ZEIT Wissen: Herr Savulescu, lassen Sie uns über Liebe sprechen.

Julian Savulescu: Die Liebe? Verbesserungsbedürftig.

ZEIT Wissen: Warum?

Savulescu: Die Evolution hat uns Eigenschaften gegeben, die uns als Jägern und Sammlern geholfen haben, unsere Art zu erhalten. Wir blieben gerade lange genug am Leben, um Kinder zu haben und ihnen unser Wissen weiterzugeben. Heute jedoch leben wir viel länger als nötig ist, um uns fortzupflanzen. Heute wollen wir im Ruhestand Golf spielen und sexuell aktiv bleiben. Manche Menschen wollen in Beziehungen leben, die 40 Jahre halten.

ZEIT Wissen: Falls diese Menschen es nicht schaffen, treu zu bleiben, was sollen sie tun?

Savulescu: Das natürliche Muster für menschliche Beziehungen ist serielle Monogamie. Wer in einer monogamen Beziehung leben möchte, die viele Jahrzehnte hält, der sollte sie biologisch unterstützen. Sie könnten sich selbst so manipulieren, dass Sie treuer und bindungsfester werden – darauf konzentriert sich ein Großteil der Forschung. Es gibt sogar Wirkstoffe gegen Lust. Manche strenggläubigen Juden in Israel nehmen das Antidepressivum Prozac, um ihr sexuelles Interesse zu reduzieren und nicht von ihren religiösen Studien abgelenkt zu werden. Wenn es um Treue geht: Für Polygamie sind Menschen zwar nicht gemacht, aber sie könnten an ihrer Eifersucht drehen, sodass sie in einer offenen Beziehung leben und auch selbst mehrere Partner haben können – und jeder von ihnen das toleriert.

ZEIT Wissen: Was meinen Sie damit: "sich selbst manipulieren"?

Savulescu: Wir wissen, dass Berührungen, Massagen und Stillen das Bindungshormon Oxytocin freisetzen. Affen verbringen Stunden damit, einander zu berühren – und binden sich damit aneinander. Menschen tun das heute nicht mehr. Ich sage nicht, dass dies der einzige Grund ist, warum die Hälfte aller Beziehungen scheitert. Aber ich glaube, wir sollten von der Wissenschaft lernen: Wer es wünscht, sollte sich das fehlende Oxytocin zum Beispiel durch ein Nasenspray zuführen können, um seine Bindung zu festigen.

ZEIT Wissen: Warum geben wir die Ideale von Treue und lebenslangen Beziehungen nicht einfach auf, wenn sie kaum erreichbar sind?

Savulescu: Man kann sich auch dafür entscheiden, diese Ideale aufzugeben. Aber wenn man das auf die Medizin übertrüge, müsste man sagen: Na gut, wir erkranken an Krebs, wir werden herzkrank, daran ist wenig zu ändern. Vergessen wir also die Medizin, leben wir mit unseren Beschränkungen! Das wollen die Leute aber nicht. Und in ihren Beziehungen wollen sie miteinander glücklich sein. Der Evolution war dieses Glück nicht wichtig. Sie hat uns nicht dafür ausgelegt, dass wir jahrzehntelange Beziehungen führen und füreinander sorgen.