Erich Kasten schildert diese Geschichte als extremes Beispiel einer Fehlinterpretation. Er hat solche Fälle schon öfter erlebt. Der Psychologe ist Professor an der Universität Göttingen, behandelt aber auch Patienten in seiner Praxis in Travemünde. Es kommt vor, dass Menschen seine Hilfe suchen, bei denen er keine psychische Störung feststellen kann. "Sie hatten eine glückliche Kindheit, führen ein intakte Ehe, haben gesunde Kinder und einen prima Job, dennoch können sie sich zu nichts mehr aufraffen", sagt Kasten. Er schickt sie für ein Blutbild zurück zum Hausarzt – oft finde der dann auch etwas.

Schon eine Unterfunktion der Schilddrüse kann ähnliche Symptome auslösen wie eine Depression. Eine Überfunktion hingegen ruft mitunter Stimmungsschwankungen hervor, die das Leben der Betroffenen gehörig durcheinanderbringen. Sogar eine Zahnwurzelentzündung könne zu psychischen Symptomen führen, sagt Kasten. Wenn eine Entzündung unentdeckt bleibt oder länger anhält, kann das Menschen emotional so aus der Bahn werfen, dass Ärzte sie als psychisch krank einstufen. Botenstoffe des Immunsystems lösen im Gehirn das typische Krankheitsgefühl aus, das Infizierte zum sozialen Rückzug drängt, sie introvertierter und antriebslos werden lässt. Eigentlich ist das sinnvoll, Kranke gehören schließlich ins Bett. Doch auf Dauer kann es das psychische Gleichgewicht gefährden.

Es gibt zahlreiche solcher körperlichen Ursachen von psychischen Störungen, auch Vitaminmangel oder -überversorgung gehören dazu. "Letztlich beruhen ja alle geistigen Prozesse auf einer körperlichen Basis. Da ist es nicht verwunderlich, dass viele organische Störungen sich auch mental bemerkbar machen", sagt Kasten. Nur wisse das eben nicht jeder.

So wie Ärzte häufig versäumten, psychische Ursachen für körperliche Probleme in Betracht zu ziehen, so vermuteten Psychotherapeuten meist nicht, dass körperliche Ursachen hinter psychischen Symptomen stehen könnten, sagt Kasten. Es fehle ihnen an medizinischer Ausbildung. "Was sie lernen, ist nicht ausreichend, um die Vorgänge im Körper wirklich fundiert zu verstehen." Es genüge daher nicht, Ärzte in Psychosomatik zu schulen. Andersherum müssten Psychologen den Körper besser verstehen.

Möglicherweise liegt die Ursache einer psychischen Störung manchmal in einer Körperregion, in der sie kaum jemand vermuten würde: im Darm. "Lange Zeit ging man nur davon aus, dass psychosomatische Störungen zu Magen- und Darmerkrankungen führen können. Doch seit einigen Jahren mehren sich Hinweise, dass es auch umgekehrt sein könnte", sagt Peter Holzer, Professor für Experimentelle Neurogastroenterologie an der Medizinischen Universität Graz.

Die Vertreter der noch jungen Disziplin Neurogastroenterologie betrachten den Darm wegen seiner millionenfachen Nervenzellen als eine Art zweites Gehirn. Es empfängt nicht nur Signale aus dem ersten Gehirn, sondern sendet umgekehrt auch Informationen dorthin. Neben den Nervenzellen nehmen so auch Immunbotenstoffe, Darmhormone und Bakterien Einfluss auf das Gehirn – und steuern womöglich Emotionen.

Tierversuche haben etwa gezeigt, dass Labormäuse sich ängstlicher verhalten, wenn ihr Darm entzündet ist. Andere Mäuse wurden depressiv, als Forscher bestimmte Darmhormone durch genetische Manipulation außer Gefecht setzten. Dass diese Botenstoffe das Verhalten steuern, sei sinnvoll, sagt Peter Holzer. Ghrelin beispielsweise werde bei Hunger ausgeschüttet und senke Angst und Depressivität. "Beides wäre bei der Futtersuche ja eher hinderlich."

