Was du nicht weißt … – Seite 1

Jedes Jahr kommt für Barack Obama der Tag, an dem er erfährt, wie viele neue Geheimnisse er hat, wie viele zusätzliche Papiere den Stempel "geheim" tragen. 73.477 waren es im vergangenen Jahr – so wenige wie noch nie. 1991, George Bush Senior ist Präsident, häuft die amerikanische Regierung jährlich noch 511.868 Geheimnisse an. Mehr als eine halbe Million! So viele wie nie zuvor oder danach. Wie viele Geheimnisse braucht ein amerikanischer Präsident?

Einige Hundert Jahre zuvor tritt ein Bote der Königin aus einem Wald ins Freie. Er erblickt ein Häuslein, vor dem ein Feuer brennt, und um das Feuer hüpft ein Männchen auf einem Bein. Es ruft: "Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!" Der Bote hastet zur Königin. Bald darauf war Rumpelstilzchen einmal. Es hatte sein Leben an ein einziges Geheimnis geknüpft – und das war nur sicher, solange es gänzlich unausgesprochen war. Ein Märchen der Brüder Grimm.

2003 findet ein Vater das Tagebuch seines Sohnes, der sich erhängt hat. Er stößt darin auf ein Geständnis: Fünf Jahre zuvor hat Bart Heesbeen vier Männer getötet. Die Polizei konnte den Fall nicht aufklären, Heesbeen kam davon, doch er konnte mit der Last nicht mehr leben. "Ihre Augen verfolgen mich", hatte er seinem Tagebuch anvertraut, "ich hoffe, ich finde nun Ruhe."

Drei Fälle, dreierlei Geheimnisse: Viele Tausende zum Schutz eines Volkes, eines zum Lernen fürs Leben und eines, das am Ende den Tod brachte. Jeder kennt solche Geschichten, jeder kennt Geheimnisse, und jeder hat welche. Vielleicht nicht so große, entscheidende, aber dafür kleine und viele, die eigene Welt bewegende. Beste Freundinnen, Könige, Teenager, Pförtner, Anwälte: Der Mensch scheint weise genug zu sein, etwas für sich zu behalten. Und umsichtig genug, zu wissen, dass seine Geheimnisse stets in Gefahr sind, verraten, aufgedeckt oder abgehört zu werden. Von Whistleblowern. Von Kriminellen. Von Arbeitskollegen.

Unsere Geheimnisse sind immer von potenziellen Feinden umzingelt. Um sie herum lauern Neugier, Misstrauen, böser Wille und die reine Lust an der Enthüllung, und alle warten nur auf eine Gelegenheit: die halb offene Zimmertür, die unverschlossene Schublade, den USB-Stick in der Jackentasche. Warum sind so viele Menschen hinter Geheimnissen her? Warum brauchen wir sie überhaupt? Oder anders: Was ist das Geheimnis hinter den Geheimnissen?

Die Konkurrenz zwischen privat und öffentlich, zwischen Nähe und Distanz ist etwas zutiefst Menschliches. Diese Spannung macht uns aus, sie bringt uns weiter – als Individuum, als Gesellschaft und als Spezies. "Das Geheimnis ist eine der größten geistigen Errungenschaften der Menschheit", formulierte der Soziologe Georg Simmel im Jahr 1906. "Jede Art von Kultur beginnt damit, dass eine Menge von Dingen verschleiert wird. Der Fortschritt des Menschen hängt an diesem Verschleiern", wusste Friedrich Nietzsche bereits im 19. Jahrhundert. Und heute schreibt die amerikanische Psychiaterin Gail Saltz: "Geheimnisse geben uns einen sicheren Hafen, der uns die Freiheit erlaubt, herauszufinden, wer wir sind."

Wir lernen das früh. Von anderen Menschen, aus Märchen, aus Filmen und aus Zeitungen. Wir lernen: Geheimnisse geben uns die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, welcher Mensch wir für andere Menschen sein wollen. Und welcher eben nicht.

Wir brauchen Geheimnisse, um erwachsen zu werden

Das alles beginnt mit ungefähr vier Jahren. Bis zu diesem Alter gehen wir davon aus, dass andere alles über uns wissen – ein unmündiger Zustand, in den uns die Geheimdienste derzeit wieder zurückversetzen. "Je mehr wir dann lernen, eine gewisse Kontrolle über die Welt um uns herum auszuüben" – etwa indem wir lernen, Nein zu sagen –, "wird uns klar, dass wir Dinge über uns selbst wissen, die unsere Eltern nicht wissen", schreibt Gail Saltz in ihrem Buch The Anatomy of a Secret Life. Das ist ein entscheidender Moment: Das Geheimnis wird früh zum wichtigen Baustein unserer Identität. Es ist der Beginn der Selbstabgrenzung.

