"Die Konfrontation mit neuen und komplizierten Dingen erfordert Bewusstsein, Aufmerksamkeit und Konzentration – das Gehirn strebt darum danach, alles zu routinisieren", sagt der Hirnforscher Gerhard Roth. "Gewohnheiten sind sowohl stoffwechselbiologisch als auch neuronal billig." Das ist ein Vorteil: Wir müssen nicht mehr über grundlegende Verhaltensweisen nachdenken, etwa über das Gehen. Dafür steht uns mehr mentale Energie zur Verfügung, um anderes zu tun. So können wir uns auch in Stresssituationen darauf verlassen, dass wir das Zähneputzen nicht vergessen oder den Weg zur Arbeit finden.

Eugene Pauly verdankte diesem Phänomen, dass er bis zu seinem Tod relativ selbstständig in seinem Haus nahe San Diego leben konnte. Ein Virus hatte das Gehirn des 70-Jährigen entzündet. Als die Infektion abgeklungen war, funktionierte sein Gedächtnis nicht mehr. Manchmal frühstückte Pauly dreimal hintereinander und merkte es nicht. Immer wenn er fertig war, legte er sich ins Bett, um Radio zu hören, vergaß dann aber, dass er den Tag schon begonnen hatte, und begann wieder von vorn. Wenn er die Straße entlanglief, konnte er nicht sagen, wo sich sein Haus befand, wenn er vor dem Fernseher saß, nicht, welcher Weg zur Küche führte. Aber er bereitete das Frühstück selbst zu, ging täglich allein eine Runde spazieren und sah abends gerne fern. Seine Gewohnheiten hatten überlebt. Sie waren es, die ihn durch den Tag führten.

Gewohnheiten navigieren uns durchs Leben. Ohne sie wäre unser Gehirn überfordert von den Details des Alltags. Aber genau dieser Trick des Energiesparens macht es uns so schwer, unser Verhalten zu ändern. Denn diese Steuerung liegt in einem Bereich des Gehirns, der nicht bewusst kontrolliert wird.

Als die Ratten in Ann Graybiels Labor schließlich routiniert durch das Labyrinth liefen, erkannten die Forscher noch etwas anderes: Das Hirn schaltete immer genau dann auf Sparflamme, wenn der Ton erklang, sich die Klappe öffnete und das Tier loslief – bis zu dem Moment, in dem die Ratte die Schokolade fand. Der Ton als Auslösereiz und die Belohnung als Endpunkt funktionierten wie Schranken, in deren Grenzen sich das Gehirn ausruhen konnte. Dieser Mechanismus gilt für alle Gewohnheiten, egal, ob sie schlichtes Tun betreffen oder hochkomplexe Abläufe.

Es ist der klassische Lernprozess, eine Wechselwirkung zwischen auslösendem Reiz, Routinehandlung und Belohnung. Oft genug wiederholt, frisst sich der Pfad tief in das Gehirn und wird irgendwann quasi automatisch abgeschritten. Beim Zähneputzen kann der Auslösereiz beispielsweise das Betreten des Badezimmers am Morgen sein oder ein unangenehmer Geschmack im Mund. Ohne nachzudenken, nehmen wir die Bürste, geben Zahnpasta darauf und schrubben die Zähne nach dem immer gleichen Ablauf.

Kinder müssen dieses Verhalten erst erlernen, bei ihnen führt das Betreten des Badezimmers am Morgen automatisch noch zu gar nichts. Und beim Putzen vergessen sie schnell einige der Zähne oder bürsten doppelt. Erst nach vielen Wiederholungen wird der Ablauf zur Gewohnheit.

Mit dem Alter nimmt die Zahl der Gewohnheiten zu. Erwachsene gewöhnen sich daran, sich auf eine bestimmte Art zu kleiden, zum Kaffee eine Zigarette zu rauchen oder den Müll zu trennen. Wir wachsen in Betriebsstrukturen und in bestimmte Rollen hinein. Am Anfang haben wir noch darüber nachgedacht, wie wir uns im Meeting am besten verhalten oder wie der Haushalt aufgeteilt werden sollte – und irgendwann nicht mehr.

"Gewohnheiten sind kleine Süchte", sagt Wolfram Schultz, Professor für Neurowissenschaften an der University of Cambridge. "Wenn wir die Erfahrung machen, dass ein bestimmtes Verhalten zu einer Belohnung führt, wiederholen wir es möglichst oft." Der Trick ist, dass das Gehirn das, was es kennt, irgendwann verstärkt: Es schüttet Botenstoffe aus, durch die wir uns besonders wohlfühlen. Beim Zähneputzen zum Beispiel kann die Belohnung in dem guten Gefühl liegen, glatte, saubere Zähne zu haben. "Belohnungen erzeugen ein neuronal verankertes Verlangen, sie verändern das Gehirn", sagt Schultz – sie erhalten sich so selbst.

In ihrer Gleichförmigkeit verleiht uns die Gewohnheit Stabilität. Das Gefühl von Sicherheit. Das ist schon zu Beginn des Lebens wichtig: Für Kinder wirkt das Märchen im immer gleichen Wortlaut wie eine Verschnaufpause. In einer Welt voller Neuigkeiten ist für eine Weile jede Silbe vorhersagbar. Und später, im Alter, wenn das Sehen und Denken schwererfällt, ist ein selbstständiger Alltag oft nur noch dank routinierter Handgriffe möglich.

"Gewohnheiten garantieren, dass die Welt um uns herum und das Ich gleich bleiben", sagt Nicolas Hoffmann. Der Berliner Verhaltenstherapeut beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren intensiv mit Gewohnheiten. Als Dozent und Autor mehrerer Bücher beschreibt er die Funktion der Wiederholung in ihrer ganzen Bandbreite. "Zuerst einmal sind Gewohnheiten gut. Wir sprechen zu Recht von den lieben Gewohnheiten", sagt er.

Doch Gewohnheiten haben auch eine Kehrseite. Ohne dass wir es bemerken, schränken sie unsere Wahrnehmung ein. Sie machen unflexibel und starr. Wenn uns ein Weg sehr vertraut ist, beispielsweise der zur Arbeit, gehen wir ihn jahrelang, ohne überhaupt noch wahrzunehmen, was rechts und links von uns geschieht. Und ohne uns zu fragen, ob es inzwischen vielleicht einen besseren Weg gibt. In einer seiner Studien zeigte Bas Verplanken, dass Menschen mit stark routinierten Verhaltensweisen auf Informationen verzichten, wenn sie eine Entscheidung für oder gegen ihre Gewohnheit treffen müssen – und sich dann meist für diese entscheiden. Sigmund Freud brachte den Wiederholungszwang zeitweise sogar mit dem Todestrieb in Zusammenhang, denn im Extremfall kann er alles Lebendige aus dem Leben ausschließen. So wie bei Norbert Kuhn* aus Berlin.

Jeden Morgen setzte er sich an einem kleinen Tisch auf einen speziellen Holzschemel. Vor ihm lag eine Liste mit den Buchstaben des Alphabets, zu denen er nach bestimmten Regeln Begriffe finden, aufschreiben und mit Löschpapier fixieren musste. Die Zimmertemperatur durfte währenddessen 18 Grad nicht überschreiten, und wenn er fertig war, klopfte Kuhn dreimal mit den Fingern an die Wand, damit seine Frau hereinkommen und ihm Kaffee in eine weiße Tasse einschenken konnte. Auch für den weiteren Tagesablauf hatte er einen festgelegten Plan, den er jeweils in der Nacht zuvor anfertigte und dann haargenau befolgte.