Der kleine Hafen im Urlaub, der Freund aus der fünften Klasse: Fotos erinnern uns an Dinge, die wir vergessen haben. Wie Souffleusen unserer Vergangenheit sagen sie uns, was war. Doch das Gedächtnis ist leicht zu täuschen. Ein Psychologenteam der University of Wellington und der University of Victoria zeigte in einem Experiment Teilnehmern manipulierte Bilder, auf denen sie als Kind in einem Heißluftballon zu sehen waren: Obwohl dieser Ausflug nie stattgefunden hatte, meinten sich die Teilnehmer trotzdem daran zu erinnern. Das Experiment zeigt: Bilder helfen nicht nur, Erinnerungen zu erzeugen, sondern auch, welche zu erfinden.

Ist das genauso beim kollektiven Erinnerungsvermögen? Zum Beispiel bei einem Bild mit Berliner Trümmerfrauen, die mit Schaufeln auf einem Schutthaufen stehen. Es wurde nach 1945 zum Symbol des Wiederaufbaus in Deutschland und später eine Ikone der Emanzipationsbewegung. Oder das Bild von dem nackten vietnamesischen Kind, das schreiend auf den Betrachter zuläuft, auf der Flucht vor einem angeblich amerikanischen Napalm-Angriff. Es genügt, diese Fotos zu beschreiben, jeder hat sie sofort vor Augen. Nur gab es diese Momente so nicht: Das Bild der Trümmerfrauen wurde mit Schauspielerinnen inszeniert, um die Moral zu heben. Es zeigte die deutsche Gesellschaft so, wie sie sich selbst sehen wollte. Und das Kind lief zwar davon – aber vor einem sogenannten friendly fire der eigenen Landsleute. Das Nachrichtenbild wurde zum Antikriegsbild schlechthin, weil es auch ohne Text funktionierte und dadurch eine Projektionsfläche für verschiedene Interpretationen bot. Wir laden also Bilder mit Bedeutungen auf, die sie ursprünglich gar nicht hatten. Mehr noch: Erinnerungen lassen sich durch manipulierte Fotos nachträglich modifizieren, wie die amerikanische Psychologieprofessorin Elizabeth Loftus in einem Experiment mit Studenten an der Universität Padua nachwies. Das Bild einer friedlichen Demonstration in Italien wurde so verändert, dass sie gewalttätiger erschien, als sie es gewesen war. Und tatsächlich: Die Studenten glaubten, sich an eine deutlich aggressive Stimmung zu erinnern. Nicht nur Kindheitserinnerungen, sondern auch unser Blick auf kürzer zurückliegende gesellschaftliche Erlebnisse können durch Bilder manipuliert werden.

"Pressebilder sind nicht wahr, sondern Waren!", sagt der Historiker Gerhard Paul, der an der Universität Flensburg die Wirkung von Bildern erforscht. Bilder seien nicht dazu da, Geschichte zu dokumentieren, sondern verkauft zu werden – wie Musik oder Schokoriegel. Ein erfolgreiches Bild müsse der Pathosformel entsprechen, das heißt: Es zeigt existenzielle Gefühlszustände, Motive, die wir aus der Kunstgeschichte oder der christlichen Ikonografie kennen. "Das Bild muss eine klare Aussage haben, spannungsvoll komponiert und in den Medien oft wiederholt worden sein." Was nicht besonders emotional oder plakativ ist, wird gar nicht erst fotografiert, von Bildagenturen nicht gekauft und von uns nicht gesehen. Somit wird ein großer Teil der Geschichte ausgeblendet – und die Welt verdichtet sich auf ein Schema, das leicht abzuspeichern, aber auch ziemlich schlicht ist.

Doch was ist mit den Leerstellen unseres kollektiven Bewusstseins – mit den Bildern, die nie gemacht wurden? "Ein Ereignis ohne Bilder ist so, als hätte es nicht stattgefunden", sagt der Historiker Paul. Aber das ändert sich: Heute sind wir alle Bildproduzenten. Es gibt mehr Bilder als je zuvor. Und gleichzeitig werden wir sensibler gegenüber Fälschungen, weil wir um die technischen Möglichkeiten wissen.

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