Die frühen Jahre unseres Lebens gleichen also den dunkleren, unaufgeklärten Epochen der Menschheitsgeschichte. Eltern sind unsere Könige und Götter. Sie bestimmen, was ist und was wird, sie sind Mysterien, allwissend und undurchschaubar – wie Regenten und Religionen. Gott offenbart sich zwar in der Bibel, aber er lässt auch Dunkel, das wir nicht erhellen können. Und gleich in der zweiten Sure des Korans steht: "Dieses Buch, an dem es keinen Zweifel gibt, ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen, die an das Verborgene glauben." Die Arabistin Angelika Neuwirth von der Freien Universität Berlin sagt: "Das Geheime ist im Islam Teil des Glaubensbekenntnisses."

Martin Luther ist der Erfinder des Geheimnis'

Das Wort "Geheimnis" hat Martin Luther ins Deutsche eingebracht, als Übersetzung von "Mysterium". "Geheim" kommt von "zum Haus gehörig, vertraut". Schon früh hatten hohe Häupter Sekretäre als Geheimschreiber, als Vertraute. Die Mächtigen wissen seit je um den Wert des Geheimnisses. Und um den Wert der Heimlichkeiten anderer. Bereits die Römer bauen ihre Steinbrüche so, dass sich Sklaven stets beobachtet fühlen mussten. Im Jahre 1650 schlägt der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher vor, in die Mauern fürstlicher Paläste Hörrohre einzubauen, um die Gespräche der Untertanen belauschen zu können.

Bei kleinen Kindern drehen sich Geheimnisse noch eher um Gegenstände, etwa um Teddys unter dem Kopfkissen, um Süßigkeiten oder die Lage von guten Verstecken. Gail Saltz schreibt: "Wenn ein Kind aufbricht, die Welt zu erobern, und sich von seinen Eltern zu lösen beginnt, findet es Freunde in Kindergarten und Schule. Dort helfen ihm die Geheimnisse nicht nur, seinen Platz zu finden und Beziehungen zu steuern – ihm wird auch bewusst: geschickt eingesetztes Wissen verleiht Macht."

Später geht es viel mehr um Gefühle, vor allem um Scham und um die weitere Abgrenzung gegenüber Mutter und Vater. Der Teenager wird für die Eltern zur Blackbox – und das muss so sein. Nach einer Studie der Sozialpsychologin Catrin Finkenauer von der Freien Universität Amsterdam sind Teenager, die Geheimnisse vor ihren Eltern haben, emotional autonomer. Allerdings haben sie eher psychische Probleme – ein Effekt, der sich aber verflüchtigt, wenn sie ihre Geheimnisse mit Freunden teilen.

"Geheimnisse setzen Grenzen und erhöhen die Unabhängigkeit", sagt Finkenauer, "beide Prozesse sind notwendig in der Jugend." Außerdem lehren sie zu schweigen, sie disziplinieren. Sie schaffen ein Ich und ein Du, ein Die und ein Wir. Eltern sollten ihren Kindern im Teenageralter ihre Geheimnisse lassen: Je mehr sie ihnen hinterherschnüffeln, desto mehr schotten diese sich vor ihnen ab, hat der Sozialpsychologe Skyler Hawk von der Universität Utrecht herausgefunden. Nicht umsonst hängt an den Türen vieler ehemaliger Kinderzimmer Sprüche wie "Sperrgebiet für Eltern!" oder "Kein Zutritt!".Verschlusssache Pubertät.

Geheimnisse sind aber auch das Bindemittel, das Vertrauen und damit eine Basis schafft. "Menschen steuern so den Verlauf der Grenzen, die sie um sich herum ziehen, und wen sie hineinlassen", sagt Finkenauer, "Geheimnisse sind die Währung der Freundschaft." 70 Prozent der privaten Geheimnisse, hat sie herausgefunden, werden zumindest mit einer Person geteilt. Und das stärkt die sozialen Bande. Das haben auch der Psychologe James Pennebaker und seine Kollegen von der University of Texas in Austin in einer noch nicht veröffentlichten Studie festgestellt. Sie analysierten dafür den E-Mail-Verkehr von Menschen, die ein Geheimnis mit einer anderen Person teilten. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass ein solches gemeinsames Geheimnis den Kontakt intensivierte und die Zahl der ausgetauschten Mails erhöhte.

