Bleibt die letzte Frage: Warum riskieren Mächtige so oft ihren Job, indem sie eine Affäre anfangen? Ein Grund könnte sein: Männer und Frauen mit hohem Machtstreben haben laut einer Studie einen stärkeren Sexualtrieb als weniger machthungrige. Das liegt daran, dass sowohl Macht als auch Sex einen Anstieg des Hormons Testosteron bedingen, das wiederum das Belohnungsnetzwerk des Gehirns aktiviert – und das will daraufhin immer mehr vom Dopamin, das bei Glücksgefühlen ausgeschüttet wird.

"Macht ist ein Aphrodisiakum", sagt der Neurowissenschaftler Ian Robertson, "manchmal verlieren Politiker sogar völlig die Kontrolle." Das Problem: Dopamin beeinflusst den Bereich des Gehirns, der sich um Aufmerksamkeit und Zukunftsplanung kümmert. Bekommt dieser zu hohe Dosen ab, leidet die Urteilsfähigkeit. Ein Teufelskreis in den Abgrund beginnt. Der macht immerhin Spaß – bis zum Aufschlag.

Macht macht egozentrisch

Sicher ist: Macht verändert alle, die Macht haben. Wie Mächtige die Welt sehen, darauf hat der Sozialpsychologe Adam Galinsky in einem kleinen, einprägsamen Experiment Hinweise gegeben. Er teilte seine Probanden in zwei Gruppen auf: Die eine beschrieb sich als mächtig, die andere als machtlos. Nachdem den Versuchspersonen zur Ablenkung einige Fragen gestellt wurden, bat Galinsky sie, sich mit einem Filzstift so schnell wie möglich den Buchstaben E auf die Stirn zu schreiben. Sie hatten also zwei Möglichkeiten: entweder das E spiegelverkehrt zu zeichnen, dass ihr Gegenüber es lesen konnte – oder so, dass sie selbst es "lesen" konnten. Das Resultat: Die mächtige Gruppe malte das E dreimal öfter als die Machtlosen so, dass es ihrer eigenen Perspektive entsprach.

Mächtige sehen sich also allzu oft als Mittelpunkt der Welt. "Macht zu erfahren scheint fast augenblicklich die Fähigkeit zu mindern, die Perspektive von anderen einzunehmen", sagt Galinsky. "Man kann Machterfahrung als einen Vorgang beschreiben, bei dem jemand einem den Schädel öffnet und den Teil herausnimmt, der besonders wichtig für Empathie und sozial angemessenes Verhalten ist", sagt der Psychologieprofessor Dacher Keltner aus Berkeley.

Sein Kollege Paul Piff hat herausgefunden, wie Macht soziale Distanz steigert. In einem Experiment hat er das Mitgefühl gegenüber leidenden Mitmenschen gemessen – es sank mit zunehmender Machtfülle und Einkommen. In einem anderen Experiment, einem Würfelspiel, mogelten Spieler mit einem höheren sozialen Status "viermal mehr als andere", wie Piff sagt, "und das, obwohl es nur 50 Dollar zu gewinnen gab. Das zeigt, wie sehr der Status Selbstbezogenheit und unethisches Verhalten fördern kann."

Er kann sogar körperliche Veränderungen bewirken. Eine Studie der Columbia University hat gezeigt, dass Führungskräfte logen, ohne dass sie die dafür typischen Körperreaktionen zeigten. In ihrem Speichel konnte das Stresshormon Cortisol nicht nachgewiesen werden – was normal gewesen wäre. Sie waren also, obwohl sie die Unwahrheit sagten, nicht von ehrlichen Menschen zu unterscheiden. Und: Oft finden sie ihre Lüge auch gar nicht schlimm. "Sie legen an das Verhalten anderer höhere Maßstäbe an, während sie für sich selbst schon mal fünf gerade sein lassen", sagt die Organisationspsychologin Myriam Bechtoldt.

Der ehemalige britische Außenminister und Neurologe David Owen hat die Theorie des "Hybris-Syndroms" entwickelt – einer Persönlichkeitsstörung, die Mächtige heimsucht, die zu lange im Amt sind. Margaret Thatcher und Tony Blair zeigten laut Owen Symptome des Syndroms, nämlich: narzisstische Selbstbezogenheit; die Tendenz, die Interessen des Landes mit den eigenen als identisch zu sehen; Omnipotenzgefühle; die Tendenz, sich eher Gott verantwortlich zu fühlen als einer irdischen Institution; Realitätsverlust und zunehmende Isolation.

Zudem neigen Politiker zu übertriebener Risikobereitschaft. Studien haben gezeigt, dass Machthaber Informationen, die ihr Vorhaben behindern, weniger wahrnehmen als Fakten, die es fördern. Das, so Wissenschaftler der Universität von Southern California, kann aber auch gute Seiten haben. Sie stellten ihre Probanden vor die Wahl: Wollt ihr heute 100 Dollar? Oder vielleicht in einem Jahr 125 Dollar?

Sie nahmen an, dass sich die meisten für die erste Option entscheiden würden – für den sprichwörtlichen Spatz in der Hand. Das bestätigte sich – allerdings nicht bei Menschen, die sich in einer Machtposition befanden. Diese beschlossen weitaus öfter, auf die 125 Dollar zu warten. Temporal discounting nennen das die Forscher: Mächtige scheinen besser in der Lage zu sein, sich ihr zukünftiges Ich – etwa in einem Jahr – als positiv vorzustellen. Alles wird gut, bin ja ich. Eine Erklärung: Sie sind mehr als andere in der Lage, diese Situation zu beeinflussen.

"Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht", hat Abraham Lincoln gesagt – und recht damit gehabt. Haben Gruppen eine Wahl, ermächtigen sie besonders häufig Menschen, die hilfsbereit, ehrlich und offen sind. Einmal an der Macht, entwickeln diese sich jedoch oft zu intriganten, selbstsüchtigen Despoten. "Moralische Identität" nennt die Organisationsforscherin Katherine DeCelles den entscheidenden Faktor. In einer Studie hat sie herausgefunden: Ist dieser moralische Index bei Menschen niedrig, steigt die Wahrscheinlichkeit von Machtmissbrauch – ist er hoch, dann kann ein Land oder ein Unternehmen sehr von einem Machthaber profitieren. "Dann kann eine Machtposition das Beste aus einem Menschen herausholen", sagt DeCelles – und empfiehlt, diesen moralischen Faktor bei der Berufung von Führungspersonal zu berücksichtigen.