An einem Nachmittag im April sitzen zwei Männer in einem Sprechzimmer des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und hecken einen Plan gegen das Sterben aus. Peter Kruse* ist der Patient, in einem blauen Aktenordner hat er seine Krankheitsgeschichte mitgebracht. Matthias Rostock ist der Arzt, er hat an diesem Tag schon sieben Patienten gesehen, Brustkrebs bis Hirntumor. Alles normal, könnte man denken. Doch an seinem Türschild steht etwas Ungewöhnliches: "Komplementärmedizin". Für viele Universitätsärzte ist das gleichbedeutend mit Voodoo.

"Was ist Ihr Anliegen?", fragt Matthias Rostock.

Peter Kruse schlägt seinen Ordner auf. "Ich bin mitten in der Bestrahlung", sagt er und erzählt die Kurzfassung seiner Leidensgeschichte.

Vor einigen Monaten wurde ihm ein Tumor an der Prostata wegoperiert, aber dabei haben die Chirurgen nicht alle Krebszellen erfasst. Deshalb wird er jetzt täglich bestrahlt, insgesamt 37 Mal. Ein Bekannter hat ihm erzählt, er habe den Prostatakrebs mit Acai-Beeren besiegt, aber das könne er nicht glauben, sagt Kruse: "Das verbuche ich unter Wunderheilung." Andererseits ist er enttäuscht, dass seine Ärzte ihm keinen Rat geben, was er noch gegen den Krebs tun kann. Kruse, 70 Jahre alt, ist Verkehrsplaner. Er sagt: "Bei uns versteckt man sich gern hinter den DIN-Normen, wenn man nicht weiter weiß. Die Ärzte haben dafür ihre Leitlinien."

Er isst jetzt kaum noch Reis, Kartoffeln, Nudeln, verzichtet auf Süßigkeiten und Alkohol, kauft Eiweißbrot. So könne man den Tumor aushungern, steht im Internet. Aber stimmt das wirklich?

Matthias Rostock war früher mal Heilpraktiker, dann studierte er Medizin, heute arbeitet er als Onkologe am Hamburger UKE und am Universitätsspital Zürich. "Die Bestrahlung hat Sinn", sagt er zu Kruse. Wenn man die weglasse, sei das Risiko, dass der Krebs wiederkomme, zu hoch. Die kohlenhydratarme Diät sei "eine zusätzliche Option", solange Kruse sich dabei wohlfühle und kein Gewicht verliere. 

Weihrauchextrakt und grüner Tee

Und dann kommt Rostock auf Granatapfel zu sprechen. In zwei Studien hätten sich positive Effekte von Granatapfelsaft bei Prostatakrebs gezeigt. "Ob die Wirkung auch bei Ihnen eintritt, kann aber keiner sagen." Anderen Patienten hat er auch schon mal Weihrauchextrakt, grünen Tee oder homöopathische Globuli empfohlen. Und das in einer universitären Lehranstalt, in der es um Wissenschaft gehen soll und nicht um Hokuspokus wie Homöopathie!

Der Graben zwischen Komplementärmedizin und Universitätsklinik ist tief, manche sagen: Er ist eher eine Schlucht, unüberwindbar. Matthias Rostock will das ändern, und er ist nicht allein: Mehrere Universitätskliniken bieten neuerdings eine komplementärmedizinische Beratung für Krebspatienten an. Kokon (Kompetenznetz Komplementärmedizin in der Onkologie) heißt das Pilotprojekt, das die Deutsche Krebshilfe unterstützt. Sie hat 2,5 Millionen Euro spendiert, um Standards für die Beratung zu entwickeln und die angeblich sanfte Medizin wissenschaftlich zu bewerten. Das ist nicht ganz neu, doch es gibt noch ein anderes Ziel: Sie möchte auch dafür sorgen, dass Krebspatienten nicht in die Hände von Scharlatanen geraten.