Geheimsprachen für Männer und Frauen

Geheimnisse schaffen soziale Räume auch zwischen Gruppen – und das aus verschiedensten Gründen in allen Kulturen. Weltweit gibt es Familiengeheimnisse, die das soziale Ansehen der Mitglieder schützen. Staaten kooperieren strategisch bei geheimen Aktionen. Und wer Batman privat ist, dürfen nur wir wissen, nicht die Einwohner von Gotham City.

Gänzlich vom Geheimnis geprägt ist das Volk der Senufo, das im Norden der Elfenbeinküste lebt. Die Hütten in deren Savannendörfern stehen dicht gedrängt, oft bestehen sie nur aus einem Raum, Geheimnisse sind hier schlecht zu bewahren. Es bietet sich an, Heimliches außerhalb des Dorfs zu besprechen. Unter vier Augen. Doch die Senufo haben noch einen anderen Weg gefunden: Männer und Frauen sprechen jeweils eine Geheimsprache. Und die besteht aus ganz normalen Worten und Begriffen – die jedoch in der geheimen Sprache eine andere Bedeutung haben. "Die Tränen in den Augen des jungen Mannes fließen" etwa bedeutet: "Etwas muss nun getan werden."

"Man kann sich so auf dem Marktplatz unterhalten, und Umstehende merken gar nicht, dass überhaupt eine geheime Sprache verwendet wird", sagt der Ethnologe Till Förster von der Universität Basel. Wie überall auf der Welt gibt es aber auch bei den Senufo Dinge, die jeder weiß, über die aber niemand spricht. Außereheliche Affären zum Beispiel. "Geliebte" heißt bei ihnen "ce laráw", "verborgene Frau". Die Senufo haben ein schönes Bild für ein solches öffentliches Geheimnis: Es ist "wie ein Stein, der im Wasser liegt". Jeder sieht ihn, wer ihn aber anfasst, macht sich die Hände nass.

Wahrheit, die nicht in Büchern steht

Am anderen Ende der Welt, in Japan, hat sich in früheren Jahrhunderten sogar eine ganze "Kultur des Geheimnisses" entwickelt, die bis heute nachwirkt. "Das System beruhte darauf, dass es einen Meister und einen Schüler gibt – und dass man Wissen nur durch den Beweis erlangt, dass man es wert ist, eingeweiht zu werden. In ein Handwerk, in die Künste der Kalligrafie oder der Teezeremonie", sagt der Japanologe Jörg Quenzer von der Universität Hamburg. Die Auswirkungen: Bis heute ist in Japan unwidersprochen, dass Bildung etwas kostet. Und es gibt für manche Wissensgebiete keine Einführungsbücher. "Das wird schriftlich nicht niedergelegt", sagt Quenzer, "die Studenten müssen vor Ort sein und den Professoren zeigen, dass sie tieferes Interesse haben."

Drei können ein Geheimnis nur für sich behalten, wenn zwei davon tot sind.
Benjamin Franklin

Geheimnisse festigen also Machtverhältnisse und den Zusammenhalt von Gruppen. Benjamin Franklin hat zwar richtig gesagt, dass "drei ein Geheimnis nur für sich behalten können, wenn zwei davon tot sind" – aber das loyale Band kann äußerst stark sein. Auch im Schlechten. Schließlich sind Geheimnisse die Grundlage jedes großen Verbrechens. "Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein, und trotzdem werden wir in der Öffentlichkeit nie darüber reden", sagt Heinrich Himmler 1943 vor SS-Offizieren: "Ich meine die Ausrottung des jüdischen Volkes." Es steht "das Böse mit dem Geheimnis in unmittelbarem Zusammenhang", hat Georg Simmel treffend geschrieben.

Um etwas geheim zu halten, das uns unangenehm oder für uns gefährlich ist, nutzen wir das Geheimnis wohl am meisten – zum Selbstschutz: Weil wir insgeheim etwas sind oder getan haben, das uns gesellschaftlich ruinieren könnte. Weil unsere private Identität unsere soziale Integrität beschädigen könnte. Wir verbergen etwas, weil wir befürchten, ansonsten nicht mehr gemocht oder respektiert zu werden. Ich bin nicht homosexuell. Ich bin nicht arbeitslos. Ich bin nicht in dieser Straße aufgewachsen. Ich habe kein Aids.

