Seine Patienten werden in einer halben Stunde abgeholt. Rasch rückt Philippe Charlier einen Unterkiefer zurecht, legt ein paar Wirbelkörper in eine graue Kiste, deutet auf einen Schädel in seiner linken Hand. "Charles hatte mächtig Karies." Die Rede ist von Charles d’Orléans, Vater von François dem Ersten, König von Frankreich. Im 400 Jahre alten Oberkiefer des Fürsten prangt ein großes Loch im einzig verbliebenen Backenzahn.

Vor mehr als einem Jahr waren Charlier die Knochen als Sammelsurium menschlicher und textiler Überreste überlassen worden. Der Rechtsmediziner der Universitätsklinik Raymond Poincaré in Garches bei Paris gilt als Superstar der Paläopathologie, eines jungen Forschungsbereichs, der sich mit historischen Leichenfunden beschäftigt und dabei Erkenntnisse aus Medizin, Anthropologie und Archäologie vereint. Mit modernen Analysemethoden rückt Charlier Geschichte in ein neues Licht. Er inspizierte bereits die vermeintlichen Reliquien von Jeanne d’Arc, das einbalsamierte Herz des englischen Königs Richard Löwenherz und den Schädel des französischen Monarchen Henri IV. Und sammelt so viele Erkenntnisse über die Toten wie möglich – Informationen, die irgendwann für immer verloren wären. "Das sehe ich als meine Lebensaufgabe", sagt er.

Seine Arbeit hat ihm den Spitznahmen "Indiana Jones der Friedhöfe" eingebracht, und mit seiner Cargohose, seinem Bart und den abgewetzten Lederschuhen sieht der Pathologe tatsächlich aus, als käme er gerade von einer Ausgrabung. Doch er sitzt in seinem Büro und durchforstet ein letztes Mal die Knochenkiste.

Neben den Gebeinen von Charles d’Orléans holt er auch die Knochen von Jean d’Orléans hervor, dem Vater. Mit dem rechten Zeigefinger fährt Charlier über eine Bruchstelle im Schädel des Fürsten: "Das war vermutlich eine Axt." Was bisher nur aus alten Quellen bekannt war, konnte Charlier erstmals mithilfe wissenschaftlicher Analysen belegen: Hugenotten – französische Protestanten – raubten das Grab des Adeligen Mitte des 16. Jahrhunderts aus, schlugen den Toten mit Fäusten und stachen mit Messern auf seine Überreste ein. Die Protestanten wurden damals unterdrückt, und Jeans Enkel, König François I, hatte mit den Repressalien begonnen. Die Verfolgung der Protestanten gipfelte 1572 in der Bartholomäusnacht, bei der in einer einzigen Nacht allein in Paris 3.000 Menschen ermordet wurden.

Zeugnisse der Vergangenheit hatten es Charlier bereits als Kind angetan. Im Urlaub in Griechenland und Ägypten sammelte er alte Steine und Tonscherben. Im Garten seiner Eltern grub er Löcher in den Rasen und fand als Siebenjähriger das Skelett eines Maulwurfs. Drei Jahre später half er bereits in der Nähe seines Heimatorts bei Grabungsarbeiten. Zunächst durfte er nur den Boden fegen oder den Archäologen ihre Werkzeuge bringen. Bald legte er jedoch sein erstes menschliches Skelett frei.

Nach der Schulzeit musste sich Charlier zwischen dem Studium der Archäologie und der Medizin entscheiden. Beides erlaubten die Eltern nicht. "Mein Vater ist Arzt, meine Mutter Pharmakologin, meine Schwester Medizinerin. Da wählte ich natürlich die Medizin", sagt er. Immerhin durfte er nebenher Kunstgeschichte an der Sorbonne studieren. Und in den Semesterferien half er bei archäologischen Ausgrabungen. "Das war die schönste Zeit im Jahr." Vor allem seine Erlebnisse auf Kreta sollten ihn für immer prägen.

Dort erlebte er als 18-Jähriger, wie Archäologen ein byzantinisches Grab öffneten. Sofort schlug ihnen ein intensiver Geruch entgegen. Eine Melange aus Parfüm, Staub und Gewürzen. "Nach zwei bis drei Sekunden hatte sich der Duft verflüchtigt", erinnert sich Charlier. Diesen Atem der Vergangenheit, so schwor er sich, wollte er für seine Forschung nutzen. Im Jahr 2006 sollte er dazu Gelegenheit erhalten, als er die Reliquien von Jeanne d’Arc untersuchte – jener französischen Nationalheldin, die mit den Franzosen gegen die Engländer und Burgunder in den Krieg gezogen war. Und die im Jahr 1431 auf dem Marktplatz von Rouen bei lebendigem Leibe verbrannt worden war. Jahrhunderte nach ihrem Tod war in einer Pariser Apotheke ein Glas aufgetaucht, das laut Beschriftung die Überreste der Märtyrerin enthielt.

