Das hat gleich drei Vorteile: Erstens können sich junge Firmen auf das besinnen, was ihr Geschäft ausmacht. Die Macher von Pinterest etwa konnten sofort mit der Arbeit an ihrer neuartigen Oberfläche beginnen, anstatt erst teure Server zu bestellen und Computerexperten zum Vorstellungsgespräch zu bitten. Zweitens reicht schon wenig Kapital, um eine Geschäftsidee umzusetzen – sich für ein paar Monate Speicherplatz zu mieten ist wesentlich billiger, als neue Hardware anzuschaffen. Websites wie AirBnB zum Beispiel, über die Privatleute Unterkünfte an Urlauber vermieten können, konnten vielleicht nur deswegen aus einer Idee im Wohnzimmer entstehen. Und drittens können Start-ups blitzschnell mehr Rechenkapazitäten dazumieten, gelingt über Nacht der Durchbruch und muss ihre Webseite plötzlich einem Ansturm von Millionen Nutzern standhalten.

Es gibt aber eben auch einen ungeheuren Nachteil. Taumelt ein Gigant wie Amazon wegen eines Unwetters, fallen unzählige Zwerge mit ihm, die auf seinen Schultern balancieren.

Und das kann eine unheilvolle Kettenreaktionen anstoßen: Der virtuelle Festplattendienst Dropbox ist ein Paradebeispiel für ein Lean Start-up. Die Firma hat mehr als 100 Millionen Nutzer, die am Tag mehr als eine Milliarde Dateien speichern, doch sie hat dafür nicht eine einzige Festplatte angeschafft. Auch diese Daten liegen auf Amazon-Servern. Fällt Dropbox wegen Schwierigkeiten bei Amazon aus, ist das nicht nur ein Problem von Millionen Privatnutzern, sondern auch von vielen Firmen, die den Dienst als digitales Gedächtnis nutzen – dann leiden auch Abermillionen von deren Kunden unter digitaler Amnesie.

Unterschätztes Problem

Oft unterschätzen Firmen die Abhängigkeit, in die sich begeben, wenn sie sich auf die Technik anderer verlassen. Nicht nur Unwetter oder technisches Versagen, auch knallharte Unternehmensinteressen können dann zur Bedrohung werden. Das gilt nicht nur für Cloud-Dienste: Ein anderer Riese, auf den sich viele Firmen verlassen, ist Twitter. Im vergangenen Sommer kündigte die Kurznachrichtenseite an, stärker reglementieren zu wollen, was andere mit ihren Nachrichtenströmen, den sogenannten Feeds anstellen. Eine Hiobsbotschaft für viele Firmen, deren Geschäft davon abhängt.

Die Macher von Flipboard etwa erwischte das kalt. Flipboard ist eine Tablet- und Smartphone-App, mit der sich inzwischen mehr als 20 Millionen Leser ihr persönliches Magazin aus unzähligen Quellen zusammenstellen. Ganz im Sinne der Lean-Start-up-Philosophie hatten sich die Programmierer entschieden, das Rad nicht neu zu erfinden und die Twitter-Technologie fest in ihre App zu integrieren. Publikationen wie die New York Times oder die USA Today lieferten lange jeden neuen Artikel in Form eines Tweets mit Verweis auf die Webadresse des Textes an Flipboard. Die App lud die Artikel dann automatisch herunter und zeigte sie in einem schicken Magazinlayout an.

Genau das passt nun aber nicht mehr in die Strategie von Twitter. Der Kurznachrichtendienst verwandelt sich selbst immer mehr in eine Medienseite. Internetnutzer sollen Inhalte direkt auf der Website von Twitter oder in deren Apps anschauen, wo sie auch bezahlte Werbung sehen – und so droht Flipboard den Zugang zu Twitter zu verlieren. Nun muss das Start-up seine App umstricken, wie viele andere Firmen, deren Geschäft auf Twitter basiert.

Das Beispiel verdeutlicht ein grundlegendes Missverständnis im modernen Internet. Viele gehen selbstverständlich davon aus, dass bestimmte Dienste für immer umsonst vorhanden sein werden. Doch anders als etwa zentrale Internetdienste wie E-Mails oder das Web, die niemandem gehören, werden Cloud-Server und Kurznachrichtendienst von einzelnen Konzernen kontrolliert. Deren Sicherheitsbewusstsein, Interessen und Launen ist ausgeliefert, wer sich auf sie verlässt.