Als Erwachsene haben Geheimnisse häufig mit Scham zu tun, etwa mit sexuellen Wünschen, die wir vor dem Partner verbergen. Oder mit Empfindungen, die wir nicht äußern. "Wenn wir uns in einer Beziehung nicht sicher fühlen und negative Konsequenzen erwarten, dann halten wir Dinge geheim", sagt Catrin Finkenauer, "und dabei spielt es dann keine Rolle, ob es um einen Strafzettel oder sexuellen Missbrauch geht." Niemals habe ich mit deiner Frau geknutscht! Ich habe doch gesagt, dass ich nicht mehr trinke! Ich habe dem Chef nichts erzählt! Verliebt, ich?

Nicht alles dem Therapeuten erzählen

"Wir könnten nicht mehr sein, wer wir sind, wenn alle wüssten, was wir waren." So bringt der Soziologe Alois Hahn auf den Punkt, was droht, wenn ein Geheimnis auffliegt. Und möglicherweise könnten wir ohne Geheimnisse auch nicht werden, wer wir gern sein wollen. Diese These vertritt die Psychologin Anita Kelly von der University of Notre Dame in Indiana. Sie fand Indizien dafür, dass sogar Patienten ihrem Psychotherapeuten gewichtige Dinge vorenthalten. Zumindest taten dies in einer Studie von ihr 40 Prozent der Befragten. "Sie verschwiegen etwa, dass sie noch immer mit einer Person schliefen, die sie eigentlich nicht mehr treffen wollten", sagt Kelly.

Und sie ist sicher: Geheimnisse vor Therapeuten sind nicht unbedingt schlecht. Bei den Patienten, die ein Geheimnis hüteten, besserten sich die psychischen Symptome sogar schneller, zeigte ihre Studie. "Wenn sie ein idealisiertes Bild von sich selbst zeichnen, damit der Therapeut sie positiver beurteilt, dann hilft ihnen dies womöglich dabei, tatsächlich diese Person zu werden", vermutet Kelly. Das Geheimnis wirkt wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. "Die Patientin denkt, dass sie langfristig aufhören wird, diesen Typen zu treffen. Aber sie ist eben noch nicht so weit." Sie nimmt mit diesem Geheimnis eine Identität für sich in Anspruch, die sie gern hätte – und die sie gerade dadurch womöglich eher erreichen wird. Kelly will ihre These nicht als Aufforderung zur Heimlichkeit verstanden wissen. Menschen, die grundsätzlich anderen wenig über sich anvertrauen, werden häufiger krank – das zeigen zahlreiche Studien. Aber ein Geheimnis muss nicht immer schlecht sein. Manches ist im Verborgenen gut aufgehoben.

Das Geheimnis hat nicht nur für uns einen Nutzen, sondern immer auch für andere. Die interessieren sich brennend dafür. Sie arbeiten daran, dass es auffliegt. Es gibt diese anderen seit Anbeginn der Zeiten, spätestens seit Erfindung der Sprache. Denn nichts ist reizvoller als eine vermutete Heimlichkeit. Mitunter entwickeln wir eine regelrechte Obsession für Geheimes. Automagazine sind voll heimlich geschossener Fotos von "Erlkönigen", von streng geheimen Modellen, die erst entwickelt werden. Richtig scharf werden wir, wenn wir jemandem misstrauen, der allzu integer erscheinen wollte. Wenn ein Mensch nicht zugeben will, dass sein Geheimnis keines mehr ist: Der Abschlussbericht 1998 zur Affäre von Bill Clinton mit Monica Lewinsky umfasste mehr als 600 Seiten und enthielt über 1.200 Fußnoten. In der Plagiatsaffäre von Karl-Theodor zu Guttenberg war das Wiki gutten.plag am Ende 4.221 Seiten lang und listete 1.218 Plagiatsfragmente aus 135 Quellen auf.

