Nicolas Hoffmann war der Therapeut des inzwischen verstorbenen Patienten. "Manche Menschen empfinden eine so tiefe innere Verunsicherung, dass sie sich nur mit starken Routinen – an denen sie natürlich irgendwann total ersticken – über Wasser halten können", sagt er. Je nach Persönlichkeitsstil benötigten Menschen mehr oder weniger Vertrautes, um sich wohlzufühlen. Nur wenige ertrügen es, ständig mit Neuem konfrontiert zu sein.

Normalerweise bilden Gewohnheiten ein Gerüst für uns. Daran hangeln wir uns durch die Tage, Wochen, Monate, in den Zwischenräumen aber brechen sich Aufregung und Gefühle Bahn. Doch bei einigen Menschen ist das Bedürfnis nach Sicherheit so groß, dass sie auch einfache soziale Kontakte oder den Alltag nicht mehr ertragen. Norbert Kuhn hatte Angst vor solchen unkalkulierbaren Lücken in seinem Tagesgerüst. Er litt an einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung. "Mut zur Lücke" war eines der Ziele der Therapie, die Hoffmann ihm verordnete. Er stellte ihm etwa die Aufgabe, etwas zu tun, das scheinbar keinerlei Zweck erfüllte. Kuhn sollte in ein ihm unbekanntes Stadtviertel gehen oder in ein Kaufhaus und sich nur umsehen – ganz ohne Plan und Routine. "Achtsamkeit, Spontaneität und Neugierde sind die Gegenpole zur Gewohnheit. Es ist wichtig, eine gesunde Balance zu finden", sagt Hoffmann.

Die gesunde Balance konnte Herbert Rugel*, 69 Jahre und ganz in Schwarz gekleidet, lange nicht finden. Es begann, als er zum Studieren in die große Stadt kam: Berlin in den Siebzigern. Er hatte lange Haare und ging gern feiern. Er hasste den Kapitalismus und die Spießer, und wenn er trank, fühlte er sich so locker, wie er gern sein wollte. Er wurde DJ, soff mit den Gästen, wurde anschließend Programmierer und soff mit seinen Auftraggebern. Er zeugte seinen Sohn im Suff, fuhr betrunken zwei Autos zu Schrott. Irgendwann ging er auch allein los und besoff sich nächtelang in Eckkneipen.

Als sein Sohn elf ist, fahren sie zusammen in den Urlaub. Hvar, Korčula, an der Adria. Sie haben ein Haus am Meer, Rugel macht oft Pommes und bringt einem Freund des Sohnes das Schwimmen bei. Schließlich bittet der Sohn ihn um ein Gespräch und erzählt ihm, wie es für ihn sei, wenn der Vater immerzu säuft. Rugel fällt aus allen Wolken. Er hatte gedacht, die anderen hätten die Tage genauso genossen wie er selbst. Erschrocken stellt er fest, dass er sich an vieles nicht mehr erinnern kann. Rugel verspricht, etwas zu ändern. Er glaubt selbst nicht an das Versprechen, aber als er wieder zu Hause ist, besucht er ein Treffen der Anonymen Alkoholiker.

Natürlich ist Alkoholismus viel mehr als eine Gewohnheit. Es ist eine schwere Krankheit mit unwiderruflichen neuronalen Veränderungen. Aber wer die Abhängigkeit bezwingen will, muss auch starke Gewohnheiten in den Griff bekommen. Auslösereize wie Geselligkeit, Frust oder das schlichte Ploppen einer Flasche provozieren das Suchtverhalten, bestimmte Belohnungen wie das Vergessen oder ein Gefühl von Entspanntheit treiben zur Wiederholung.

Das Programm der Anonymen Alkoholiker stimmt überein mit wissenschaftlichen Erkenntnissen dazu, wie schlechte Angewohnheiten am besten bekämpft werden können. Es ist das Prinzip, nach dem auch die kognitive Verhaltenstherapie funktioniert: lernen, Verhaltensmuster zu erkennen, sie stoppen und durch neue, passendere ersetzen. Die erste Phase ist die der Selbstbeobachtung. "Gewohnheiten werden immer von Reizen aus der Umwelt angestoßen", sagt Bas Verplanken. "Und um es noch schwieriger zu machen: Meist ist es nicht nur ein Reiz, sondern ein ganzer Kontext, eine soziale Praxis, in welche die Gewohnheit eingebettet ist." Raucher rauchen gern, wenn sie ausgehen, trinken und mit anderen Rauchern unterwegs sind. Wir kauen Nägel, wenn wir nervös oder nachdenklich sind. Viele alltägliche Handlungen wiederholen wir meist in einem ganz bestimmten Setting: an einem speziellen Ort, zu einer gewohnten Zeit, in gewissen Stimmungslagen oder mit ausgewählten Menschen.

Die Psychologin Wendy Wood von der University of Southern California hat in vielen Experimenten gezeigt, wie stark wir Situationen mit Handlungen verknüpfen. Das Resultat: Wer sein Verhalten ändern möchte, muss den Kontext ändern. In einer von Woods Studien kam heraus, dass Raucher, die ihr Laster aufgeben wollten, doppelt so erfolgreich waren, wenn sie im Urlaub damit anfingen. Ein Alkoholiker sollte nicht in Lokale gehen, wenn er trocken bleiben möchte. Wer fernsieht, sobald er abends nach Hause kommt, könnte den Fernseher in den Keller bringen und sich mit Freunden verabreden. Viele Reize aber können oder wollen wir nicht vermeiden, wie Geselligkeit oder eine bestimmte Tageszeit.

Dann hilft nur, zu versuchen, den Reiz mit einer neuen Tätigkeit zu verknüpfen. Damit das klappt, müssen wir es schaffen, ein Verlangen nach dieser neuen Tätigkeit zu erzeugen. Dafür wiederum müssen wir verstehen, was uns zu unserer bisherigen Gewohnheit reibt. Raucher glauben, es sei das Nikotin, und ein wenig stimmt das sogar. Aber selbst wenn die körperliche Abhängigkeit nach einer Weile nachweislich überstanden ist, fällt uns der Verzicht schwer – weil wir viel mehr und oft Wichtigeres mit dem Verhalten verbinden. Die Raucherpause vor der Tür bringt eben nicht nur das Nikotin, sondern auch eine Form der Gemeinschaft. Und wer seine Fingernägel kaut, tut das oft, um sich für einen kurzen beruhigenden Moment selbst zu spüren. Für all das muss es etwas geben, das die schlechte Angewohnheit ersetzt.

Menschen, die aufhören wollen, Nägel zu kauen, lernen in Trainings, stattdessen eine Faust zu ballen oder mit den Fingern auf den Tisch zu klopfen – und sich so zu stimulieren. Starke Grübler üben in der Therapie, schlechte Gedanken durch gute zu ersetzen oder das Grübeln zeitlich einzugrenzen und zum Beispiel auf den Abend zu beschränken. Auch die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker ist eine Art Ersatz. Sie hört zu, ohne Fragen zu stellen oder Vorwürfe zu machen, und spendet Trost, rund um die Uhr, wenn man das möchte. In größeren Städten gibt es täglich mehrere Treffen, und Neue bekommen die Telefonnummer von denen, die länger dabei sind. Noch etwas bietet die Gemeinschaft, vielleicht ist es das Entscheidende: Sie ermöglicht den Glauben daran, dass es möglich ist, etwas zu ändern. Denn immer sitzen in dem Stuhlkreis einige, die nicht mehr trinken.