Hinter der Scheibe lässt die Herbstsonne die oberfränkischen Hügel golden leuchten. Dort könnte ich jetzt schön wandern gehen, die Landschaft sieht friedlich aus. Aber hier, in diesem Haus, dringen von unten Schreie hoch: "Helft mir! Bitte! Ich kann mir doch nicht helfen. Wann helft ihr mir?" Auf der Fensterbank zappelt eine Fliege erbärmlich mit den Beinen. Sie ist auf den Rücken gefallen und schafft es nicht, sich wieder umzudrehen. Ich halte der Fliege meinen Finger hin, sie krabbelt ein Stück daran hoch, fliegt los und setzt sich auf die Scheibe. Der Frau, die im Erdgeschoss um Hilfe ruft, kann ich nicht helfen. Noch ein Blick auf die Hügel, dann traue ich mich nach unten.

Als Irmgard Zellner-Hönl und ich das Esszimmer betreten, verstummt die alte Dame, sieht mich interessiert an, reicht mir die Hand und stellt sich höflich vor. Cilli heißt sie, gesprochen Zilli, das kommt von Cäcilia. Im Rollstuhl sitzt sie am Tisch, so, dass sie einen guten Blick auf den Hang und die Apfelbäume im Garten hat.

Es gibt Kaffee und frisch gebackene Waffeln, die schon in einzelne Herzen zerteilt sind. Cilli isst ein Waffelherz, dann noch eines. "Gut", kommentiert sie knapp. "Sie hat viel Appetit", sagt die Gastgeberin. Doch auf einmal verändert sich der Gesichtsausdruck der alten Dame. Die Falten an der Stirn und neben dem Mund werden zu tiefen Furchen, mit weit aufgerissenen Augen sieht sie erst mich an, dann die Gastgeberin, dann schreit sie wieder: "Helft mir!"

"Sie hat unterschiedliche Phasen", erklärt Zellner-Hönl. "Manchmal ist sie in ihrer Kindheit, manchmal auf der Flucht und manchmal in ihrem Arbeitsleben." Zurzeit sei sie auf der Flucht, die schlimmste Phase. Erstaunlich ist, was Zellner-Hönl jetzt nicht tut. Sie tätschelt nicht Cillis Hand, redet ihr nicht gut zu, sagt keine verlogenen Sätze wie: "Das wird schon wieder." Sie gießt sich Kaffee ein und sagt beiläufig: "Ja, wobei soll ich dir denn helfen?" Cilli sieht sie irritiert an und sagt: "Ich weiß es nicht." Der Schrecken ist erst mal weg.

Wohnen in Familien statt im Heim

Irmgard Zellner-Hönl hat Cilli vor drei Jahren bei sich aufgenommen und lebt seitdem mit ihr in dieser ungewöhnlichen WG zusammen. Dabei ist sie nicht mit der alten Dame verwandt, bei der ersten Begegnung vor drei Jahren war sie eine Fremde, und richtig kennenlernen wird sie Cilli nie. Cilli ist schwer an Demenz erkrankt und kennt sich selbst nicht mehr.

"Betreutes Wohnen in Familien" nennt sich das Konzept, bei dem psychisch Kranke, Behinderte und seit Neuerem auch demenzkranke, alte Menschen in Gastfamilien einziehen. Die Betreuer haben dabei nicht die Aufgabe, ihre Gäste zu therapieren, sondern ihnen ein Leben mit einem einigermaßen gewöhnlichen Alltag zu ermöglichen, damit sie nicht von der Gesellschaft abgeschottet leben müssen. Ein Sozialdienst vermittelt Patient und Gastfamilie und bleibt Ansprechpartner für beide.

"Demenzkranke empfinden Heime oft als unübersichtlich und können sich nur schwer merken, wer wer ist. Schon deshalb kommen sie in den Gastfamilien meist besser zurecht", sagt Paul-Otto Schmidt-Michel, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Weissenau, der maßgeblich dazu beigetragen hat, Betreutes Wohnen in Familien in Deutschland zu etablieren. Für eine Gastfamilie könne es leichter sein, einen Demenzkranken zu versorgen als für dessen Sohn oder Tochter. "Es ist oft schwer auszuhalten, wenn man jemanden seit 60 Jahren kennt, derjenige aber nicht mehr der Alte ist." Außenstehende haben mehr Abstand.

"Jetzt links und dann noch mal links", ruft Irmgard Zellner-Hönl. "Und heb die Füße." Sie hat Cilli aus dem Rollstuhl hochgeholfen, mit dem Rollator schafft sie den Weg ins Bad allein. Cilli vergisst nur jedes Mal, wo es ist. Deshalb sagt ihre Gastgeberin es ihr immer wieder, jeden Tag, seit drei Jahren. Sie weiß, dass Cilli für den Weg eine Weile braucht, deshalb räumt sie in Ruhe die Teller ab und bringt sie in die Küche. Erst im Bad selbst braucht Cilli wieder Hilfe.