Das Vorhaben ist umstritten. Zum einen ist die Wirksamkeit der Alternativmedizin oft nicht belegt, zum anderen werden an den Universitäten die Ärzte ausgebildet. Wenn es schlecht läuft, schleusen Naturheilkundler und Homöopathen auf diesem Weg fragwürdige Therapien in Deutschlands Arztpraxen ein. Wenn es gut läuft, dann ist dies der Anfang einer Medizin, die sich der Komplementärmedizin öffnet, wo diese wirklich etwas nutzt. Integrative Medizin heißt diese Vision, unter der allerdings jeder etwas anderes versteht.

Die Komplementär- und Alternativmedizin (abgekürzt CAM für complementary and alternative medicine ) propagiert Dutzende Therapien für die Behandlung von Krebs. Anhänger der B17-Therapie etwa schlucken bis zu 60 Aprikosenkerne am Tag, weil deren Inhaltsstoffe angeblich Tumorzellen abtöten.

Anthroposophische Ärzte empfehlen gern Mistelextrakte, die man sich unter die Haut spritzt. Andere Schulen schwören auf vergorenen Tee, Vitamin-C-Infusionen, Bachblüten, Akupunktur, Pilze oder Enzym-Gemische. Oft sollen sie Nebenwirkungen einer Chemo- oder Strahlentherapie lindern, also begleitend (komplementär) zu einer Standardtherapie angewendet werden, manchmal werden sie jedoch als Alternative zu konventionellen Medikamenten empfohlen.

Die Misteltherapie: "Völliger Unfug"

Der Kulturkampf zwischen Anhängern und Gegnern der Alternativmedizin hat damit ein neues Level erreicht. Wer eine Erkältung mit dem weitgehend wirkungslosen Echinacea behandelt, wird daran nicht sterben. Wer dagegen einen Tumor mit Pilzen oder Globuli zu bekämpfen versucht, schiebt vielleicht eine lebensverlängernde Chemo- oder Strahlentherapie zu lange hinaus.

Bislang tragen die Patienten den Widerstreit der sanften und der konventionellen Medizin meist mit sich selbst aus. Das Robert-Koch-Institut schätzt die Zahl der Neuerkrankungen auf 480.000 im Jahr. Rund jeder zweite Krebspatient in Deutschland nutzt zusätzlich zur Standardbehandlung eine CAM-Therapie oder sogar mehrere davon, Tendenz steigend. Das ergab ein Vergleich von 15 Studien aus dem Zeitraum 1985 bis 2005. Patienten mit einem Hirntumor nehmen am häufigsten homöopathische Mittel, gefolgt von Nahrungsergänzungsmitteln und Weihrauchextrakt. Von den Brustkrebspatientinnen spritzen sich rund 40 Prozent Mistelextrakte unter die Haut.

Die Misteltherapie gehört zu den am besten erforschten und doch umstrittenen Naturheilmitteln für Krebspatienten. An ihr zeigt sich exemplarisch, warum die neue Allianz mit der Komplementärmedizin heikel ist – und trotzdem nutzen kann.

In der Sprechstunde von Matthias Rostock stellte sich eine 39-jährige Brustkrebspatientin vor, die bereits eine Operation und einen Teil der Chemotherapie hinter sich hatte. Sie hatte acht Kilo abgenommen, fühlte sich antriebslos, weinte oft grundlos und litt unter entzündeten Schleimhäuten. Ein Beratungsdienst der Alternativszene empfahl ihr, die Chemo abzubrechen und auf Mistelextrakte umzustellen. Die behandelnden Onkologen warnten: Die Inhaltsstoffe der Mistel könnten das Tumorwachstum sogar noch fördern.

Krebs mit Mistelextrakt zu bekämpfen war eine Idee Rudolf Steiners: Aus vagen Analogien zwischen Misteln im Baum und Tumoren im Körper leitete der Begründer der Anthroposophie 1920 die Forderung ab, die Mistelmedizin müsse das "Chirurgenmesser" ersetzen. Die Firma Weleda, die mit anthroposophischen Arzneimitteln knapp 100 Millionen Euro Umsatz macht, behauptet heute ähnlich wie die Gesellschaft anthroposophischer Ärzte, die Therapie könne die Metastasenbildung behindern.