Geheimnisse machen sexy – und krank

Andererseits leben viele Firmen sehr gut von Geheimnissen. Vor allem Apple. Da sind sie Teil des Marketings und der Unternehmenskultur. Nichts darf nach draußen dringen bis zur offiziellen Vorstellung eines Produkts. Sollen sich die Leute doch ihre eigenen Vorstellungen machen: Gerüchte sind Werbegold. Als ein Blog Informanten 100.000 Dollar für Informationen über das damals noch nicht vorgestellte iPad bot, meldete sich kein Mensch. Aus der Firma heraus war das auch nicht zu erwarten: Apple soll einen internen Geheimnis-Sicherungstrupp unterhalten haben, ein Spitzel-Netz, das Gerüchten über Geheimnisverrat sofort nachging und Verdächtigte überprüfte – weltweit. Währenddessen fieberten Hunderttausende der Präsentation von Steve Jobs entgegen. Apple hat die Zeremonie ums Geheimnis perfektioniert und scheint damit etwas in uns zu berühren.

"Das gemeinste Ding ist voller Schönheit, wenn man es nur versteckt", schreibt Oscar Wilde in Dorian Gray. Bereits in den 1970er Jahren gab es dazu in Kanada ein verblüffendes Experiment: Männer verfolgten darin eine ihnen unbekannte Frau und sollten sie beobachten. Die Wissenschaftler ließen manche der Männer in dem Glauben, die Frau sei ahnungslos, anderen wurde gesagt, die Verfolgte wisse Bescheid. Und siehe da: Wenn die Männer davon ausgingen, dass sie die Frau heimlich verfolgten, fanden sie das nicht nur aufregender, sondern die Frau auch sympathischer.

Nichts macht den Menschen argwöhnischer, als wenig zu wissen.
Francis Bacon

Ein ähnliches Experiment stammt von dem Harvard-Psychologen Daniel Wegner. Er ließ Männer und Frauen am Tisch miteinander Karten spielen und wies einige von ihnen an, heimlich mit dem Spielpartner (jeweils vom anderen Geschlecht) unter dem Tisch zu füßeln, um Informationen auszutauschen. Hinterher fanden sich die Heimlichfüßler gegenseitig attraktiver. Und es war nicht allein das Füßeln, das die Attraktivität steigerte – es war das gemeinsame Geheimnis. Wegner vermutete, dass der Reiz von Affären zum Teil schlicht darin liegen könnte, dass sie geheim sind.

Doch Vorsicht: Wer seine Attraktivität daraus zieht, sich mysteriös zu geben, der sollte damit aufhören, sobald etwas Festes daraus geworden ist. Frischverheiratete lesen nämlich tendenziell umso eher heimlich die SMS oder E-Mails ihrer Partner und wühlen in deren Sachen herum, je weniger diese von sich aus selbst offenbaren. Bereits vor dreihundert Jahren schrieb der Philosoph Francis Bacon: "Nichts macht den Menschen argwöhnischer, als wenig zu wissen."

Geheimes erscheint auch wichtiger

Wie der Reiz des Verborgenen unser Urteilsvermögen beeinflusst, hat der Psychologe Mark Travers von der University of Colorado mit Kollegen erforscht: Die Wissenschaftler haben Studienteilnehmern Regierungsunterlagen vorgelegt, etwa über Verkäufe von Kampfjets, die früher einmal geheim waren, inzwischen aber öffentlich zugänglich sind. Manche Dokumente präsentierten sie als "geheim", andere als "öffentlich". So konnten sie nachweisen, dass allein der Aktenvermerk "geheim" dazu führte, dass die Probanden die Informationen für wichtiger hielten als solche, die angeblich öffentlich waren. Ebenso schätzten sie politische Entscheidungen, die aufgrund geheimer Informationen gefällt worden waren, für richtiger ein. "Sie benutzten das vermeintlich Geheime als Indiz für Qualität", sagt Travers.

Überrascht hat ihn das nicht. Das Gehirn verlässt sich häufig auf Faustregeln, die ihm die Arbeit erleichtern. "Wenn wir ein kompliziertes Problem lösen müssen, zum Beispiel die Qualität von Informationen beurteilen sollen, dann benutzen wir Heuristiken", sagt Travers. Das Wort "geheim" ist eine solche Heuristik. In vielen Fällen mag diese sogar verlässlich sein, schließlich bieten exklusive Informationen oftmals strategische Vorteile. Doch das menschliche Gehirn scheint auch dann dieser Regel zu folgen, wenn sie gar nicht angemessen ist.

