An den Tag, an dem sein neues Leben begann, erinnert sich Helmut Meisel* gut. Es war ein frostiger Dezembertag, Meisel saugte gerade Staub, als sich plötzlich ein Feuer in seiner Brust auszubreiten schien. Er verlor das Bewusstsein und kam erst in der Klinik wieder zu sich. Herzinfarkt. Die Ärzte hatten ihn gerade noch retten können. "Es war wie eine Wiedergeburt, ich empfand ein extremes Glücksgefühl", sagt Meisel heute. "Durch das Fenster sah ich auf einen Baum, der hatte nur noch ein einziges Blatt. Doch auch in ihm würde das Leben bald wieder erwachen – dieser Gedanke rührte mich zu Tränen."

Der damals 66-Jährige blickte auf sein Leben zurück, auf die "träge Selbstzufriedenheit, das ewige Fressen" und entschloss sich zu einer radikalen Veränderung. Aus dem Krankenhaus zurück, begann der 120 Kilo schwere Mann, Sport zu treiben und weniger zu essen. In nur acht Monaten nahm er mehr als 35 Kilo ab. Auch heute, sieben Jahre später, wiegt Meisel noch 25 Kilo weniger als vor dem Infarkt – und gehört damit zu den seltenen Ausnahmen im oft erfolglosen Kampf gegen den Speck.

Mehr als die Hälfte aller Deutschen ist nach herrschender Definition übergewichtig oder fettleibig, jeder Dritte wäre gern schlanker. Mit den Schlanken assoziieren wir Gesundheit, Attraktivität und Erfolg, dicke Menschen gelten als willensschwach. Viele schämen sich zutiefst für ihr Äußeres. Doch viele Abnehmversuche sind vergebens. Wer seinen Körper mit Fastenkuren traktiert, sich mit eiserner Disziplin auf Idealmaß herunterhungert, muss oft letztlich doch dabei zusehen, wie die Kilos wiederkommen, mit den Jahren sogar mehr werden. Selbst die Wissenschaftler sind frustriert. Nach jahrzehntelanger Forschung und endlosen Debatten um Fette, Kohlenhydrate und Ballaststoffe ist selbst bei langfristig angelegten und medizinisch betreuten Programmen die Bilanz so ernüchternd, dass Fachleute zunehmend infrage stellen, ob sich dicke Menschen überhaupt mit den sinnlosen Diäten quälen sollten.

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Und doch gibt es Erfolgsgeschichten wie die von Helmut Meisel. Sein Fall zeigt, dass das scheinbar Unmögliche gelingen kann – wenn man einen Faktor für sich nutzen kann: die Macht der Psyche. Beim Essen sind körperliche Bedürfnisse aufs Engste mit Stimmungen und Emotionen, Traditionen und Gewohnheiten verknüpft. Nur wer sich die Seele zur Verbündeten macht, kommt weiter.

Auch Helmut Meisel hatte jahrelang erfolglos gegen seine Pfunde gekämpft. Der Mann, der diszipliniert ein Jurastudium absolviert hatte, im Beruf erfolgreich war, ein Haus gebaut und Kinder großgezogen hatte – gegen die eigenen Essgelüste war er machtlos. Nach Diäten nahm er stets wieder zu.

Erschlankte Menschen müssen sich gegen grundlegende Mechanismen in ihrem Gehirn zur Wehr setzen, die für unser Überleben unabdingbar sind. Das Gefühl von Hunger und Sättigung entsteht im Hypothalamus, der Dutzende von Körpersignalen verarbeitet. Der Körper meldet ihm etwa, wie gut die Vorratsspeicher gefüllt sind. Die Fettzellen produzieren das sättigende Hormon Leptin – je mehr Fett, desto mehr Leptin im Blut. Dicke Menschen sind jedoch unempfindlicher gegenüber Leptin, weshalb sie noch Hunger verspüren, wenn andere längst den Teller beiseiteschieben. Hat man länger nichts gegessen, produziert zudem die Magenschleimhaut das Hormon Ghrelin. Normalerweise sinkt der Pegel nach einer Mahlzeit, nach einer Diät aber haben Menschen ständig mehr von dem Hunger-Hormon im Blut. Wer abgenommen hat, dem knurrt der Magen, auch wenn er normal isst. Vehement fordert der Körper die verlorenen Pfunde zurück.