Aus wissenschaftlicher Sicht sei das "völliger Unfug", sagt Josef Beuth von der Universität Köln. Der Professor leitet das Institut für Naturheilkunde und erforscht seit mehr als 20 Jahren die Wirksamkeit von Komplementärmedizin. Die Eiweißstoffe der Mistel stimulieren das Immunsystem. "Aber das ist nicht immer wünschenswert", sagt Beuth. Bei den Krebsarten des Blut- und Lymphsystems könne eine Misteltherapie bösartige Zellen des Immunsystems zum Wachstum anregen. Bei anderen Krebsarten, wie Brustkrebs, könnten Mistelpräparate jedoch nützlich sein, wenn das Immunsystem nach einer Chemo- oder Strahlentherapie geschwächt ist. "Das betrifft allerdings nur fünf bis zehn Prozent der Patientinnen", sagt Beuth. Dass die Misteltherapie viel beliebter ist, führt er auf Lobbyarbeit zurück, "die ist gigantisch".

Matthias Rostock ist weniger zurückhaltend. Zur Misteltherapie hat er eine Meta-Analyse mitverfasst. 80 Mistelstudien haben er und seine Kollegen gesichtet. 13 Studien hatten erforscht, ob die Misteltherapie die Überlebenszeit verlängert. Sechs davon fanden Hinweise darauf, aber sie waren methodisch mangelhaft. 16 Studien hatten untersucht, ob eine Misteltherapie die Lebensqualität verbessert. 14 davon fanden Hinweise darauf, aber nur zwei Studien von ein und derselben Forschungsgruppe waren von höherer Qualität.

Diese hatten untersucht, wie Brustkrebspatientinnen in Osteuropa eine Chemotherapie vertragen, wenn sie parallel dazu Mistelextrakte spritzten: Sie fühlten sich weniger antriebslos und waren etwas zuversichtlicher als diejenigen einer Vergleichsgruppe, die stattdessen ein Placebo gespritzt hatten. Selbst diese Studien waren nicht makellos. Sie wurden vom deutschen Hersteller des Mistelextrakts finanziert und von einem Mitarbeiter der Firma mit verfasst. "Das ist aber kein Gegenargument", sagt Rostock: "Diese Praxis ist auch in der Schulmedizin verbreitet."

Seiner 39-jährigen Patientin riet er, die Misteltherapie begleitend zur Chemotherapie einzusetzen. Die Frau vertrug die Spritzen gut – und setzte dann auch die Chemotherapie fort.

Diese Erfahrung machen die Kokon-Forscher oft. Patienten, die mit ihrem Wunsch nach sanfter Medizin ernst genommen werden, folgen auch der konventionellen Medizin besser. Es klingt paradox, aber vielleicht können skeptische Ärzte so am besten verhindern, dass ihre Patienten auf Quacksalber hereinfallen: indem sie die Komplementärmedizin umarmen, zumindest ein wenig.

Man wüsste nun gerne, welche CAM-Therapie die Forscher für welche Tumorart empfehlen, aber so einfach ist das nicht. "Wir richten uns immer nach der wissenschaftlichen Evidenz, aber eine Empfehlung bezieht auch die Erfahrung des Arztes und den Wunsch des Patienten mit ein", sagt Markus Horneber vom Klinikum Nürnberg, der Leiter des Kokon-Projekts. Wenn der Patient auf ein Naturpräparat schwört, dessen Wirksamkeit umstritten ist, für das es aber Erfahrungen aus der ärztlichen Praxis gibt, würde er nicht unbedingt davon abraten. "Das kann auch mal heißen, dass jemand auf eines der Medikamente gegen Übelkeit verzichtet und stattdessen eine Akupunktur macht."

Horneber hat eine der ersten komplementärmedizinischen Beratungsstellen eingerichtet. Jetzt sitzt er im Büro von Matthias Rostock, ein freundlicher Mann mit weißen Haaren, und zitiert Paul Watzlawick: "Ich kann nicht nicht kommunizieren." Soll heißen: "Man kann schon dadurch helfen, dass man zuhört." Wo zieht er eine Grenze? "Da, wo möglicherweise ein Schaden entsteht." 60 Aprikosenkerne am Tag? "Davon rate ich ab." Es drohe eine Blausäurevergiftung.

