwerk betreibt. Es hat eine Rauchgasentschwefelung und eine Abwasserreinigung. Das Kraftwerk emittiere 50 Prozent mehr Kohlendioxid pro Kilowattstunde als das neue Gas- und Dampfkraftwerk nebenan, sagt Ziegler, "aber es ist keine Dreckschleuder", und es habe Graz jeden Winter mit Fernwärme und Strom versorgt. Es habe sogar eine Ökozertifizierung.

Sie hätten das Ölkraftwerk im vergangenen Jahr eingemottet, aber Fukushima kam dazwischen. Und so gab es einen neuen Plan: Die Verbund AG bot den Deutschen das Ölkraftwerk als Reserve an, und die nahmen es unter Vertrag. Weil in Süddeutschland mehrere Atomkraftwerke abgeschaltet wurden, aber die Industrie dort viel Strom verbraucht, sollte Österreich einspringen – die beiden Regionen sind besser miteinander vernetzt als Nord- und Süddeutschland. Im Ernstfall sollte das Ölkraftwerk Werndorf innerhalb von 24 Stunden Strom liefern. Würde man das schaffen?

Als am 8. Dezember das Sturmtief Ekkehard über Norddeutschland zog und Ziegler gerade an der Mur joggte, rief ein Kollege auf dem Handy an: Die Deutschen brauchten jetzt ihren Strom.

An diesem Tag kündigte sich ein typisches Problem der deutschen Energieversorgung nach dem Atom-Moratorium an: viel Windstrom im Norden, hoher Verbrauch im Süden, kaum Kabel dazwischen. Ziegler sollte helfen, das Netz zu stabilisieren, indem er von Süden Strom einspeiste. Er joggte nach Hause und fuhr zum Kraftwerk.

Die Kollegen zündeten das Erdgas zum Anfahren der Turbine und schalteten dann auf Schweröl um. Am Abend kam die Anordnung, auf Volllast zu gehen. Einer der Männer klickte in der Steuerung auf "Blockabgang" – und sie waren am Netz. "Die Mannschaft hat das sehr ernst genommen", sagt Ziegler, "auch der einfache Hilfsarbeiter war richtig stolz."