Noch erstaunlicher sind die Befunde zur Darmflora. "Man nimmt heute an, dass Darmbakterien Stoffe bilden, die über das Blut ins Gehirn gelangen und dort emotionale Prozesse verändern können", sagt Holzer. Als Wissenschaftler aus Kanada die Darmflora von Mäusen mit Antibiotika lahmlegten, waren die Tiere deutlich erkundungsfreudiger als zuvor – ein Indiz für verminderte Angst. Holzers Team kam zu ähnlichen Resultaten, allerdings beobachteten es zudem, dass die Mäuse auch Gedächtnisprobleme bekamen. Viel Wirbel machte eine Studie aus Irland, in der Forscher Mäuse mit einem Probiotikum behandelten. Sie berichteten, die Mäuse seien nach vier Wochen Laktobazillus-Kost weniger ängstlich und depressiv gewesen und hätten zudem mit Stress besser umgehen können. Sogar entsprechende Veränderungen im Gehirn ließen sich nachweisen.

Natürlich legen solche Versuche die Vermutung nahe, dass man über die Ernährung gezielt seine Stimmung beeinflussen kann. "Wir wissen immerhin, dass die Ernährungsqualität großen Einfluss auf die Zusammensetzung der Darmflora hat", sagt der Neurogastroenterologe Holzer. Noch ist aber unklar, ob und wie sich psychische Parameter darüber steuern lassen. Inwieweit man von den eher simplen Tierversuchen auf die komplexe Psychopathologie beim Menschen schließen kann, ist fraglich. Erste Studien an Menschen hält Holzer nur für bedingt aussagefähig. So wollen Forscher festgestellt haben, dass ein probiotisches Milchgetränk über längere Zeit die Stimmung von manchen gesunden Probanden verbessert. "Allerdings war die Teilnehmerzahl sehr gering", sagt Holzer. Ein Joghurtdrink gegen Depression, das wäre fast zu schön, um wahr zu sein – und ein Riesengeschäft für die Lebensmittelindustrie.

Dennoch sind Wissenschaftler überzeugt, dass eine gesunde Ernährung die psychische Gesundheit fördert. Darauf deutet eine wachsende Zahl groß angelegter Studien hin. Eine prospektive Studie mit etwa 3.000 Jugendlichen in Australien zeigte beispielsweise, dass sich bei Teilnehmern, die im Laufe der Jahre ihre Ernährung auf gesunde Kost umstellten, auch das psychische Wohlbefinden verbesserte. Bei Jugendlichen, deren Ernährungsqualität hingegen abnahm, sank auch das psychische Wohlbefinden. Andere Studien geben Hinweise darauf, dass besonders Mittelmeerkost der Seele guttut.

Der eigene Körper ist also durchaus auch ein Schlüssel zum seelischen Glück. Sogar seine Bewegungen tragen dazu bei. Schon länger weiß man, dass körperliche Ertüchtigung der Psyche guttut. Nicht ohne Grund wird Depressiven empfohlen, sich möglichst viel zu bewegen. Sport steigert die Ausschüttung von Endorphinen. Psychologen haben aber noch verblüffendere Mechanismen entdeckt.

Studien zeigen: Unser Denkapparat funktioniert keineswegs wie ein Computer, isoliert von der Umwelt in einem starren Gehäuse. Die Gefühle und Gedanken, die im Kopf entstehen, sind abhängig von dem Körper, auf dem er sitzt. Schon unbedachte Bewegungen oder Haltungen lenken unsere Empfindungen und Urteile. So können sich Menschen in Experimenten leichter an positive Ereignisse erinnern, wenn sie ihre Arme von unten nach oben heben oder wenn sie lächeln und aufrecht sitzen. Wer dagegen eine Weile in gekrümmter Haltung dasitzt, gibt bei frustrierenden Aufgaben schneller auf und ist bei Erfolgserlebnissen weniger stolz.