"Die Komplementärmedizin kann Schaden anrichten"

Ist das nun die "sprechende Medizin", die den Patienten nicht belehrt, sondern seine Bedürfnisse ernst nimmt? Oder ist es die opportunistische Medizin, weil sie macht, wonach Patienten verlangen?

"Die Komplementärmedizin kann Krebs nicht heilen", sagt der CAM-Forscher Edzard Ernst, der mit Markus Horneber und anderen das Informationsangebot cam-cancer.org aufgebaut hat. "Sie kann aber Schaden anrichten." In seinem Blog stellte Ernst vor Kurzem eine norwegische und eine südkoreanische Studie mit insgesamt rund 1.000 Patienten vor, denen zufolge der Gebrauch von CAM mit einer schlechteren Lebensqualität und teilweise kürzeren Überlebenszeiten einherging.

"Aus den Daten kann man keine Kausalität ableiten", sagt der emeritierte Professor, das Ergebnis sei aber plausibel: "Vielleicht haben Patienten statt einer wirksamen Therapie eine unwirksame Alternative gewählt. Oder die Selbstmedikation hat die klassische Therapie unterminiert." Johanniskraut etwa, ein Naturheilmittel gegen Depression, kann den Abbau von Medikamenten beschleunigen und eine Chemotherapie unwirksam machen. Eine weitere Erklärung: Vielleicht setzen schwerkranke Patienten häufiger auf Komplementärmedizin als weniger stark erkrankte. Sie sterben dann früher, ohne dass CAM die Ursache sein muss.

Man muss Matthias Rostock in den Schwarzwald begleiten, um eine Ahnung von den Risiken der sanften Heilmethoden zu bekommen. In Freudenstadt veranstaltete der Zentralverband der Ärzte für Naturheilverfahren (ZAEN) Anfang dieses Jahres eine Konferenz über "biologische Krebsmedizin". Im Foyer des Kurhauses scannt ein Firmenvertreter Freiwillige mit einer Drahtschlaufe ab. "Störfeldscreening", sagt er, die Frau des Bürgermeisters habe er so gegen Migräne behandelt, und gegen Knochenbrüche helfe das auch. Andere Aussteller werben für Kurkumasaft oder "Vitalpilze".

Im Theatersaal haben sich die Ärzte eingefunden, die Veranstaltung wird als Fortbildung anerkannt. ZAEN-Präsident Rainer Stange vom Immanuel-Krankenhaus Berlin kündigt Matthias Rostock an. Der habe es geschafft, "mitten im Herzen des Gegners" eine komplementärmedizinische Sprechstunde zu etablieren, so sieht man das hier. "Vielen Dank, Matthias, dass du gekommen bist."

"Wir kochen in Eppendorf auch nur mit Wasser", sagt Rostock und berichtet vom Kokon-Projekt. Er zitiert klinische Studien über grünen Tee, Weihrauchextrakt, Misteltherapie und Granatapfelsaft. Sein Mantra: Es gibt beeindruckende Therapieeffekte, aber es braucht mehr Forschung. Nach dem Mittagessen macht er sich auf den Heimweg. Die Bühne gehört jetzt den Wunderheilern.

Der Leiter einer homöopathischen Klinik am Neckar erklärt die vermeintliche Heilung von Krebs mit homöopathischen Q-Potenzen und spielt die Videobotschaft einer 92-jährigen Brustkrebspatientin vor, die eine Strahlentherapie einst zugunsten der Homöopathie abgelehnt hatte. Ein Allgemeinarzt aus Wiesbaden will Blasenkrebs mithilfe von Vitamin-C-Infusionen geheilt haben. Und der Leiter einer Marburger Tagesklinik behauptet, er könne 200 Laborwerte "quantenphysikalisch messen" und Tumoren mit Strom bekämpfen. Am Ende des Tages wundert man sich, was Ärzte in Deutschland an todkranken Menschen alles ausprobieren dürfen.

Das zeigt: Bevor die komplementärmedizinische Behandlung von Krebspatienten zum Standard wird, sind noch viele ethische Fragen zu klären. Das Kokon-Projekt hätte dazu beitragen können, doch der Ethikteil wurde abgelehnt. Begründung der Krebshilfe: Die Vorarbeiten dazu waren nicht ausreichend.

*Name von der Redaktion geändert