Drei Doktortitel und ein guter Riecher

Den Fund sollte Charlier prüfen. Er bat moderne französische Meister um Hilfe, um den Geruch der Reliquien zu deuten: professionelle Nasen der Parfümindustrie, Sylvaine Delacourte von Guerlain und Jean-Michel Duriez von Jean Patou. Die beiden Maîtres entdeckten, dass den Reliquien ein Hauch von Vanillin entstieg. "Der Duft entsteht nur bei der Verwesung eines Körpers, nie aber bei einer Verbrennung", erklärt Charlier. Daher konnten die rätselhaften Überreste nicht von der Nationalheldin stammen. Bald stellte der Pathologe fest, dass in Wahrheit die Rippe einer ägyptischen Mumie vor ihm lag. Die Grande Nation war um eine Reliquie ärmer; Charlier dagegen wurde schlagartig berühmt.

"Wenn Charlier sich ein Ziel setzt, erreicht er es auch"
Jean Poupon, Toxikologe

Seither ist er ein beliebter Gast in Talkshows und auf Fachtagungen. So wie an diesem Tag, an dem er auf einem internationalen Symposium über Biopathologie in Paris spricht. Bei seinem Vortrag wirft er ein Bild nach dem anderen an die Wand, seine Stimme überschlägt sich fast. Er berichtet von Diane de Poitiers, der wunderschönen Geliebten von Henri II. Um ihre Reize für den rund 20 Jahre jüngeren König zu bewahren, trank die Gräfin in Flüssigkeit gelöste Goldpartikel. Eine Gewohnheit, die sie das Leben kostete, wie Charlier anhand von Haarproben herausfand. "Sie hat sich über die Jahre hinweg mit dem Edelmetall vergiftet", sagt der Pathologe.

Nach dem Vortrag wartet er noch ungeduldig den Dank der Organisatoren ab, die ihm eine herausragende Karriere prophezeien. Mit geneigtem Kopf und verschränkten Händen nimmt er das Lob entgegen. Er wirkt plötzlich sehr jung, wie ein fleißiger Schüler, der eine gute Note bekommen hat. Dann stürzt er davon. Zu seiner Arbeit. "Ich schlafe wenig, mache selten Pause und bin immer in Eile", fasst er selbst seinen Alltag zusammen. Nur so könne er sein Vorhaben umsetzen, so viel wie möglich über die Vergangenheit zu erfahren. "Wenn Charlier sich ein Ziel setzt, erreicht er es auch", sagt der Toxikologe Jean Poupon, der oft mit ihm zusammenarbeitet. Erst im Juni hat Charlier seinen dritten Doktortitel erlangt; er hat nun in Medizinethik, Medizin, und Anthropologie promoviert.

Gerade arbeitet er daran, die Gesichter der Vergangenheit mithilfe neuer Methoden noch besser zu rekonstruieren als bisher. So hat er Aufnahmen des Schädels von Charles d’Orléans im Computertomografen einer Klinik fertigen lassen. Als Nächstes will er Porträtbilder des Aristokraten fotografieren und sie mithilfe eines speziellen Computerprogramms wie Folien über die Röntgenbilder legen. Drei Informatiker arbeiten mit ihm daran, bessere Algorithmen für die Verschmelzung aller Informationen zu finden. Um zu sehen, ob die alten Zeichnungen mit der Anatomie des Schädels übereinstimmen. Um der Vergangenheit wieder ein wenig näher zu kommen.

Bildgebende Verfahren sollen ihm auch mehr über die Erkrankungen der Verstorbenen verraten. "Ich möchte besser beurteilen können, ob eine Veränderung am Skelett vor oder nach dem Tod aufgetreten ist", sagt Charlier. Dafür braucht der Pathologe alte Gebeine, denen er Proben entnehmen kann, und modernste Technik, die ihm bei der Analyse hilft. Auf beides kann er am Muséum national d’Histoire naturelle zugreifen – jenem Museum im Herzen von Paris, das unter anderem Fossilien des Cromagnonmenschen birgt. Dort arbeitet Charlier derzeit für drei Monate. An diesem Morgen hat er einem Homo erectus Proben entnommen. "Die Knochen waren fast eine Million Jahre alt", sagt Charlier. Auch eine 2.300 Jahre alte Mumie aus Mexiko habe er bereits inspiziert.

Dafür begibt er sich meist in den kühlen Keller des Museums, dann läuft er an Skeletten aus aller Welt vorbei, die dort in grauen Büroschränken an Metallhaken hängen. Oft führt ihn sein Weg in einen düsteren Raum, der mit einem Zugangscode gesichert ist. Im Halbdunkel steht dort ein Mikrocomputertomograf. Das kostbare Gerät ist eine Art dreidimensionales Röntgenmikroskop, es kann durch seine hohe Auflösung winzige Tumore oder Gefäßverkalkungen darstellen. Bisher unbekannte Leiden will Charlier mit diesem Apparat entdecken.

