Fast 46 Jahre lang lebte Johanna Schrenk* im falschen Körper. Mit einem kräftigen Jungskörper raufte sie sich früher auf dem Pausenhof, später zeugte sie drei Kinder mit ihm. Aber der Körper passte nicht zu ihr. Denn Johanna, die damals noch Christoph hieß, fühlte sich: wie eine Frau. "Ich versuchte klarzukommen mit dem, was die Natur vorgegeben hatte", erinnert sich Schrenk heute. Mit 24 lernte Christoph eine Frau kennen, sie kamen sich näher, heirateten, bekamen drei Kinder. Eine Zeit lang ging das gut. Er war jetzt Vater und Ehemann, das war die Realität, mit der er sich Tag für Tag zu arrangieren versuchte.

Als Christoph Schrenk im Alter von 32 Jahren zum ersten Mal von einer geschlechtsangleichenden Operation liest, kommt die Vergangenheit wieder hoch. Doch nun ist da etwas, das schwerer wiegt: die Verantwortung gegenüber der Familie. Die Kinder sind damals erst wenige Jahre alt. Womöglich, denkt er, würden seine Frau und die Kinder bleibende Schäden davontragen, wenn der Ehemann und Vater sich plötzlich in eine Frau und zweite Mutter verwandelte.

Erst 14 Jahre später, im Jahr 2002, Schrenk ist inzwischen 46 Jahre alt, wird der innere Leidensdruck so stark, dass er Hilfe sucht. "Ich habe eine Psychotherapie gemacht, fast ein Jahr lang, und habe mich vor meiner Familie geoutet." Die Angehörigen sind sprachlos. Und entsetzt. "Später unterstützten sie mich, so gut sie konnten." Aber erst einmal ist Schrenk weitgehend auf sich allein gestellt.

Nach der Psychotherapie besucht Christoph Schrenk an der Universitätsfrauenklinik Wien eine Sprechstunde für transidente Personen. So nennen Mediziner Menschen, deren gefühlte Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht ihres Körpers übereinstimmt. Er bringt alle Voraussetzungen mit, die nötig sind für eine Hormontherapie, die sein Geschlecht umwandeln soll: eine psychiatrische Diagnosestellung, eine entsprechende Psychotherapie. "Zusätzlich muss durch umfassende Untersuchungen geprüft werden, ob der Patient geeignet ist für eine Hormontherapie", sagt Ulrike Kaufmann, Ärztin mit dem Schwerpunkt endokrinologische Gynäkologie, die heute die Transidenten-Sprechstunde am Universitätsklinikum Wien leitet. Christoph Schrenk besteht auch diesen Test.

Im August 2003 beginnt er mit seiner Hormontherapie. Er nimmt täglich sogenannte Antiandrogene, die die Wirkung seiner männlichen Geschlechtshormone hemmen – allen voran Testosteron. Zusätzlich bekommt er weibliche Hormone. Er lässt sich regelmäßig untersuchen. Eine der Hauptnebenwirkungen von Östrogenen können Blutgerinnsel sein, die in die Lunge wandern und dort Gefäße verschließen. Sie treten selten auf, können aber lebensgefährlich sein.

Schon nach zwei Wochen spürt Christoph Schrenk, wie das Hormon beginnt, seinen Körper zu verändern. Er wird zur Sie. Die Brustwarzen werden empfindlich, die für Östrogen sensiblen Zellen sprechen an, die Brust fängt an zu wachsen. Bald beginnt das Fett in seinem Körper vom Bauch in die Hüften zu wandern. Die Haut wird feiner, die Behaarung am Oberkörper und an den Beinen geht zurück, bis nur noch ein Flaum aus zarten Härchen bleibt. "Es war, als würde ich eine zweite Pubertät durchmachen", erzählt Schrenk.

Die hormonellen Veränderungen haben auch Auswirkungen auf die Psyche. "Ich dachte immer, das wäre ein Klischee, aber ich wurde tatsächlich emotionaler, habe häufiger geweint", sagt Schrenk. Nicht bei allen, aber zumindest bei Schrenk verändert sich auch die sexuelle Orientierung.