Im Extremfall kann der Einfluss der Psyche lebensgefährlich sein: Bei vier von fünf Herzinfarktpatienten war sie ausschlaggebend, schätzen Experten. Das Risiko steigt etwa, wenn der Job einem viel abverlangt, aber nicht ausreichend entlohnt wird oder keinen Freiraum für eigene Ideen lässt. Oftmals blockiert das Herz aber erst, wenn sich Konflikte, Stressfaktoren oder Schicksalsschläge anhäufen.

Unter Stress schüttet der Körper die Hormone Cortisol und Adrenalin aus, daraufhin pumpt das Herz schneller und mit mehr Druck. Der Körper ist auf Aktion eingestellt. An sich ist das nicht schädlich. Dauerbelastung kann jedoch zu chronischem Bluthochdruck führen, der wiederum eine Arterienverkalkung verursachen kann, die eng mit Herzinfarkten verknüpft ist. Doch ist die Psyche in der Regel nicht die alleinige Ursache. Falsche Ernährung, Übergewicht und Rauchen sind ebenfalls Risikofaktoren.

Dennoch wollen Forscher sogar einen bestimmten Persönlichkeitstypus identifiziert haben, der die Koronare Herzkrankheit begünstigt. Demnach sind Menschen mit einer "Typ D"-Persönlichkeit (D wie distressed), die oft schlecht gelaunt, ängstlich und niedergeschlagen sind, besonders gefährdet. Ebenso im Verdacht: der Persönlichkeitstyp A. Solche Menschen sind übertrieben ehrgeizig, geradezu verbissen und daher nicht selten feindselig. "Perfektionismus ist für mich sogar der wichtigste Risikofaktor", sagt Jochen Jordan, Leiter der Abteilung für Psychokardiologie an der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim.

Noch gefährlicher als Stress oder bestimmte Persönlichkeitstypen sind psychische Erkrankungen. "Depressionen belasten das Herz ähnlich stark wie das Rauchen", sagt Christoph Herrmann-Lingen vom Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Göttingen. Sie verdoppeln das Risiko einer Herzkrankheit. Schon eine unterschwellige Depression ist vergleichbar mit dem Schaden, den Passivrauchen verursacht. Zwar könne die psychische Erkrankung nicht allein zum Infarkt führen, sagt Herrmann-Lingen. "Sie kann aber sein Auftreten beschleunigen." Bei depressiven Menschen gerinnt das Blut schneller, die Frequenz des Herzschlags ist nicht mehr so variabel, und Entzündungen treten häufiger auf, etwa in den Blutgefäßen – Umstände, die den Herzinfarkt begünstigen. Zudem neigen Depressive zu ungesundem Verhalten wie Kettenrauchen oder Frustessen.

Herzleiden und Schwermut sind ein gefährliches Paar. Die Überlebenschancen für Menschen mit Depressionen nach einem Herzinfarkt sind deutlich geringer als für jene, deren Seele nicht leidet. Das ist problematisch, denn Menschen, die einen Infarkt überleben, bekommen später häufig psychische Probleme. Viele leiden unter Ängsten, manche sogar unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Umso wichtiger ist es, dass Mediziner bei Herzkranken oder Risikopatienten das seelische Wohlbefinden mit im Blick haben. Dieses Bewusstsein wächst in Fachkreisen. Immer mehr Kliniken haben psychokardiologische Stationen, die sich besonders dem Wechselspiel zwischen Herz und Seele zuwenden.

Auch Walter Dell hat sechs Wochen auf einer solchen Station im Universitätsklinikum Göttingen verbracht. Zunächst war er skeptisch: "Ich fand es schwer zu glauben, dass mir mein Kopf einen weiteren Herzinfarkt vorgaukelt, dass Ärger mein Herz belastet." Inzwischen ist er dankbar: "Ich bin hergekommen als ein Häufchen Elend. Heute kann ich wieder Leute zum Lachen bringen." Psychotherapie allein und in der Gruppe, Entspannungsübungen sowie Kunsttherapie haben ihn aufgepäppelt. In der Kunsttherapie hat er sein jetziges Ich aufgemalt: ein Ei. Dort, wo sonst Dotter schwimmt, befindet sich sein Herz. Es ist dort sicher, denn an der Schale prallen all der Stress und der Ärger ab, die ihm zuvor noch in die Brust schossen.

Es scheint also so, als hätten die Mediziner das enge Zusammenspiel zwischen Körper und Seele erkannt und endlich die nötigen Konsequenzen gezogen. Die Mehrzahl der psychiatrischen Kliniken etwa trägt heute das Label Psychosomatik im Namen. Auch hat sich die Zahl der Klinikbetten für psychosomatische Patienten verdoppelt. Tatsächlich aber greifen weiterhin viele Ärzte nur auf Medikamente zurück. Die Psyche wird noch immer als eher unwichtig angesehen.

Unter Hausärzten dominiert oft noch das Bild der rein körperlichen Erkrankung. "Wir werden falsch ausgebildet", sagt der Rostocker Hausarzt Thomas Maibaum, der im Hausärzteverband Mecklenburg-Vorpommern für Fort- und Weiterbildung zuständig ist. Im Studium lernten Nachwuchsmediziner zu wenig über die Psyche, und in der Praxis würden sie darauf getrimmt, zunächst nur nach körperlichen Gründen für eine Erkrankung zu suchen. Dabei hat jeder fünfte Patient einer Hausarztpraxis körperliche Beschwerden, für die es keine organische Ursache gibt. Im Schnitt dauert es bis zu sechs Jahre, bis diese Patienten in psychosomatische Behandlung gelangen. Viele haben dann eine wahre Odyssee hinter sich.

Für die Betroffenen bedeutet das zusätzlichen Stress, oft bekommen sie falsche Medikamente und sollen zu unnötigen Untersuchungen. Und das Gesundheitssystem wird mit erheblichen Mehrkosten belastet – Milliardenbeträge könnten eingespart werden, wenn Ärzte das seelische Befinden und die sozialen Umstände ihrer Patienten mehr berücksichtigen würden, schätzen Experten.

Deutlich wird das am Beispiel Rückenschmerzen. Sie sind hierzulande eine der teuersten Erkrankungen. Vier von fünf Deutschen haben im Laufe ihres Lebens mindestens einmal Beschwerden im Rücken. Bei mehr als 80 Prozent davon findet sich keine körperliche Ursache. Aber selbst wenn der Arzt einen Bandscheibenvorfall feststellt, muss dieser nicht den Schmerz verursachen. Oft spielt die Psyche eine wichtige Rolle. Sie entscheidet, wie stark Menschen ein Stechen oder Ziehen empfinden. Depressive etwa verspüren oft schon leichtes Piken als unangenehmen Schmerz. Auch Stress und Konflikte können Schmerzen verstärken.