Hunde sind prädestiniert für solche Dienstleistungen. Als sich ihre Ahnen vor 15.000 Jahren den Steinzeitmenschen anschlossen, brachten sie bereits wichtige Voraussetzungen für die Zusammenarbeit mit. Die Rudeltiere waren soziale Wesen, die miteinander kooperierten und Hierarchien anerkannten. "Diese günstigen Eigenschaften wurden durch die Haustierzucht noch verstärkt", sagt der Verhaltensbiologe Udo Gansloßer von der Universität Greifswald. Dass sie besonders gern mit Menschen zusammenarbeiten, ist längst genetisch verankert.

Das hat die Zoologin Dorit Feddersen-Petersen von der Universität Kiel in einer Studie beschrieben. Darin verglich sie ein Wolfsrudel mit einer Gruppe Straßenhunde, die nicht an Menschen gewöhnt waren. Die Pfleger sollten sich so wenig wie möglich mit ihnen abgeben und nicht auf sie eingehen. Dennoch wurden die Artgenossen für die Hunde uninteressant, sobald sich ein Mensch näherte: Sie suchten – ganz anders als die Wölfe – sofort Kontakt zu dem Fremden. "Ein Leben mit wenig Nähe zu Menschen ist für Hunde schwer erträglich", sagt die Wissenschaftlerin. Sie brauchten diese Bindung.

Das ließ sich auch biochemisch nachweisen. Schon die Stimme des Menschen sorgt dafür, dass beim Hund Oxytocin ausgeschüttet wird. Umgekehrt bewirkt der Hund, dass das Beziehungshormon, das etwa die Bindung von Mutter und Kind oder Liebespaaren fördert, auch beim Menschen aktiviert wird. Denn das Tier fordert Körperkontakt ein. Das fühlt sich für beide Seiten gut an, weil es jeweils die Hormonausschüttung bewirkt und so die Verbindung stärkt. Zudem wird die Produktion des Glückshormons Serotonin angeregt, das die Psyche des Menschen stabilisieren hilft. "Leo ist nicht nur mein Assistent, sondern auch ein Freund für meine Seele", sagt Regina Bosse.

Allein die Anwesenheit eines Hundes bewirkt, dass signifikant weniger vom Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird. Der Blutdruck sinkt, der Mensch entspannt sich. Wenn ein Hund etwa am Schulunterricht teilnimmt, steigt die Konzentration der Schüler. Das haben US-Studien gezeigt.

"Im angloamerikanischen Raum ist die Arbeit mit Tieren im pädagogischen und therapeutischen Bereich viel weiter verbreitet und wird von der Wissenschaft viel weniger angezweifelt als hier", sagt die Ärztin Anke Prothmann von der Kinderklinik der Universität München. Zuvor hat sie an der Universität Leipzig zum Einsatz von Hunden in der Kinderpsychiatrie geforscht. Sie stellte fest: Hunde als Helfer bewähren sich unter anderem bei Kindern, die an Depressionen, Autismus oder aggressiven Verhaltensstörungen leiden.

Prothmanns Forschung hat dazu beigetragen, dass Minna einen Traumjob bekam. Mit fliegenden Ohren nimmt die Labrador-Hündin die blau-gelbe Hürde, kriecht durch einen Plastiktunnel, absolviert auf Handzeichen den ganzen Parcours: In der Kinder- und Jugendpsychiatrie Lüneburg lässt Ergotherapeut Shane Down die Hündin von Kindern mit ADHS durch den Hindernislauf dirigieren. Sie lernen dabei, sich zu konzentrieren und klare Anweisungen zu geben – andernfalls versteht das Tier sie nicht mehr.

Auch bei anderen Erkrankungen bewährt sich die schokobraune Minna. Shane Down erinnert sich an einen neunjährigen Asperger-Patienten. Tagelang beobachtete der Junge, versteckt hinter einem Busch, wie die anderen Kinder mit der Hündin trainierten. Mit keinem anderen Angebot hätte der Ergotherapeut den kleinen Autisten erreichen können, das Tier bot ihm endlich die Gelegenheit. Das Kind entwickelte sogar ein besonderes Einfühlungsvermögen für Minna.

Der positive Einfluss der Labrador-Hündin überzeugte Chefarzt Alexander Naumann davon, noch einen zweiten Hund zu engagieren. Anders als die sportliche Minna ist der Spanische Wasserhund Karlsson eher schüchtern. Er leistet häufig den essgestörten Jugendlichen Gesellschaft, die erst mal das Haus nicht verlassen dürfen, weil sie möglichst wenig Kalorien verbrauchen sollen. Die vorsichtige Annäherung des Hundes, dann das Gefühl, das weiche, lockige Fell auf der eigenen Haut zu spüren, seine warme Nähe ebnen den Weg zum verschütteten Körpergefühl. "Unsere Hunde dienen als Türöffner zum eigentlichen Therapieprozess", sagt Naumann.

Dass sich Hunde so gut für den Einsatz in der Kinderpsychiatrie eignen, hat mit ihrem scharfen Blick für den Menschen zu tun. Schon im Rudel kommt es darauf an, die anderen genau zu beobachten. Die Fähigkeit, kleinste Veränderungen in Mimik und Körpersprache zu registrieren und darauf zu reagieren, wenden die heutigen Hunde auf uns an. "Was wir sagen, steht oft in Widerspruch zu unseren Gefühlen", sagt die Zoologin Feddersen-Petersen. Hunde ließen sich davon nicht täuschen: "Ob wir wollen oder nicht, wir werden von ihnen hervorragend gelesen." Sie sind Experten für nonverbale Kommunikation.

Dabei kommt ihnen ihr spezielles Sehvermögen zugute. Während der Mensch 25 Einzelbilder pro Sekunde bereits als Ablauf wahrnimmt, sind es beim Hund 40 bis 50. "Er kann die winzigsten Bewegungen erkennen, die wir gar nicht sehen", sagt der Verhaltensbiologe Gansloßer. Zudem ist das Sehzentrum seines Gehirns auf Bewegungen fokussiert. Denn evolutionsbedingt soll er fliehende Beutetiere blitzschnell erkennen. Auch davon profitiert er beim Beobachten der menschlichen Mimik und Gestik.

Ein Strahlen huscht über Kaja Louwiens Gesicht, wenn sie von der Arbeit spricht. Die 26-Jährige ist Landschaftsgärtnerin. "Mein absoluter Traumberuf!" Der Gedanke, ihn aufgeben zu müssen, war für sie ein Albtraum. Doch der Arzt riet ihr dazu. Zwar wirkt die blonde junge Frau kräftig genug für die anstrengende Arbeit, bei der sie Bäume und Büsche pflanzt, Rasenflächen anlegt oder Terrassen baut. Doch sie ist Diabetikerin, seit ihrem fünften Lebensjahr. In dem strapaziösen Job beschreibt ihr Blutzuckerspiegel einen bedrohlichen Zickzackkurs.