Gehen auch Experten und Entscheidungsträger dem Geheimnis in die Falle? Schätzen diese eine inhaltlich weniger bedeutsame, aber geheime Information als höherwertiger ein als eine tatsächlich relevante, aber öffentlich zugängliche Information? Das wollen Travers und seine Kollegen in einer Folgestudie mit Mitarbeitern von Nachrichtendiensten klären.

Wieso Agenten nicht zuhören können

Einen Hinweis, dass das so sein könnte, liefert Daniel Ellsberg, der 1971 Regierungsgeheimnisse über den Vietnamkrieg an die Öffentlichkeit brachte. In seinen Memoiren beschreibt er die Realitätsverzerrung von Personen, die Zugang zu wichtigen Geheimdokumenten haben. "Besitzer einer 'security clearance' hören sehr schnell auf, Menschen zuzuhören, die eine solche nicht besitzen", schreibt er, "es geht nur noch darum, diesen Menschen durch geschicktes Lügen zu verschweigen, was man wirklich weiß. Sie werden also unfähig, von anderen Menschen etwas zu lernen, egal wie wichtig deren Expertise sein könnte."

Geheimnisträger blenden sich mit in ihrer eigenen Wichtigkeit. Hochrangige Beamte einer Demokratie beziehen ihre Identität daraus, zu einem Zirkel von Eingeweihten zu gehören. Dabei wird gerade in den USA derzeit immer klarer: Wenn zu viel geheim ist, ist gar nichts mehr geheim. Auch deswegen will Barack Obama die Zahl der neuen Regierungsgeheimnisse senken. Über den aktuellen Bericht seines Information Security Oversight Office, das dem US-Präsidenten seit 1979 jährlich über den Stand der Geheimnisse auf dem Laufenden hält, kann er erfreut sein: Im vergangenen Jahr hat er sie fast halbiert. Je mehr geheim ist, desto mehr kann aber auch verraten werden. Und das ist immer schlimm: Ein Kind weint, weil sein geheimer Süßigkeitenschatz ausgeraubt wurde. Ehen gehen in die Brüche. Karrieren enden. Menschen sterben.

Dass "die Sterblichen kein Geheimnis verbergen können", schrieb bereits Sigmund Freud – denn "wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen". Es gibt Menschen, die tratschen gern, andere leiden darunter. Geheimnisse können buchstäblich eine Last sein, haben Studien bewiesen: Sollen Menschen in psychologischen Experimenten etwas für sich behalten oder an eines ihrer Geheimnisse denken, dann schwitzen sie mehr und schätzen sogar körperliche Aufgaben als anstrengender ein. Sie halten dann beispielsweise einen Berg für steiler, eine Einkaufstüte für schwerer und Distanzen für weiter. Wenn sie das Geheimnis offenbaren dürfen, verschwindet der Effekt.

Das Moralsystem der Whistleblower

Es gibt auch Menschen, denen liegen Heimlichkeiten besonders schwer auf der Seele. Sie kommen ab einem bestimmten Punkt mit Geheimnissen, die ihnen anvertraut wurden oder in deren Besitz sie gelangt sind, nicht mehr zurecht. Sie müssen nicht gezwungen, von der Stasi verfolgt oder gefoltert werden: Ist das Geheimnis eine zu große (moralische) Bürde, gehen sie los und verraten ihren Vorgesetzten, ihre Truppe, ihr Land. Sie werden zu Whistleblowern, lassen die Alarmglocken schrillen: Ohne den Kriminalrat Sven Gratzik hätten wir einen Beweis weniger dafür, wie blind die deutsche Polizei auf dem rechten Auge sein kann, ohne Sergeant Samuel Provance gäbe es keine Berichte über Abu Ghraib.

Im Zwiespalt zwischen Loyalität und Fairness

Warum jemand zum Whistleblower wird oder nicht, haben die amerikanischen Psychologen Adam Waytz, James Dungan und Liane Young in einer Reihe von Studien untersucht. Ihr Ergebnis: Zwei grundlegende moralische Komponenten, Fairness und Loyalität, geraten miteinander in Konflikt. Und "wer in seinem persönlichen Moralsystem Fairness über Loyalität stellt, wird potenziell eher ein Whistleblower", schreiben die Wissenschaftler. Die beiden Werte ließen sich in den USA sogar Parteipräferenzen zuschreiben: Liberale tendieren eher zur Fairness, Konservative zu Loyalität. "Dies könnte helfen, die unterschiedlichen Reaktionen auf Snowdens Enthüllungen zu verstehen", schreiben die Forscher.

