Den Probanden in solchen Studien ist meist nicht einmal bewusst, dass sie eine bestimmte Bewegung ausführen oder Haltung einnehmen. Sie werden mit subtilen Tricks dazu gebracht. In einem berühmten Experiment des Sozialpsychologen Fritz Strack etwa fanden Testpersonen einen Cartoon deutlich lustiger, wenn sie einen Stift zwischen den Zähnen hielten, der automatisch ihre Lächelmuskeln aktivierte. Andere Probanden, die den Stift mit ihren Lippen umstülpen sollten und deshalb nicht lächeln konnten, waren weitaus weniger amüsiert.

Es scheint, als wäre die Mimik nicht nur Ausdruck von Gefühlen, sondern verstärke diese auch oder rufe sie erst hervor. Psychologen haben viele Hinweise dafür gefunden, dass das Aktivieren von Muskeln Menschen in bestimmte Stimmungen versetzen und ihre Urteile beeinflussen kann. Der Sozialpsychologe Jens Förster etwa konnte zeigen, dass Menschen empfänglicher für positive Wörter werden, wenn man sie dazu bringt, mit dem Kopf zu nicken. Lässt man sie dagegen den Kopf schütteln, speichern sie eher negative Informationen ab. In einer anderen Studie wiesen Strack und Förster nach, dass Personen, die ihre Arme beugen, weil sie von unten gegen eine Tischplatte drücken sollen, sich an erfreulichere Dinge erinnern als Personen, die von oben auf die Platte drücken und somit ihre Arme durchstrecken.

Bestimmte Bewegungen, so die These, werden im Laufe des Lebens mit jenen positiven oder negativen Stimuli verknüpft, mit denen sie gemeinsam auftreten. So ist etwa das Beugen des Arms assoziativ verbunden mit Dingen, die man an sich heranzieht, weil man sie haben möchte, oder mit Menschen, die man umarmt. Durchgestreckt wird der Arm hingegen oft, wenn wir etwas Unerwünschtes von uns drücken.

"Erinnerungen werden auf verschiedenen Ebenen gespeichert", sagt Johannes Michalak, Psychologieprofessor von der Universität Hildesheim. "Emotionale Informationen werden verknüpft mit körperlichen Repräsentationen. Somit sind bestimmte Bewegungen oder Haltungen assoziiert mit Gefühlszuständen." Michalak spricht von einem Gedächtnisnetzwerk. "Wird ein Knoten in diesem Netzwerk aktiviert, etwa durch die Körperhaltung, dann werden automatisch auch die anderen Knoten aktiviert, wie die emotionale Information."

Das verzerrt die Aufmerksamkeit für neue Informationen. Michalak hat gezeigt, dass Menschen sich positive Begriffe besser merken können, wenn sie aufrecht sitzen oder schwungvoll gehen. Sitzen sie dagegen zusammengesunken oder schlurfen vor sich hin, ist ihre Aufmerksamkeit für negative Wörter erhöht. "Die körperliche Veränderung führt dazu, dass unser Informationsverarbeitungssystem anders konfiguriert wird", sagt Michalak. "Wenn ich eine positive Haltung einnehme, wird eher das System für die Verarbeitung von positiven Informationen konfiguriert."

So kurios die Versuche auch anmuten, sie sind weit mehr als unterhaltsame Grundlagenforschung. Aus den Erkenntnissen der Forscher können sich Ansätze für neue Therapien ergeben. Johannes Michalak will untersuchen, ob ein spezielles Bewegungstraining möglicherweise gegen Depressionen hilft oder Rückfällen vorbeugen könnte. Er hat festgestellt, dass Depressive langsamer und gebeugter gehen als psychisch gesunde Menschen. Das Problem: "Wenn man depressiv geht, dann werden auch eher negative Gefühlszustände aktiviert", sagt Michalak. Möglicherweise können Depressive auch deshalb nur so schwer aus ihrer negativen Welt ausbrechen, weil ihr Bewegungsmuster sie darin gefangen hält.

Sogar Menschen, die eine Depression überwunden haben, zeigen zu einem gewissen Grad noch immer ein depressives Gangmuster, fand Michalak heraus. Er befürchtet, dass Rückfälle dadurch begünstigt werden. Die Patienten müssten daher nicht nur ihre Denkweise verändern, sondern auch lernen, sich wieder anders zu bewegen. Schon jetzt belegen Studien, dass achtsamkeitsbasierte Psychotherapien, die auch das Körperbewusstsein schulen, das Rückfallrisiko Depressiver mindern. "Bisher ist aber unklar, welche Rolle die gesteigerte Körperwahrnehmung dabei spielt", sagt Michalak. Er will diese Lücke schließen und die Wirkung eines Gehtrainings für Depressive erforschen.

Dass gezielte Bewegungen kurzzeitig die Stimmung Depressiver heben, hat die Psychologin Sabine Koch im Rahmen ihrer Habilitation an der Universität Heidelberg gezeigt. Koch erforscht die Wirkung des Tanzens bei psychischen Störungen und fand heraus, dass ein israelischer Kreistanz mit ausgeprägten Hüpfbewegungen depressive Symptome von Patienten vorübergehend lindern konnte. "Weil bei Depressiven die vertikalen Bewegungen so eingeschränkt sind, wollten wir sie gezielt dazu bringen, sich stärker auf und ab zu bewegen", sagt Koch, die heute Professorin für Tanztherapie an der SRH Hochschule Heidelberg ist.

In ihrer Experimentreihe variierte sie den Bewegungsablauf und fand so heraus, dass tatsächlich das Hüpfen die positiven Gefühle auslöste. Auch mit Angstpatienten erprobte Koch verschiedene Tanzstile. Bei ihnen wirkten vor allem Wiege-Rhythmen angstreduzierend. "Bewegungen von Seite zu Seite, am besten im Dreivierteltakt, linderten die Angst am besten", sagt Koch. Sie schlägt vor, Tanzübungen gezielt in Psychotherapien einzubinden, etwa zu Beginn oder Ende der Sitzungen.