Bei besonders rätselhaften Fällen setzt er ein ganzes Team von Fachleuten ein, so zum Beispiel bei einem mumifizierten Schädel, den Journalisten vor drei Jahren im Privatbesitz eines französischen Finanzbeamten aufspürten. In einem Wandschrank hatte das Prachtstück gelegen, jahrzehntelang. Gerüchten zufolge sollte es der Kopf von Henri IV sein, dem als guter König Frankreichs bekannten Bourbonen aus Navarra, der den protestantischen Franzosen nach jahrzehntelanger Verfolgung Religionsfreiheit zugesichert hatte und am 13. Mai 1610 mitten in Paris von einem fanatischen Katholiken erstochen worden war. Sein Schädel galt seit mehr als hundert Jahren als verschollen.

Rasch stellte Charlier eine Mannschaft aus Toxikologen und Genetikern, Anthropologen und Gerichtsmedizinern zusammen, auch seine Ehefrau, eine Radiologin, war dabei. Mittels Radiokarbondatierung und DNA-Analysen, toxikologischer Gutachten und bildgebender Verfahren fahndeten die Experten nach Spuren, die zu Henri IV führten. So fanden sie im linken Oberkiefer des Schädels einen verheilten Knochenbruch – der König war bei einem Mordversuch im Jahr 1594 an dieser Stelle verletzt worden. Die Radiokarbondatierung ergab, dass die Knochen aus der Zeit von 1450 bis 1650 stammten – Henri IV starb im Jahr 1610. Und die DNA-Analyse einer Gewebeprobe wies darauf hin, dass der Verstorbene ein entfernter Verwandter des Königs Louis XVI sein müsse – tatsächlich entstammten Henri IV und der spätere Herrscher beide dem Hause der Bourbonen.

Der Duft des Herzens von Richard Löwenherz

Insgesamt 24 Ergebnisse der Analysen sprachen schließlich dafür, dass sie tatsächlich den Schädel des Monarchen Henri IV gefunden hatten. "Das war mein bislang schwierigster Fall", sagt Charlier – und etwas ließ ihm keine Ruhe: schwarze Flecken am Hals des mumifizierten Kopfes. "Ich konnte mir das nicht erklären", sagt Charlier.

Spektroskopische Untersuchungen ergaben schließlich, dass der Schädel mit Aktivkohle behandelt worden war. "Sie wurde zu Henris Zeiten üblicherweise eingesetzt, um den Verwesungsgeruch der Leiche zu unterdrücken und aus dem Schädel auslaufende Flüssigkeiten aufzusaugen", erklärt der Pathologe ungerührt.

Die Überreste des Monarchen betrachtet er rein wissenschaftlich: "Ich muss meine Gefühle außen vor lassen. Wenn ich mich von der Bedeutung der Funde beeindrucken ließe, könnte ich nicht mehr objektiv arbeiten." Auch als er als erster Wissenschaftler weltweit das einbalsamierte Herz von Richard Löwenherz untersuchen durfte, ging er nüchtern vor. Die Überreste des englischen Königs waren in einem Bleibehälter in der Kathedrale von Rouen gefunden worden, der Basis der englischen Truppen in der Normandie im 12. Jahrhundert. Charliers Analysen ergaben, dass das Herz in Leinen gewickelt und mit Myrte und Gänseblümchen, Minze und Weihrauch, Teeröl und Quecksilber, vielleicht auch Limetten versetzt worden war. "Es ging darum, einen heiligen Geruch zu erzeugen." Der Bischof von Rochester hatte nach dem Tod des Königs nämlich verkündet, dass Richard erst einmal 33 Jahre im Fegefeuer schmoren müsse, bis er dann im März 1232 in den Himmel gelangen könne. "Der heilige Geruch sollte den Aufstieg des berühmten Königs beschleunigen", sagt Charlier.

Der Schädel des Spitzenkochs wartet schon

Durch die Arbeit mit den Leichen habe sich sein persönlicher Umgang mit dem Tod verändert. Noch immer habe er zwar eine gewisse Angst davor, dass seiner Frau oder den Kindern etwas zustoßen könnte. "Vor meinem eigenen Tod aber ängstige ich mich nicht mehr. Stattdessen bin ich neugierig darauf, was mit mir passieren wird." Er sei nicht religiös, doch könne er sich vorstellen, dass es da etwas Größeres gebe als den Menschen. "Wir sind in unseren mentalen Fähigkeiten leider sehr begrenzt. Wir können nicht einmal begreifen, wie die Welt entstanden ist", sagt er. Und klingt verärgert darüber, dass selbst er dem Universum nicht alle Geheimnisse entreißen kann.

Die Mittagssonne brennt auf den Parkplatz, als Charlier endlich die graue Kiste mit den Knochen in das Auto des zuständigen Archäologen hievt, der aus Poitiers angereist ist. Sofort eilt der Pathologe davon – auf seinem Schreibtisch wartet der Schädel von Marie-Antoine Carème, einem der bedeutendsten Köche und Patissiers des 19. Jahrhunderts. Auch der Konditor litt mächtig an Karies, so viel kann der Pathologe schon verraten.

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.