Die Möglichkeiten, ungesehen an Geheimnisse heranzukommen, sind heute größer denn je. Kleiner geworden sind dafür die Chancen, Hinweise darauf zu finden, dass man überwacht wird. Giuseppe Mazzini hatte als Anarchist in England 1844 noch eine Chance, das herauszubekommen: Er füllte Sand, Haare und Mohnsamen in Briefumschläge, die er mit Wachs versiegelte und an sich selbst schickte. Als sie ankamen, waren sie leer – ein Beweis dafür, dass seine Post gelesen wurde. Der Innenminister musste zugeben, dass die Post nicht nur bei Mazzini so verfuhr – ein riesiger Skandal! Schließlich war gerade das Briefgeheimnis im vorigen Jahrhundert in vielen Ländern immer mehr verfeinert worden.

Noch in der Preußischen Postordnung von 1712 waren Briefe nur vor Eingriffen durch die Boten geschützt – bei denen man davon ausging, dass es sie ohnehin nicht interessierte, was in den Briefen stand, weil sie weder Absender noch Empfänger kannten. 1794 erhielt das Regelwerk einen Zusatz: "Die Postbediensteten müssen die ankommende und abgehende Correspondenz verschwiegen halten und mit wem jemand Briefe wechsle keinem andern offenbaren." Da war klar: Es sollte nicht nur geheim sein, was geschrieben wird, sondern auch, wer mit wem Briefkontakt hat. Im Internetzeitalter heißt das "Verbindungsdaten", und die werden, wie wir gerade erfahren haben, fein säuberlich gespeichert, bis sie jemand braucht. Die Datenstaubsauger laufen auf Hochtouren.

Auf der anderen Seite schleppen wir immer mehr mit uns herum, das andere nichts angeht – und ohne das unser modernes Leben nicht funktioniert: Ohne Passwort keine E-Mails, ohne PIN kein Geld am Automaten, ohne Zugangscode ist das Smartphone nur ein Stück Plastik. Wir häufen kleine Geheimnisse an, die große Geheimnisse schützen, und wissen zur selben Zeit, dass sie keine mehr sind. In der aktuellen Ausgabe des amerikanischen Therapeuten-Handbuchs DSM wurde übrigens gerade die Definition verschiedener sozialer Angststörungen revidiert. Früher musste eine Paranoia völlig aus der Luft gegriffen sein. Diese Einschränkung gibt es nicht mehr. Im Zeitalter von Prism und XKeyscore kann man paranoid sein und gleichzeitig richtig liegen.

Ist alles öffentlich, endet das Menschsein

Nie seit der Erfindung der Privatsphäre gab es mehr Geheimnisse als heute. Und nie waren tatsächlich so viele hinter ihnen her – und jeder von uns gehört dazu. Noch bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stieg mit dem öffentlichen Ansehen einer Person ihr Privileg auf Geheimhaltung, heute sind die Nebeneinkünfte von ranghohen Politikern Teil der öffentlichen Debatte. Auch im Privaten "gehört jemand, über den keine exhaustive Datenmenge gesammelt wird, kaum mehr der Welt an", schreibt der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme.

Die Moderne ist angetreten, der Welt ihre Geheimnisse zu entreißen, die Zuspitzung heißt "Wissensgesellschaft". Und da geraten wir in Konflikt mit uns selbst. Denn der Mensch an sich ist nicht modern, er ist in allen Zeitaltern nur: ein Mensch. Und der ist nicht nur fasziniert von Geheimnissen, er braucht das Grundrecht auf Geheimnis, um Mensch zu werden und zu sein. Nicht umsonst haben wir uns umgeben mit Brief-, Steuer-, Bank-, Beicht- und Arztgeheimnissen, dem Datenschutz, der "informationellen Selbstbestimmung". Wir haben zudem das Grundrecht, zu wissen, wenn andere uns unser Verborgenstes abspenstig machen wollen.

Denn eine Welt ohne Geheimnis wäre, wie Hartmut Böhme schreibt, "der absolute Staat. Es wäre die Wüste der Langeweile. Es wäre der augenblickliche Verlust aller Spannkraft. Es wäre eine Welt ohne Liebe, ohne Eros, ohne den Zauber der Attraktion. Es wäre Terror. Es wäre das Wissen als lückenloses Gefängnis."

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.