Kaja Louwien zählt zu den rund fünf Prozent der 250.000 Typ-1-Diabetiker in Deutschland, die im Laufe der Jahre eine Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung entwickelt haben. Zwar nimmt sie eine starke Überzuckerung wahr, doch vor allem, wenn sie körperlich sehr gefordert ist, merkt sie zu spät, dass sie unterzuckert ist – was zur Bewusstlosigkeit führen und lebensgefährlich sein kann. Um dennoch weiter in ihrem Beruf arbeiten zu können, sah sie nur eine Chance: Sie brauchte einen Hund, der sie warnt. Spontan verliebte sie sich in einen tapsigen Labrador-Welpen mit ungewöhnlich fuchsrotem Fell. Jetzt begleitet Baya sie täglich zur Arbeit.

Im August vergangenen Jahres startete Bayas Unterricht in einer Hundeschule, die auf die Ausbildung von Blinden- und von Warnhunden spezialisiert ist. Und auch zu Hause trainierte Kaja Louwien mit ihrem Welpen. Wenn sie wieder mal unterzuckert war, wischte sie den Schweiß mit Mulltupfern ab und bewahrte die Duftprobe in einer verschlossenen Plastikdose auf. Baya musste die versteckten Kompressen später in der Wohnung suchen.

Sobald sie ihren Erfolg bellend meldete, gab es eine Belohnung. Die Hündin verknüpfte den Geruch mit dem Lautgeben – und einem Leckerbissen. Im November weckte sie erstmals nachts ihre Besitzerin, weil deren Zuckerwert bedenklich gesunken war. "Für meinen Freund ist es eine Riesenerleichterung, dass jemand auf mich aufpasst, während ich schlafe", sagt Louwien.

Wenn ein Diabetiker stark überzuckert ist, können auch Menschen einen Geruch wahrnehmen. Die Unterzuckerung hingegen können sie nicht riechen – anscheinend anders als ein Hund. Sie bemerken allenfalls die nervöse Fahrigkeit oder eine lallende Sprache. Dem Hund, der genau beobachtet, wird das auch ein wichtiges Indiz sein. Doch speziell nachts muss er sich wohl auf seine Nase verlassen.

"Die Geruchswelt des Hundes ist uns weitgehend verschlossen", sagt Feddersen-Petersen. "Er kann sogar aus unserem Geruch auf unsere Stimmung schließen." Während Menschen über vier bis sechs Quadratzentimeter Riechschleimhaut verfügen, hat etwa ein Schäferhund 180 Quadratzentimeter, mit denen er kleinste Nuancen unterscheiden kann. Zudem nimmt der für das Riechen zuständige Bereich ein Zehntel seines Gehirns ein, während es bei uns nur ein Prozent ist. Gerade diese weitgehend unerforschten Vorgänge im Hirn machen es schwierig, eine Hundenase – etwa für die Krebserkennung – elektronisch nachzubauen.

Bislang gibt es keine fundierten wissenschaftlichen Studien, die sich mit Diabetiker-Warnhunden befassen. Werner Scherbaum zweifelt dennoch nicht an deren Fähigkeiten. Der emiritierte Professor war bis vor Kurzem Leiter der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie an der Universität Düsseldorf. Dort hatte er eine Patientin, deren Zuckerspiegel nachts häufig massiv absank. Einer ihrer beiden Schäferhunde schlug dann immer Alarm. Der Ehemann, von Beruf Krankenpfleger, konnte seiner Frau daraufhin Glukagon spritzen, es brauchte kein Notarzt zu kommen.

Scherbaum war so beeindruckt, dass er nach weiteren Hunden mit diesem Talent fahndete. Er stieß deutschlandweit auf 33 Tiere. Gern hätte er mehr über ihre Fähigkeiten gewusst. "Aber als Humanmediziner können wir eine experimentelle Forschung mit Hunden nicht machen", sagt er. Das Problem beginne bei den strengen Hygienevorschriften in Krankenhäusern – was für den Kinderpsychiater Naumann sogar die größte Hürde beim Einsatz seiner Therapiehunde war.

Immerhin wurde jetzt eine Studie in den USA gestartet. Die Endokrinologin Dana Hardin hatte auf dem Kongress der American Diabetes Association eine kleine Arbeit über einen Diabetiker vorgestellt, der zwei Wochen vor und sechs Wochen nach Eintreffen seines bereits ausgebildeten Warnhundes genau beobachtet wurde – Tiffy reduzierte die gefährliche Unterzuckerung des jungen Mannes auf null. Jetzt soll Hardin herausfinden, was genau die Hunde riechen. Finanziert wird das Projekt von dem Pharmagiganten Eli Lilly, der auf Diabetes-Präparate spezialisiert ist.

Während der Schulzeit galt Claudia Meiners* als Träumerin. Heute weiß die 39-Jährige, dass schon damals epilepsiebedingte kleine Absencen sie vom konzentrierten Lernen abhielten. Erkannt wurde die Erkrankung, als sie 25 war: Eines Abends, sie war mit Freunden unterwegs, traf sie unerwartet ein erster schwerer Anfall, ein Grand Mal. Seither hat sich die Frequenz solcher Attacken immer mehr erhöht, inzwischen auf zwei oder drei pro Woche.

Die zarte blonde Frau zählt zu dem knappen Drittel der etwa 500.000 Epileptiker in Deutschland, dem Medikamente nicht zuverlässig helfen. Sie muss mit der ständigen Gefahr leben, schwer zu stürzen und sich dabei zu verletzten. "Es ist eine schreckliche Situation, wenn man in einer Blutlache zu sich kommt, sich nicht bewegen und keine Hilfe rufen kann", sagt Meiners. Rund zweimal pro Monat kam sie wegen der Verletzungen ins Krankenhaus. Bis vor einem Jahr: Seit Willow bei ihr lebt, geschah das nur noch ein einziges Mal – da habe sie nicht auf ihn gehört. Ihr Warnhund habe eine Trefferquote von 100 Prozent, sagt sie.